I kissed a girl...
Sie hatte vorher nie etwas „gemerkt“. Natürlich gab es da den ein oder anderen Partykuss mit Freundinnen, aber das war nie ernst. Anders als jetzt.
Lara war voll Erwartungen in diesen Sprachkurs gegangen. Sie wollte ihr Spanisch aufbessern, da sie es nach drei Schuljahren abgewählt hatte. Da kam der Kurs an der Volkshochschule gerade gelegen. Lara nahm also zwei Freundinnen und meldete sich für den Spanisch Aufbaukurs 1 an.
Die Lehrerin war eine Spanischstudentin. Kaum älter als Lara und ihre Freundinnen. Das schien recht lustig zu werden, dachte sich Lara. Die Lehrerin hieß Julia, aber sie legte großen Wert darauf, von allen Jules genannt zu werden, das fand sie nicht so feminin und kindisch. Sie machte generell einen sehr bodenständigen Eindruck. Sie war schlank aber muskulös und hatte wunderschöne braune Augen. Lara fand sie von Anfang an sympathisch und war froh, nicht auf eine typische spanische Rassefrau zu treffen, die den Männern im Kurs den Kopf verdrehte. Lara war schließlich hier, um Spanisch zu lernen.
Es brachte tatsächlich etwas, Lara lernte relativ schnell dazu und war erstaunt, wie viel sie tatsächlich noch wusste.
Eines Abends traf Lara Jules in einer Bar. Sie begrüßten sich und plauderten eine Weile, bis Lara mit ihren Freunden weiterzog. Lara landete an diesem Abend sehr betrunken in ihrem Bett. Sie begann wirre Träume zu haben. Das war nichts Neues, es war ganz normal, wenn man betrunken ist, dachte sie sich. Doch irgendwas war anders bei diesem Traum. Lara konnte sich am nächsten Morgen nicht mehr richtig daran erinnern, aber sie merkte, wie der Traum sie beschäftigte. Wenn sie doch nur wüsste, was es war, was sie so beschäftigte. Als sie schließlich wieder im Spanischkurs mit ihren Freundinnen saß, fiel ihr ein, wieso der Traum so wirr war: Sie hatte von Jules geträumt. Sie hatten sich geküsst, im Traum. Richtig. Mit allem, was dazu gehört. Sie betrachtete Jules. Sie war wirklich sehr attraktiv. Absolut nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechend, aber sie strahlte eine unheimliche Unabhängigkeit und Fröhlichkeit aus. Und ihre Augen waren einfach fesselnd. Die hatten sie schon im Traum fasziniert.
Plötzlich machte Lara sich Gedanken, was dieser Traum zu bedeuten hatte. War sie etwas bisexuell oder gar lesbisch? Lara hatte nie Probleme mit Homosexualität gehabt, sie hatte eine lesbische Freundin und war mit ihr schon mehrmals auf Parties für Homosexuelle gewesen. Es hatte ihr dort immer gut gefallen, die Atmosphäre war so entspannt und alle schienen froh mit sich selbst zu sein und hatten einfach ausgelassen Spaß. Man legte dort nicht so viel Wert darauf, was die anderen denken. Das gefiel Lara.
Doch sich vorzustellen, selbst homosexuell zu sein, gefiel ihr weniger. Sie hatte immer gedacht, das wäre nicht schlimm für sie, sollte es so sein. Aber von ihrer lesbischen Freundin wusste sie, wie schlimm die Phase des Realisierens und Zugebens war. Das schwierigste sei das Bewusstwerden und das Zugeben vor sich selbst.
Andererseits dachte Lara sich, war das nur ein Traum. Was hat man nicht schon alles geträumt in seinem Leben und wie unwichtig war das meiste davon? Man verarbeitet damit lediglich die Sachen, die einen beschäftigen. Aber was bedeutet das? Was musste sie denn verarbeiten, was mit Jules zu tun hatte? Lara dachte viel nach. Über den Traum, über Jules, über sich selbst.
Sie hatte plötzlich keine Lust mehr auf Spanisch. Sie schwänzte eine Stunde, riss sich aber zusammen und ging wieder hin. Wie kindisch, dachte sie sich, alles wegen einem Traum. Laut einer Studie haben alle Menschen irgendwann mal homoerotische Fantasien. Aber irgendwie schien da mehr zu sein. Sie hatte keine Lust mehr, mit ihren Freundinnen abends wegzugehen und irgendwelche Typen abzuschleppen. Ihre Freundinnen dachten, Lara hätte Liebeskummer. Lara hatte keine Lust, ihnen das auszureden, sollten sie es ruhig glauben.
In der letzten Spanischstunde, schrieben sie einen kleinen Test. Lara hatte eine 1. Jules gratulierte ihr und lächelte sie an. In diesem Moment merkte Lara etwas. Dieses Lächeln, diese Augen- sie war wie gebannt. Sie hatte sich verliebt, das war das merkwürdige Gefühl. Sie hatte sich tatsächlich in Jules, die Spanischstudentin, verliebt. Ihr wurde schlecht, sie wusste nicht, wie sie sich gegenüber Jules verhalten sollte. Glücklicherweise war der Kurs vorbei, dachte sie sich. Unglücklicherweise, werde ich sie nie wieder sehen. Lara befand sich im perfekten Gefühlschaos. Ihren Freundinnen konnte sie das nicht erzählen, die würden wahrscheinlich denken, dass sie spinne oder dass es eine trotzige Phase oder etwas Ähnliches sei.
Einige Wochen später ging Lara wieder mit ihren Freundinnen weg, sie konnte sich nicht ewig verstecken. Als Jules ihr begegnete, war sie erneut wie gebannt. Damit hatte sie absolut nicht gerechnet. Jules schien ebenfalls wie gebannt. Sie schauten sich tief in die Augen und Lara merkte, dass Jules das gleiche für sie empfand. Dass Jules lesbisch war, war Lara von Anfang an klar. Dass sie selbst auch Frauen lieben konnte, war ihr erst seit ein paar Wochen klar. Doch es schien nicht mehr so fremd und ungewohnt wie zu Beginn. So war es auch nicht mehr so eigenartig als Jules sie bei der Hand nahm und mit ihr ein Stückchen durch die Nacht lief. Weg von den Leuten. Sie schien zu wissen, wie Lara sich fühlte. Als sie sich zum ersten Mal küssten, wussten beide, dass es richtig war.




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Kommentare
ich denke dass Leute die sowas schon mal erlebt haben den Text sehr gut finden, mir ist er eher fremd, aber wichtig isses!
10.02.2010, 15:03 von DaisysLeftShoeÖhm... naja, es is ja schon irgendwie anrührend. Es würde auf jeden Fall sehr gut in eins dieser Mädchen-Aufklärungs-Bücher passen.
07.02.2010, 12:23 von Lenulitschka