Marc_Schuermann 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 2

Ich bin heilfroh

BENJAMIN PRÜFER erzählt über seine Liebe zu einer jungen HIV-infizierten Kambodschanerin und ihr neues Leben in Deutschland.

.Sreykeo, du siehst gut aus.
Sreykeo:
Ja, ich bin gesund. In Deutschland. In Kambodscha wäre ich nicht gesund.

Wie stark ist das Virus im Moment?
Sreykeo:
Das weiß ich nicht.

Du weißt es nicht? Aber du gehst doch oft zum Arzt?
Sreykeo:
Ja, aber darum kümmert sich Ben.
Benjamin: Es ist alles okay. Alle drei Monate wird der Zustand ihres Immunsystems überprüft, und derzeit entspricht er in etwa dem eines gesunden Menschen: Die Menge der Viren wird auf eine Zahl gedrückt, die technisch nicht mehr nachweisbar ist. Das ist jetzt seit fast zwei Jahren so. Wie lange das so bleibt, weiß man nicht. Das liegt auch daran, dass es diese Therapie erst seit zehn Jahren gibt.

Welche Therapie?
Benjamin:
Sie nimmt morgens und abends Medikamente ein, immer um neun Uhr, drei Präparate auf einmal. Diese Medikamente können die Vermehrung des Virus unterdrücken, es aber nicht töten. Deswegen muss die Menge der Wirkstoffe in ihrem Blut immer auf einem bestimmten Level gehalten werden.

Und wenn sie die Medikamente mal vergessen würde?
Benjamin:
Dann könnte sich das Virus wieder vermehren und dabei Mutationen ausbilden. Und es wäre irgendwann resistent gegen die Medikamente.

Sreykeo, ich wundere mich, dass du keine genaue Vorstellung davon hast, was in deinem Körper passiert.
Sreykeo:
Ich will mir darum keine Sorgen machen. Deswegen ist das Bens Sache. Solange er nichts sagt, weiß ich, dass alles okay ist.

Benjamin, wie oft machst du einen Aidstest?
Benjamin:
Alle drei bis sechs Monate. Öfter macht das keinen Sinn, weil eine Ansteckung erst nach drei Monaten nachweisbar ist.

Wie groß ist deine Angst davor?
Benjamin:
Nicht sehr groß. Weil Sreykeo so wenige Viren im Blut hat, ist auch die Wahrscheinlichkeit stark reduziert, sich anzustecken. Beim Sex benutzen wir Kondome - und ich habe noch nie erlebt, dass ein Markenkondom gerissen ist.

In deinem NEON-Artikel vor anderthalb Jahren hattest du geschrieben, dass du eigentlich Kinder willst. Ist dieser Wunsch vorbei?
Benjamin:
Nein, überhaupt nicht. In Deutschland werden nur zwei Prozent aller Kinder von HIVinfizierten Müttern während der Schwangerschaft angesteckt. Sreykeo hätte am liebsten sofort ein Kind, ich würde lieber noch etwas warten. Aber dann wollen wir das - per künstlicher Befruchtung.

Sreykeo, du bist seit Weihnachten in Deutschland. Was war das Erste, das dir hier aufgefallen ist?
Sreykeo:
Schnee, der aus dem Mund kam.

Du meinst die Kältewölkchen beim Atmen?
Sreykeo:
Ich kannte das nur aus Filmen. Bens Vater hat meine Hand gegen ein Auto gedrückt, das von Eis bedeckt war. Kälter als im Kühlschrank! Hier zu sein, ist wie im Film, ein anderes Leben. Wir fliegen jetzt für einen Monat nach Kambodscha. Ich freue mich auf meine Geschwister, aber trotzdem finde ich das traurig. Ich will die Vergangenheit nicht wiedersehen.
Benjamin: Erzähl mal von den Maschinen.
Sreykeo: Ja, das hat mich überrascht: Hier gibt es Maschinen für alles! Um sauber zu machen, Messer zu schärfen, Kleidung zu waschen, Kleidung zu trocknen, Eier zu kochen, Wasser zu kochen, Kaffee zu machen …

Hast du dich daran gewöhnt?
Sreykeo:
Ja, habe ich. Ich mag die Maschinen.
Benjamin: Und wie. Sie liegt mir den ganzen Tag in den Ohren, dass wir noch keine Waschmaschine haben. Das verstehe ich natürlich, aber in Kambodscha hat sie die Wäsche immer per Hand gewaschen. Riesenberge. Und auf einmal er - scheint ihr das völlig absurd.

Ihr habt bis auf eine Kommode, ein Sofa und eine Matratze keine Möbel in eurer Zweizimmerwohnung. Wo bleiben die?
Benjamin:
Ich habe welche bei einem Freund im Keller stehen. Aber ein Fernsehteam will uns beim Umzug filmen, und die finden irgendwie keinen Termin.

Es gab viel Wirbel um deinen NEON-Artikel. Jetzt dein Buch - ist es merkwürdig, so sehr vom eigenen Schicksal zu leben?
Benjamin:
Das ist schon komisch. Ich bin damit auch nicht immer glücklich, ich stehe nicht gern im Mittelpunkt. Und ich weiß nicht, wo wir die Grenze ziehen sollen zwischen »machen wir, um Geld zu verdienen« und »zu privat«. Aber ich kann mit diesem Trubel viel besser leben als damit, die Beziehung mit Sreykeo und ihre Krankheit zu verheimlichen. So wie ich es vor dem NEON-Text gemacht habe.

Seid ihr jetzt nach deutschem Recht verheiratet?
Benjamin:
Das ist noch nicht so richtig klar. Wir haben eine kambodschanische Heiratsurkunde, durch die Sreykeo eine Aufenthaltsgenehmigung für 18 Monate bekommen hat. Aber auf diese Urkunde hat noch keine Behörde ihren Stempel gemacht. Theoretisch kann das ein Problem werden. Wir müssen jetzt alle möglichen Unterlagen einreichen, dann engagiert die deutsche Botschaft in Phnom Penh einen kambodschanischen An - walt, der sich auf sein Mofa setzt und Sreykeos Verwandte abklappert, um zu prüfen, ob sie wirklich so heißt und es unsere Hochzeit gegeben hat.

War es eine Option, nach Kambodscha zu ziehen, statt Sreykeo nach Deutschland zu holen?
Benjamin:
Nein. Zum einen hätte ich nicht gewusst, was ich in Kambodscha arbeiten soll. Und zum anderen wegen der medizinischen Versorgung.

Aber hat sie nicht die gleichen Medikamente schon in Kambodscha genommen?
Benjamin:
Doch, das waren zwar keine Markenprodukte, aber die gleichen Wirkstoffe. Nur: Wenn diese Medikamentenkombination einmal versagen sollte, muss Sreykeo auf teurere Medikamente umsteigen. Die sind in Kambodscha nicht verfügbar.

Ihr wohnt hier in einer sehr bürgerlichen Hamburger Gegend: rote Backsteingebäude, viele Bäume, eine Internistenpraxis im Erdgeschoss - krasser könnte der Gegensatz zu Phnom Penh ja kaum sein.
Sreykeo:
Aber es gibt einen Asialaden um die Ecke! Mich stört, dass es hier so ruhig ist. Keine Mofas, kein Fernsehen, keine Geschwister … Dafür war es in Kambodscha schwieriger, allein im Haus zu sein. Dort hatte ich Angst vor Einbrechern und Vergewaltigern.

Wie sieht jetzt dein Tagesablauf aus?
Sreykeo:
Jeden Morgen muss ich zum Deutschunterricht in den Integrationskurs, von zehn bis halb drei. Danach gehe ich einkaufen, koche und mache Hausaufgaben.

Du sprichst ja schon ziemlich gut Deutsch. Was machst du, sobald der Kurs abgeschlossen ist?
Sreykeo:
Dann möchte ich arbeiten. Als was, entscheidet Ben.
Benjamin: Was? Das entscheide doch nicht ich!
Sreykeo: Ich denke, vielleicht als Tagesmutter. Oder in einer Bäckerei.

Habt ihr euch dadurch verändert, dass Sreykeo nach Deutschland gekommen ist?
Benjamin:
Ja, besonders Sreykeo. Sie ist disziplinierter geworden. Ich habe es in Kambodscha nie gesehen, dass sie vier Stunden am Stück Vokabeln gelernt hat. Sie hat mehr Ehrgeiz entwickelt und sie hat angefangen, systematisch zu lernen.

Früher, nachdem du von Sreykeos Krankheit erfahren hattest, hast du dir mal gewünscht, ihr wärt euch nie begegnet - dein Leben wäre so viel einfacher. Geht es dir immer noch so?
Benjamin:
Nein, ich bin heilfroh, dass alles so gekommen ist. Ich habe ja in jeder Beziehung davon profitiert.

Allerdings hast du jetzt einen Menschen an deiner Seite, der stark von dir abhängig ist.
Benjamin:
Das ist doch das Wesen einer Ehe, dass man voneinander abhängig ist.

Sreykeo ist nicht nur emotional von dir abhängig, sondern auch medizinisch und finanziell. Du bist ihr Retter.
Benjamin:
Ich sehe in unserer Beziehung kein Ungleichgewicht. Wenn man eine Beziehung so betrachtet, dass jeder gleich viel investieren muss, ist natürlich eins da. Aber eine Beziehung funktioniert doch so, dass man sein Ego aufgibt und zu einem Wesen verschmilzt. Für ihre Rettung muss Sreykeo mir nicht dankbar sein. Für sie ist unsere Lage bloß insofern ein Problem, als es sie wurmt, dass sie noch kein eigenes Geld verdient.
Sreykeo: Aber wenn ich Ben nicht hätte, würde ich keine Medizin wollen. Ich brauche ihn mehr als die Medikamente.

Habt ihr ein schlechtes Gewissen gegenüber Frauen, die in einer ähnlichen Situation sind wie Sreykeo, aber in ihrer Heimat bleiben müssen?
Benjamin:
Nach der Veröffentlichung des NEONTextes haben sich viele deutsche Männer bei uns gemeldet, die in einer ähnlichen Situation sind. Aber denen kann ich nicht helfen, ihre Beziehung auf die Reihe zu kriegen. Außerdem bin ich kein Entwicklungshelfer. Es ging mir nur um Sreykeo, nicht darum, die Welt zu verbessern oder ein Zeichen zu setzen. Deswegen denke ich über die Frage eigentlich nicht nach.

Was ist mit Sreykeos älterer Schwester? Auch sie ist HIV-infiziert, und sie lebt immer noch in Phnom Penh.
Benjamin:
Bei ihr ist es etwas anderes. Ich habe versucht, sie davon abzuhalten, anschaffen zu gehen, aber sie tut das wohl immer noch. Sie nimmt die gleichen Medikamente wie Sreykeo, aber die allein helfen ihr nicht, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Sie hat keine Schulbildung und hängt den ganzen Tag vor der Glotze oder spielt Karten. Man müsste ihr eine Alternative bieten. Bei Sreykeo war ich das. Ihrer Schwester kann ich Medikamente und Geld geben, aber keinen Mann."Wichtige Links zu diesem Text"
Die ganze Geschichte: NEON-Link Kambodscha


Tags: Fernbeziehung, Heiraten
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