Ich bin kein schlechter Mensch. Eigentlich.
Um meinen allmählichen Verfall zu stoppen, wollte ich mir eine Dame suchen. Aber mit dem, was dann passierte, konnte ich wirklich nicht rechnen.
Am Anfang möchte ich erwähnen, dass ich
eigentlich kein schlechter Mensch bin. Wirklich nicht.
Zumindest dann nicht, wenn schlecht bedeutet, dass jemand böse Absichten verfolgt. Ich verfolge keine bösen Absichten. Im Grunde verfolge ich meist gar keine Absichten. Ich lebe vor mich hin, in den Tag, in die Woche, in die Ereignisse, die passieren, wenn sie passieren.
So stöberte ich mich
stundenlang durch einen Dschungel an Gesichtern und Profilen, Namen, Gruppen.
„Sag doch einfach, du bist nett, ich möchte mit dir schlafen!“. "Will ich
aber nicht."
Damen mit aufreizenden Bikinibildern, die bei einem zweiten Blick leider gar nichts
Ansehnliches zu bieten haben außer ihrem Bauch. Mit einem Bauch kann man
schlecht seinen Lieblingsfilm sehen.
Ich suchte eine Dame, die sexuell flexibel ist, intellektuell biegsam, deren Niveau sich aber zur Tageszeit nicht so verhält wie eine Barbiepuppe zu der eingestellten Zeit, die sie in der Mikrowelle dreht.
Es war dreiundzwanzig
Uhr, als ich die Suche aufgeben wollte und noch so gerade eben gegruschelt wurde.
Ein schneller Klick, der Wahnsinn. Eine mysteriöse Dame, anfang zwanzig, ohne
Gruppen und gutem Geschmack in allen Belangen. Der einzige Haken schien ihr
fehlendes Profilbild, was mich nicht störte. "Man muss etwas
riskieren" und „Nein kann man später immer noch sagen."
Überschwänglich begrüßte ich sie per Mail und sie antwortete zügig. Dass ihr Name Romina sei, erfuhr ich, aber dass das weder mit ihrem Sozialmillieu noch mit einem Migrationshintergrund zu tun hatte, ihre Eltern seien nett und Spießer, sie hätten sich zu „Felicita“ kennengelernt. Sie sei froh, kein Junge zu sein, sonst hieße sie Albano.
Spontan läuteten bei mir die Glocken des dödelig Harmlosen, zahnlosen Paarungshumors, "ich nenne dich Albana", was sie mir mit einem Smiley quittierte und ich schnell wusste, dass mein Fuß bereits tief in der virtuellen Tür war.
Wir schrieben die ganze Nacht, zitierten uns Gedichte und Lieblingsstellen aus unserem Filmen, machten Witzchen über die anderen User und Profile, die uns bei unserer Suche nach einem geeigneten Partner über den Weg liefen. Romina war klug und sarkastisch. Wäre ich ein Smiley aus der Digitalen Welt gewesen, ich hätte sie gleich da geheiratet.
Wenn die Sonne aufging, verabschiedeten wir halbe Stunden lang und vertrösteten uns auf den nächsten Abend.
Meine Hände wackelten, ich lief mit Dauergrinsen durch die Stadt und durch das Leben, ziellos... nicht ganz ziellos, das Ziel hieß „Am Leben bleiben bis heute abend, bis Romina.“
Das Internet! Ich war froh, jung genug zu sein, um damit sozialisiert zu werden. Es schuf bei meiner Generation das Phänomen der Liebe auf den ersten Klick. Abends war pünktlich wie angekündigt ihre Mail da, ich war rasch mit dem antworten und zählte immer die Minuten, eh das Postfach wieder ankündigte :“Nachrichten (1)“.
Zwei, drei Abende vergingen so und unsere Mails wurden immer länger, so lang, dass es zu kurzen Zwischenmails voller Zwischengedanken und Links kam, die das zuletzt geschriebene in einen medialen Zusammenhang einbetteten. Hätten wir da geheiratet und Kinder bekommen, wir wären die Vorzeigeehe des 21. Jahrhunderts geworden. Romina Power.
Am Ende einer langen
Woche kam das Unvermeidliche. Wir tauschten die Telefonnummern aus, stritten
darum, wer anrufen müsse und versicherten uns, dass auch wir selbst und kein
Mitbewohner oder Angehöriger an den Apparat gehen würden. Es klappte.
Herzklopfen, Aufregung. Wir hatten die Horrorszenarien vorher besprochen.
Eunuchenstimmchen, sächsicher Ureinwohner, Helen Keller...
Es passte. Ihre Stimme war hell und klar, süß und weiblich, sie hatte ein
fröhliches, schmutziges Lachen. Meine Erfahrung mahnte mich, besonnen zu
bleiben, doch ich konnte nicht verstehen: wo sollte hier bloß der Haken sein?.
Nur durch Zufall kamen wir auf die Kleiderwahl des Abends zu sprechen. Sie beschrieb, was sie trug, ich schloss daraus, wie sie aussehen musste und setzte die Puzzleteile hastig in mein Bild ein. Sie schien hübsch, gut gebaut. Das Kleidungsszenario gipfelte in einem Ausziehszenario und schließlich hatten wir den unvermeidbaren Telefonsex. Hörer an Hörer schliefen wir danach ein.
Die nächsten Abende begannen fortan mit Telefonaten, sie las mir von Fontane vor, von Easton Ellis und Schnitzler, ich las aus der unendlichen Geschichte oder E.T.A. Hoffmanns Sandmann. Wir fielen immer öfter verbal übereinander her, es war fantastisch und die Lust, sich wieder zu hören, stieg und stieg.
Wir sprachen von unseren Träumen und Ängsten, von Zukunftsplänen und Vergangenheitsbewältigung. Nach nur zwei Wochen meinten wir, uns ewig zu kennen. Das war zwar nur die dünne Wand des Wunschdenkens, aber die Tapete an dieser Wand strahlte bunt.
In der dritten Woche entschlossen wir, dass es ein Treffen dringend nötig ist. Romina war skeptisch, ohne dass ich es verstehen konnte. Wir diskutierten eine Stunde, überlegten, wie es wäre, wenn das alles sich in Unwohlgefallen auflösen würde. Was wäre, wenn wir dann kein Wort raus bekämen, uns nicht mögen würden, nicht attraktiv fänden. Sie hatte damit natürlich Recht. Aber wir waren längst an dem Punkt, an dem die Hütte sprichwörtlich brannte. Mit anderen Worten: wir mussten Fakten schaffen.
An einem Samstag morgen saß ich umringt von Fußballfans im Zug und sie grölten die Lieder ihrer Mannschaften, fragten mich, ob ich Bremen- Fan sei. Ich verneinte und antwortete, dass ich Romina besuche, die viel mehr drauf habe als die Bremer. Ich bekam dafür eine Flasche Bier in die Hand gedrückt. „Der is' gut, der Junge“, sagten sie. Ich nickte beruhigt. Schön, so etwas zu hören.
Ich stieg vom Zug in den
Bus um, griff mir mein Buch aus dem Rucksack, das ich mit genommen habe, um
Romina daraus vorzulesen. Der Bus war voller Schüler, schräg vor mir saß ein
junges Mädchen. Sie war blond und vielleicht vierzehn oder fünfzehn und lächelte
zu mir herüber.
Ich lächelte zurück, las dann weiter. Und dachte: Wäre sie älter und ich nicht
auf dem Weg zu meiner Dame… nicht schlecht.
Eine Stunde später hielt der Bus an einem großen Platz, ich starrte nervös aus dem Fenster, sah viele Gesichter, aber Romina sah ich nicht.
Ich stieg aus und drehte
mich im Kreis, lief auf den Platz hinaus, drehte mich erneut. War sie nicht
gekommen? In meinem Rücken plötzlich ihre Stimme. „Hallo?“
Ich drehte mich um.
"Scheiße."
Ich schaute nach rechts, dann nach links.
"Scheiße."
„Bist du es, Rom... ?“
„Ja... „,, sagte sie und ihre Arme zogen sie schnell an mich heran.
Das junge blonde Küken aus dem Bus.
Sie war klein, zierlich, sie war an den passenden Stellen schon Frau. Aber...
aber aber aber, sie hatte das Gesicht, die Hände, die Kleidung eines jungen
Mädchens. Zu jung.
„Hi...“
„Ich weiß, was du denkst. Es ist nicht, wie es aussieht. Ich sehe jung aus. Du
bist bestimmt enttäuscht.“
„Ich weiß gerade nicht. Ich bin verwirrt...“
Wir setzten uns auf eine
Bank am Platz und redeten.
Romina erzählte viel und ich wenig. Sie erzählte mir, sie sei eine
Zweiundzwanzigjährige im Körper einer Vierzehnjährigen. Das Amt habe immer
wieder geweigert, das Alter anzuerkennen, wenn sie früher, da Heimkind, jenes
endlich verlassen wollte. "Sie haben doch die Papiere gefälscht. Das ist
doch ein Witz." Dann sei sie vor zwei Jahren adoptiert worden. Sie lebte
bei fremden Menschen, die meinten, ihre Eltern zu sein. Da Schulferien waren,
sind sie für zwei Wochen weg gewesen. "Darum konnte ich auch immer
telefonieren.“
Die Ärzte hätten nichts feststellen können, sie alterte langsamer als andere
Menschen, aber hatte sich nie über langen Zeitraum beobachten lassen.
"Acht geklaute Jahre, weißt du? Acht geklaute Jahre...".
Ich hörte mir an, was sie sagte. Mein Verstand biss mich. Mit allen Fasern
meines Hirns begann ich zu glauben, dass dieses junge Mädchen eher dreißig als
vierzehn sein musste, aber meine Augen logen mir nichts vor.
Menschen gingen an uns
vorbei. Sie sahen uns nicht komisch an. Wir waren ja nach außen wie Bruder und
Schwester.
Wir verbrachten den ganzen Tag miteinander, gingen lange spazieren, dann essen.
Ich bezahlte natürlich „für meine kleine Schwester“.
Abends war es dann zu
spät, um noch einen Zug zu nehmen, wir hatten die Zeit vergessen und das kleine
Städtchen war kein Fernverkehrseldorado.
„Du kannst bei uns übernachten.“
„Ich weiß nicht...“
Schließlich kam ich mit. Wir saßen auf der Couch, ich suchte heimlich nach versteckten Kameras. "Keine da." Ich fühlte mich unwohl, mein Herz schlug fest. Die zweiundzwanzigjährige Romina redete, während das Schulmädchen mich ansah. Wir küssten uns kurz, dann schnellte ich zurück. "Es geht nicht."
Ich schlief in dieser Nacht auf der Couch und ich schlief so schlecht wie nie in meinem Leben. Drei Mal übergab ich mich der Kloschüssel, aber die Verwirrung wollte nicht raus. Als ich früher Lolita las, fragte ich mich immer, wieso sich Humbert so schwer tat. Wieso er etwas darauf gab, was andere sagten. Jetzt fragte ich mich, wieso gerade mir so etwas passieren musste. Ich dachte an meinen Bruder, der mich immer ermahnte „Du musst erwachsen werden“, dachte an meine Freunde, meine Zukunft. Drei Wochen zuvor war mein Leben in Ordnung. Ich dachte an die vielen Nächte, an das Herzklopfen, das nervöse Warten. Diese Sommerabende. Ja. Schön war das.
Am nächsten Morgen besorgte ich uns Frühstück, nach den Croissants erkläre ich, dass ich das alles nicht kann. Dass ich zu alt sei und es Ärger geben würde, wenn wir uns näher kämen. Ärger, den keiner aufhalten könnte, denn das, was wir tun würden, läge jenseits von dem, was Menschen in diesem Land zu akzeptieren bereit sind. Aber ging es um das Land oder bloß um mich?
Romina wurde wütend. Sie beschimpfte mich als „feige Sau“. Und schmiss mich raus.
Wir hörten drei Wochen
nicht voneinander. Die Wochen waren lang, ich lag oft wach und dachte über mich
nach, das Älterwerden, darüber, ob ich zum Spießer mutierte oder zu einem
verantwortungsvollen Menschen. Dann rief ich sie an. Um zu hören, wie es ihr
ging.
Ich merkte gleich, wie mir ihre Stimme fehlte und wir gestanden uns, dass der
Kontakt wichtig war. Wir trafen uns wieder öfter und telefonierten viel, die
Sorgen kehrten wir unter einen Teppich, der sich immer weiter wölbte. Die
Spannung zwischen uns blieb, sie blieb und wuchs, dass es den Teppich fast
zerriss. Bis ich ihr versprach, dass ich warten würde, bis ihr Körper achtzehn
ist. Sie lächelte.
Das alles ist jetzt ein halbes Jahr her. Ich weiß nicht immer, wie viel von dem Versprechen wahr war, wie realistisch es ist, so etwas zu sagen und wie sich so viel Zeit gelebt anfühlt. Ich weiß nicht, wie ich darüber denken werde, wenn sie 18 sein wird oder 23. Wie auch sie sich verändern wird. Vielleicht hätten wir in 10 Jahren darüber gelacht, vielleicht hätte sie mir auch den Laufpass gegeben. Soweit kam es nicht.
Gestern haben wir telefoniert und sie erzählte mir, sie habe vor kurzem einen Mann kennen gelernt. Anders als mir wären ihm egal gewesen: Die Umstände, der äußere Schein. Sie hätten miteinander geschlafen und seien zusammen. Ich sagte gar nichts und hörte es mir an. Ihre Eltern hätten von der Sache noch keinen Wind.
Sie erzählte eine Stunde, ich schrieb mit.
Heute haben sie ihn festgenommen.
Hätte ich es für mich
behalten sollen?
Ich frag mich, wie mir so etwas passieren konnte. Alles das.
Eigentlich bin ich ja kein schlechter Mensch.
(überarbeitete und gekürzte Fassung. Ersttext entstanden am: 06.12.2009)





Kommentare
ich habe den jetzt nur gelesen, weil ich den titel infrage stellen wollte: jeder mensch ist irgendwo schlecht, dachte ich...
15.01.2013, 15:00 von impactdein text gibt mir recht.
bin beruhigt.
ich hab gesessen. hier. vor diesem bildschirm habe ich gesessen und meine in sich gefalteten hände vor meinen mund gehalten und immer nur gedacht... was kommt jetzt. bei jedem neuen satz. es war großartig. danke.
19.08.2012, 22:09 von Mechthild_Bundschuhspannend. überraschend. entspricht nicht den erwartungen, übertrifft sie.
05.06.2012, 04:09 von wasauchimmerundsoweiterzusammengefasst: sehr gut gelungen!
Ganz ganz großes Kino! Wow!
11.05.2012, 12:37 von FeuerteufelchenWas ich dazu zu sagen habe, schreibe ich dir per IN, Mr.Gamibt.
Was ich dazu zu sagen habe, schreibe ich dir per IN, Mr.Gamibt.
Sehr gut, Kompliment!
23.04.2012, 13:14 von Seesternleein toller text. vom ersten bis zum letzten satz spannend!
21.04.2012, 08:11 von Faradunasuper.mir wurde fast etwas schlecht.woooow. ich bin 28. ruf mich an :)
18.04.2012, 09:26 von beccileinwow!
15.04.2012, 18:42 von FinchenMagLachengeflasht!