Richard_at_Neon 30.11.-0001, 00:00 Uhr 3 21

Hunger

Als der Tag mehr in Dunkelheit denn Helligkeit gezeichnet wurde, überkam uns schon am Nachmittag ein Gefühl von Nacht.

Und dann lag der Sommer, der uns eben noch durch die Nächte trieb und unsere Betten erhitzte, braungefärbt zu unseren Füßen. Kalt zog die einst so warme Luft unter Jacken und in Schuhe, ließ ihre Lippen zittern und ihre Sommersprossen mit jedem Tag mehr und mehr verblassen. Als der Tag mehr in Dunkelheit denn Helligkeit gezeichnet wurde, überkam uns schon am Nachmittag ein Gefühl von Nacht, das uns vollkommen aus dem Rhythmus riss. Schon nach den ersten Wochen hatte ich wieder Hunger nach dem schattigen Grün der Bäume, dem warmen Blau des Himmels und dem grauen Glitzern der Wege, auf denen sich die Sonne ausbreitete. Stattdessen sah ich kalten Atem, fröstelnde Menschen und nackte Bäume. Wenn sie dann vor mir saß, ihre Hände an dem Tee dazwischen, dachte ich an den Sommer, der uns verband, und fühlte mich durch den Blick nach draußen behindert, an die Wahrhaftigkeit dieser ersten Momente glauben zu können. Wo wir auch hingingen, es schien kein Licht. Nicht in mir. Nicht für sie. Nur ein Zuhause, das ich so sehr vermisste, gab uns Wärme und gerne blieb ich für einen Augenblick länger als unbedingt notwendig. Ich hatte Ideen, nur hätten sie uns nichts genützt. Wir versuchten die Zeit totzuschlagen und trotz zwei heißer Körper blieben die Betten kalt. Immer öfters sehnte ich mich nach der Schönheit unseres Anfangs, zu blind zu sehen, dass es mehr als eine Jahreszeit war, die mich anzog und verlor dadurch den Blick für ihr Jetzt und unser Hier. Der Weitblick wurde mir genommen und auch das, was direkt vor mir lag, konnte ich nicht mehr erkennen. Wir machten Kunststücke um den Winter herum und hinterließen dabei keine Spuren. Ich hatte viele offene Türen zugeschlagen, als uns der Höhepunkt erreichte. Am Ende war es ihre Botschaft, die mich zu spät aus meinem Winterschlaf weckte:

Was man einst gesehen hat, kann man nie wieder ungesehen machen.

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3 Antworten

Kommentare

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    ich will auch so schreiben können verdammt. MAGIC http://25.media.tumblr.com/tumblr_m0llt67tWh1qaebp2o1_400.gif

    11.12.2012, 15:25 von Pastaperle
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    Das ist groß. Ich meine, wirklich groß.

    28.11.2012, 21:09 von madamebird
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    "Wo wir auch hingingen, es schien kein Licht. Nicht in mir. Nicht für sie." Und immer wieder finde ich deine Formulierungen wundervoll :)

    23.11.2012, 14:36 von HazelEyes
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  • Haben wir sie noch alle?

    Burn-Out, Internetsucht, Depression - immer mehr Deutsche lassen sich therapieren. Braucht es all diese Therapien wirklich?

  • Apokalypse Wow!

    Die Mode ist die Message: Die pro-russischen Kämpfer in der Ukraine sehen mit Macheten, Masken usw. aus wie Figuren aus den »Mad Max«-Filmen.

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    Jeder kennt den Moment, in dem der Send-Balken hochgeht und man noch denkt: Stop! Was würdet Ihr gern aus dem Netz löschen?

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