Sommerregen03 28.02.2013, 00:28 Uhr 32 33

I'm running late.

Dieser Text ist nicht für dich, er ist für sie. Ein Dankeschön für all ihre Liebe, Fürsorge und den besten Schokoladenkuchen der Welt.

Ich gab mir selbst gerne Versprechen, die ich noch lieber hielt. Wenn nichts mehr blieb, dann konnte Disziplin einen ganz gut auffangen. Meine hörte auf den Namen Mia und würde mich unheimlich missbilligend von der Seite betrachten, wenn sie mich jetzt sehen könnte:

Ich hatte mir geschworen, niemals in meinem eigenen Auto zu rauchen. Fünfte Zigarette auf dieser Autofahrt, die bereits zu lang war und die verbliebenen Kilometer auf diese Weise fast schmerzhaft machte.

Ich hatte sehr ernsthaft darüber nachgedacht, heute nicht zu kommen. Nachdem ich den Schlüssel im Zündschloss herumgedreht hatte, überlegte ich mir, einfach wieder aus dem Auto zu steigen und mich in meiner warmen Wohnung, meiner sicheren Wohnung, meiner Festung ins Bett zu legen. Nach einer Stunde Fahrt hatte ich das erste Mal umgedreht, nachdem Xavier Naidoo im Radio gespielt wurde dann ein zweites Mal, fast endgültig. Hätte ich nicht so viel Angst vor der Frau im Spiegel gehabt, die mich zu Hause erwarten würde, ich hätte es getan. Doch ich wusste, sie verachtete mich schon jetzt für meine Fehler und die Dinge, die ich nie getan hatte; für die Worte, die ich nie gesagt hatte. Ich hatte Angst, ihr unter die Augen zu treten, sollte mir heute einmal mehr der Mut entgleiten.

Lange Autofahrten haben eigentlich etwas Erlösendes. Ich bin verliebt in den Wind auf der Autobahn, in zu laute Musik, endlose Straßen, manchmal auch riskante Überholmanöver. Heute nicht. Ich kann dem Radio kaum zuhören, jedes Lied ist voller falsch gewählter Worte, durchdrungen von Erinnerungen, von Fehlern. So viele Fehler.

Ich erinnere mich an Sonntagsbraten auf dem Balkon, an die Zigarette danach, an ihr freundliches Lächeln und an frischen Himbeerjoghurt.

Ich erinnere mich daran, dass sie dir böse war, als du sie vor meinem ersten Besuch nicht gewarnt hattest. Sie hätte gerne für uns gekocht, hätte gerne für mich gekocht, und dann hätten wir bei einer Tasse schwarzem Kaffee in ihrer kleinen Küche sitzen und uns in aller Ruhe kennen lernen können. So war es nicht. Du und ich waren an diesem Tag mit Berührungen beschäftigt, sie mit der Einsamkeit des leeren Wohnzimmers und des zu laut gestellten Fernsehers, alles beim Alten.

Ich erinnere mich an ihren Schokoladenkuchen und alte Fotografien, die sie mir zeigte, als du gerade nicht im Zimmer warst. Sie wusste, du mochtest es nicht, wenn sie sentimental wurde und sich in Erinnerungen verlor, außer denen ihr nichts mehr geblieben war, so sagte sie. Doch anders als du schätzte ich das an ihr, ich hörte ihr gerne zu. Als du ins Zimmer kamst, räumte sie die verblichenen Fotografien, die schon so oft und so voller Liebe berührt wurden, schnell unter das mit Blumen bestickte Sofakissen. Ich erzählte dir nie davon und sie auch nicht.

Ich erinnere mich an diese eine gottverdammte Nacht, die dich und mich endgültig als Liebende verband - es klingt in meinen Ohren unendlich traurig, es so zu sagen, doch wo leere Wein- und Wodkaflaschen zu Statisten der Liebe werden, ist das für mich Traurigkeit. Du wolltest mich nicht zu ihr lassen, hast die Tür des Wohnzimmers hinter dir zugezogen, das Haus betraten wir anders als sonst durch den Eingang zur Küche. Ich sollte kein falsches Bild von ihr bekommen, es war nur so, dass sie viel erlebt, viel ertragen hatte in den letzten Jahren. Du hattest vergessen, dass ich groß genug war, diesen Schmerz auszuhalten - meinen, deinen, ihren. Bist nur kurz ins Wohnzimmer gegangen, alleine, und hast sie zugedeckt und zu lange gebraucht, um endlich zu weinen. Dieses Mal fing ich dich auf, nicht umgekehrt, während sie nicht nur vergessen wurde, sondern auch vergessen hatte, dass sie noch immer geliebt wurde. 

Ich erinnere mich nicht daran, die Worte Pass auf dich auf vermisst zu haben, bis sie sie mir auf den Heimweg mitgab. Das stundenlange Autofahren bei Dunkelheit hatte für sie noch immer etwas Gefährliches.

Ich erinnere mich an ihr Lächeln, als sie mir zu unserem letzten Gespräch die Tür öffnete. Es war anders als sonst und es hatte etwas Tröstendes.

Okay, letzte Zigarette. Autotür öffnen, Autotür schließen. Es aufgeben, den Mut weiterhin zu suchen, ich würde ihn heute nicht mehr finden. Hineingehen, ohne es zu wollen. Denn bei all den Erinnerungen ist mir etwas entglitten, das ich nie mehr werde zurückholen können:

Als ich ging, hatte ich vergessen, mich von ihr zu verabschieden.


Tags: Abschied, Sucht, vergeben
33

Diesen Text mochten auch

32 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 1

    ich versteh den text nicht so ganz, aber ich mag die art, wie du schreibst. das ist ein bisschen so, als würde man jemandem zuhören, der zwar eine fremde sprache spricht, aber eine schöne stimme hat.

    10.03.2013, 14:52 von entfesselt
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Wie viele Mias gibt und gab es in deinem Leben?

    05.03.2013, 13:48 von human_coloured_alien
    • 1

      Nur eine, aber in verschiedenen Variationen.

      05.03.2013, 13:51 von Sommerregen03
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Dabei sind Schwiegermütter doch sonst immer die bösen... hier jedoch eine eher traurige Gestalt, wie mir scheint.

    Die Beziehung zwischen "Ich" und "Du" bleibt in dem Text jedoch etwas im dunkeln. Ist aber scheinbar so gewollt, nehm ich an.

    02.03.2013, 06:45 von sellardore
    • 0

      Ja. Es sollte nicht noch ein Liebes-, nicht noch ein Vermissenstext werden, zumindest diesmal für jemand anderen.

      02.03.2013, 18:03 von Sommerregen03
    • 1

      wie jetzt? ist ehrlich die schwiegermutter gemeint? dann war ich mit meiner interpretation wohl zu sehr dramaqueen:-)

      04.03.2013, 10:31 von laylalani
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Hilfe, wie kommt man denn hier auf Bulimie?!? Ich mochte den Text, auch wenn er tatsächlich irgendwie nicht ganz rund ist (ähnlich Kafurs Bemerkung). Aber mit dem Titel hatte ich auch so meine Probleme: Passt nicht von der Sprache, und wie passt er vom Inhalt?

    02.03.2013, 00:15 von TheCaptainsFiancee
    • 0

      Die Sprache passt nicht ganz, aber ich mag die Formulierung für zu spät kommen im Englischen viel lieber als im Deutschen. Sie macht den Inhalt wiederum passend, denn für einen Abschied war ich wirklich (zu) spät dran.

      02.03.2013, 05:53 von Sommerregen03
    • 1

      Hmm vielleicht würde es helfen, wenn Du direkt im Text Bezug zu der Aussage nimmst. Wobei ich persönlich "I'm running late" eher mit aufspringender Hektik verbinde und aus Deinem Textende hingegen etwas von Traurigkeit und Resignation herauslese.
      Aber gut, ich weiß nicht, wie die Interpretation von "running late" z.B. in Nord-Ost-Australien ist.

      02.03.2013, 14:36 von TheCaptainsFiancee
    • 0

      Mir gefällt es, dass es so doppeldeutig ist. :) Running late hat für mich etwas Widersprüchliches und das gefällt mir an der Formulierung so.

      02.03.2013, 18:05 von Sommerregen03
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich denke der erste Absatz, so interessant er auch geschrieben ist, führt den Leser auf eine falsche Fährte.

    02.03.2013, 00:12 von Henry.Kafur
    • 1

      Das mag sein. Ich habe selbst gar nicht daran gedacht, denn der Name Mia war zufällig gewählt und den Rest habe ich unter einem anderen Fokus geschrieben, unter meinem Fokus. Aber irgendwie gefällt mir diese Doppeldeutigkeit, auch wenn sie sehr zufällig war.

      02.03.2013, 05:51 von Sommerregen03
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Hab den Text nun zwei mal gelesen. Beim ersten mal hab ich gar nichts verstanden und dachte am Ende einfach, dass es um den Verlust eines Menschen geht. Dann hab ich diesen »Ess-Brech-Sucht«-Kommentar gelesen und es versucht unter diesem »Motto« zu lesen. Aber auch das passt irgendwie nicht, auch wenn viel Essen erwähnt wird. 

    Dann dachte ich, es geht um eine Persönlichkeitsstörung und dass du die Form von Schizophrenie vermitteln möchtest, die in der Gesellschaft fälschlicherweise als gespaltene Persönlichkeit bekannt ist...
    Letzten Endes verstehe ich doch nur Bahnhof.
    Aber so lange dir das Ausformulieren etwas gebracht hat, unterstütze ich jede Form des Schreibens.

    01.03.2013, 23:31 von cathi_m
    • 0

      Ich mag deinen Kommentar sehr!

      02.03.2013, 05:54 von Sommerregen03
    • Kommentar schreiben
  • 0

    also, irgendwie habe ich nicht wirklich verstanden, worum es geht. das mag aber nicht an deiner schreibe liegen, sondern daran, dass im ersten absatz die worte mia, spiegel und disziplin vorkommen, was ich mit der thematik ess-brech-sucht in verbindung bringe- das ist sicher falsch, oder?

    01.03.2013, 22:51 von laylalani
    • 0

      lustigerweise: falls ich mit der vermutung richtig liege, finde ich den text überaus gelungen!

      01.03.2013, 22:52 von laylalani
    • 0

      Leider nein. Ich hoffe, er hat dir dennoch gefallen.

      02.03.2013, 05:48 von Sommerregen03
    • 0

      ich habe ihn mittlerweile auch nochmal gelesen und muss wohl total in der pro-mia idee gefangen gewesen sein;-) das es nicht passt, ist mir jetzt auch klar:-)
      du hast eine freundin mit dem mann betrogen, an dem sie "zugrunde" gegangen ist, wäre meine jetzige interpretation. oder, ihr seid euch näher gekommen, weil ihr ihre beiden engsten vertrauenspersonen in einer für sie schweren zeit wart. sie stand dir immer näher als er, war die anständige, dann aber hast du jegliche moral/disziplin über den haufen geworfen, bist ihm näher gekommen und dann bist du, lieber zu spät als nie, davon gerannt, ohne dich von ihr zu verabschieden.
      ja, er gefällt mir, nicht zuletzt, weil es spaß macht, zu erraten, worum es geht!

      04.03.2013, 10:29 von laylalani
    • 0

      Mich freut, dass er dir gefaellt, sehr. Deswegen moechte ich zu deiner Interpretation gar nicht mehr sagen, weil es mir gefaellt, wie verschieden die Menschen meinen Text interpretieren.

      04.03.2013, 15:22 von Sommerregen03
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Mit dem Titel kann ich irgendwie so gar nichts anfangen, also im Zusammenhang mit dem Text? Und den Text finde ich auch ehrlichgesagt wesentlich besser als den Titel =D

    01.03.2013, 12:15 von MissesBiscuit
    • 0

      Mir erschien er passend, aber ich hatte ehrlich gesagt auch den Text vor dem Titel. Ihn passend zu benennen hat gedauert.

      01.03.2013, 17:41 von Sommerregen03
    • 0

      Titelfindung ist ne verdammt schwierige Sache.

      01.03.2013, 19:08 von Tanea
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Mein Gott ist das wunderbar...

    28.02.2013, 20:02 von minka911
    • 0

      Vielen Dank!

      28.02.2013, 22:16 von Sommerregen03
    • Kommentar schreiben
  • 5

    Es mag albern klingen. Ich konnte den Text aufgrund Deines Usernamens nicht lesen.
    Tschüß

    28.02.2013, 18:48 von RAZim
    • 0

      raaaaz! böse! :P

      28.02.2013, 20:12 von pocket
    • 1

      ok. schuldigung

      28.02.2013, 20:15 von RAZim
    • 1

      na ich mag böse, also nicht bei mir...

      28.02.2013, 20:16 von pocket
    • 0

      tschuldigen...

      28.02.2013, 20:16 von pocket
    • 1

      ich hab dich im auge!

      28.02.2013, 20:17 von RAZim
    • 0

      und ich dacht sommerregentropfen, die dich am lesen hindern...

      28.02.2013, 20:19 von pocket
    • 0

      Magst du etwa keinen Sommerregen?

      28.02.2013, 22:18 von Sommerregen03
    • Kommentar schreiben

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
10. Juni 2013

Neueste Artikel-Kommentare

NEON-Apps für iOS und Android