Cold_Coffee 30.11.-0001, 00:00 Uhr 33 50

ICE 1709 fährt nicht mehr

Monate später. Jetzt sitze ich wieder einmal im Zug. Der ICE 1709 fährt nicht mehr für mich.

Eigentlich kenne ich mich hier schon besser aus, als in meiner eigenen Wohnung. Ich steige aus dem Taxi. Dem Obdachlosen vor dem großen Eingang begrüße mit einem Nicken und lege ihm wie immer 50 Cent in seinen Becher. Wahrscheinlich wird er mich nicht erkennen, obwohl wir uns hier ständig sehen. Er steht immer an der gleichen Ecke, sein Blick ist immer auf die gleiche Art auf den Taxistand gerichtet. Hoffnungsvoll, Wartend- gleichzeitig etwas beschämt.

Ich bin mal wieder spät dran- wie immer eigentlich. Eine letzte Zigarette auf der Hochparterre und dann ab zum Gleis. Alles pünktlich - selten aber wahr. In den Keller. Dieser Keller hat etwas besonderes. Er ist im Sommer wie im Winter auf ca. 5 Grad temperiert. Es wuselt nur so vor Menschen und Koffern. Eine lange Schlange vor dem Aushangfahrplan. Sitzplatzsuche. Verabschiedungen, Küsschen, Winken, weitergehen.

Der Zug fährt ein. Ich werde mich nie an dieses kreischen der Schienen und an diesen kalten drückenden Luftdruck der einfahrenden ICE's gewöhnen.

Ich finde mittlerweile blind zum richtigen Wagen und Sitzplatz. Zu oft bin ich diesen Weg schon in den letzten Monaten gegangen. Ich bin vorbereitet. Hinsetzen, Notebook raus, Film anmachen. Treiben lassen. Mir gegenüber ein bekanntes Gesicht. Nicht das einzige hier. Es tun mir viele gleich. Ich verliere die Konzentration. Fange an mich in Gedanken zu verlieren. Blicke starr aus dem Fenster. Mein Kopf kreist. Worum ? Um dich.

Noch vor einem Jahr war dieser Weg ein Erlebnis. Ein Abendteuer, dass  mich aus meinem Alltag gerissen hat. Ich habe es genossen rauszukommen.  Aus Berlin, aus meinem Leben, aus allem. Wenn ich bei dir war, habe ich ein anderes Leben gelebt. Ein freieres. Die Tage, die wir in deiner Stadt verbringen sind anders. Wir sind anders. Wir leben mehr und besser. Wir genießen den Tag und die Nacht. Aber wir wissen es ist nur von kurzer Dauer. Mein Leben spielt sich woanders ab. Mein Leben findet einige hundert Kilometer entfernt statt. In der Stadt, die einst alles für mich war. Die Stadt, die für mich mehr als reine Selbstverwirklichung bedeutete. Ich liebte diese rosa Wolken, die ich aus meinem Sessel jeden Abend aufs Neue sehen konnte. Ich liebte die Freiheit in der Masse schwimmen zu können ohne aufzufallen. Ich liebte meine kleine Wohnung. Und jetzt ? Monate später? Jetzt sitze ich wieder einmal im Zug. Der ICE 1709 fährt nicht mehr für mich. Denn aus einem Freitag bis Sonntag wurde ein Donnerstag bis Montag. Ich gebe zu, am Anfang dir zuliebe – mittlerweile weil ich es selber so will. Ich habe mich verändert. Ohne es zu wollen. Mein Leben hat sich verändert. Nein, das war nicht geplant. Ich war angekommen, glaubte ich. Aber war ich es auch?

Stunden später sitze ich auf deinem alten, furchtbaren Hollandrad.  Eigentlich hätte ich mir schon vor Monaten ein eigenes Fahrrad kaufen sollen und es bei dir in den Keller stellen, anstatt mit diesem, mir viel zu kleinen, klapprigen Gefährt durch die Stadt zu fahren. Aber irgendwie gehört es dazu. Seitdem ich dich kenne fahre ich mit diesem Rad. Einkaufen, wie jedes Wochenende. Den Edeka um die Ecke kenn ich wohl auch schon besser als die Supermärkte in meinem Kiez zu Hause. Aber eigentlich mag ich dieses Gefühl. Ich fühle mich frei. Der frische Wind der über das Meer in die Stadt getragen wird macht mich frei. Frei von Gedanken. Frei von allem was festhält.  

Wir mögen eigentlich keine Veränderungen. Wir wissen nicht was auf uns zukommt. Haben Angst davor, dass Dinge passieren, die wir nicht beeinflussen können. Aber wir können das Leben nicht aufhalten. Wir müssen das Leben nehmen wie es kommt. Aber Veränderungen tun gut. Sie bringen uns weiter und geben uns die Chance unser Leben besser zu machen. Sie lassen uns wachsen. Und manchmal sind sie alles was wir brauchen.

In 3 Tagen sitze ich wieder im Zug. Im Zug in einer andere Stadt. Auf den Weg in ein anderes Leben. Aber ich werde bald wiederkommen und dann, dann werde ich bleiben. Bei dir. In deiner Stadt. In unserer. In Liebe.

 

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33 Antworten

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    Das Gefühl, sich in so einen Zug zu setzen und raus zu kommen aus der eigenen Welt ist das Beste. Vor allem, wenn im Endbahnhof jemand auf einen wartet, dessen Augen anfangen zu glühen und der losrennt wenn er einen erblickt. Dieses Gefühl des Ankommens, wenn man diesem Jemand dann in die Arme fällt.
    Wahnsinn.

    Leider hat es bei uns nicht gereicht. Zu einer letzten, endgültigen Zugfahrt um anschließend zu bleiben ist es leider nie gekommen..

    17.04.2013, 22:05 von nirgendsueberall
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    wunderschön! Ich kenne dieses Gefühl nur zu gut. Von Frankfurt nach Leipzig. Die Liebe zum Partner hat nicht gehalten, dafür aber die Liebe zur Stadt, in der ich leider viel zu selten bin.

    10.04.2013, 17:52 von clarabc
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    wie schön!

    10.04.2013, 16:49 von pecadomortal
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    Ich kenn das Gefühl auch, nur das es bei mir kein ICE war für die 60km, doch selbst nach dieser Etappe ist man in einer anderen Welt die man wenn es dann iwann vorbei ist doch auch irgendwie schrecklich vermisst...

    10.04.2013, 16:22 von rotblondeshaar
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    Irgendwie hast du da gerade mein Leben aufgeschrieben... Nur bei mir ist es ICE 377.

    10.04.2013, 15:33 von wir_sommer_wiese
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    also wenn schon spitzname, dann doch lieber friedl statt ICE. und am 17.09. hab ich auch nich geburtstag.

    10.04.2013, 13:59 von IceIceFriedhelm
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    ich finde ihn schön...erinnert mich an eine verpasste chance...schön, dass es auch anders geht!!!!

    10.04.2013, 10:41 von FinchenMagLachen
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