sunkist 06.07.2004, 11:23 Uhr 5 0

Hinter Fenstern...

...gibt es viele Geschichten zu schreiben. Die einen sind erfunden, die anderen wahr.

Nachts am Fenster stehen macht Spaß. Mein Blick schweift über die Dächer des Hinterhofs, den ich von meinem Zimmerfenster aus betrachten kann. Meine Augen fixieren die Lichter, die schal durch hässliche Gardinen schimmern – oder sich durch Kindergartenklebebilder kämpfen.
Geschichten raten, Lebensläufe erfinden, Dramen schreiben und Hollywood neu kreieren – Hauptakteure sind die Gestalten hinter den Gardinen. Eigentlich zelebrieren wir dieses Spiel beim Wein und vielen Zigaretten. Heute bin ich allein. Die WG ist ausgeflogen. Allein am Fenster zu stehen um neue Episoden zu den blassen Figuren zu formulieren, die dahinter schleierhafte Bewegungen machen, ist heute kein Spaß.

Da drüben, Hausnummer 6, fünfter Stock – keine Gardinen, offenes Fenster – steht eine junge Frau, circa dreißig Jahre alt, schätze ich. Haare zum Pferdeschwanz gebunden, Trägertop und, ich vermute, sie trägt eine sehr lässige Jogginghose. Sie blickt in die Nacht hinaus, nach oben. Was sie wohl denkt?

Okay, Sie studiert noch und ist grad im Prüfungsstress – das erklärt das lässige Outfit an einem Freitagabend um halb neun – Sie macht keine Anstalten sich umzuziehen um auszugehen. Nein, Sie raucht ganz langsam, fast schon andächtig bläst Sie den Rauch durch den Fensterrahmen. Sie hat abgenommen und Augenringe, die sich tief in Ihre Haut bohren. Die ersten schlechten Zensuren lassen Sie die Nächte durcharbeiten. Sie denkt nach. Sie denkt an sie und an ihn. Sie denkt an das vergangene Jahr. Sie hat Sie vor ungefähr gut einem Jahr verlassen und Sie musste deshalb eine Therapie machen. Sie war ihre große Liebe. Heimlich hat Sie ein Foto von ihr, das eigentlich schon in einer Speicherkiste vergraben war wieder hervorgeholt, um es sofort in der Kommode zu verschanzen. In der Uni begegnet Sie ihr immer wieder – mit der Neuen. Aber Sie lächelt und meistens gelingt Ihr das ganz gut. Die Narben der Trennung hat Sie am ganzen Körper, überall wo sie Sie einst berührt hatte.

Sie wendet ihren Kopf, geht kurz vom Fenster weg – wo ist Sie hin? Sie kommt zurück mit einem Glas in der Hand – und einer zweiten Zigarette.

Er war Ihre Rettung. Er riss Sie aus der Lethargie und schenkte Ihr neues Glück. Jetzt denkt Sie grad an ihn. Sie hat ihren Zopf gelöst und schüttelt Ihren Kopf. Sanfte, leicht melancholische Musik trällert aus Ihrem Zimmer in die Nacht hinein. Sie stützt den Kopf in beide Hände – er ist so schwer, so voller Trauer und Verlassenheit, Angst und Einsamkeit. Sie scheint hilflos demgegenüber was sich Ihr Leben nennt. Er hat Sie indirekt verlassen, er hatte so lange gewartet, die Liebe laufen lassen, bis sie nicht gelaufen ist und Sie nicht mehr konnte. Unter Tränen sagte Sie ihm, dass Sie leer und hilflos sei – am Ende Ihrer Kraft. Er lies Sie gehen und meinte nur, dass er Sie schon lange nicht mehr liebe…

Es ist jetzt die vierte Zigarette, die Sie sich anzündet. Sie fühlt sich unendlich alleine. Verlassen von der Welt, schwimmt Sie im Grau des Alltags, der vor kurzem noch so voller Farben für Sie war. Was heißt das? Weitermachen? Weiterdrehen am eigenen Rad des Lebens. Für Sie sind es zurzeit mechanische Bewegungen, die von ganz alleine funktionieren. Ja, Sie funktioniert ganz gut. Aber Sie scheint nicht bei sich zu sein. Sie ist weit weg.

Es hat zu regnen begonnen und mein Blick wird durch die prasselnden Tropfen getrübt. Sie streckt Ihre Hände aus dem Fenster und fragt sich wohl gerade, ob Sie jemals wieder glücklich sein kann. Dann denkt Sie an Ihre Freundin, die nicht mehr da ist. Die einfach so gegangen ist, ohne Vorwarnung. Die Sie jetzt nicht mehr anrufen kann, weil niemand mehr abnimmt. Die Verbindung wurde unterbrochen. Für immer. Ich kann nicht erkennen, ob Sie weint. Aber Sie ist stark. Sie wird es schaffen, alles Schwere und Unfassbare überwinden und weitermachen. Ich hör sie in der Zukunft lachen und sehe Sie mit Freunden tanzen gehen. Ein dumpfes Geräusch reißt mich aus dem Geschehen.
Eine Tür fällt ins Schloss – meine Mitbewohner. Als ich aus meinem geöffneten Fenster zurückblicke ist alles dunkel. Kein Lichtschein fällt in den Hof.

Das Spiel hat heute keinen rechten Spaß gemacht. Das Spiel war heute kein Spiel.
Jetzt räume ich den Aschenbecher und mein Glas vom Fenstersims, mach das Fenster zu und geh ins Bad. Im Spiegel eine junge Frau, so Ende zwanzig, mit tiefen Furchen unter den Augen. Sie lächelt mir schwach zu. Na, wieder zu viel geraucht, wieder zu wenig gelernt und wieder eine Träne fließen lassen?

Hinter Fenstern, gibt es viele Geschichten zu schreiben. Die einen sind erfunden, die anderen wahr…

5 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    ...meine Herren, das geht aber tief rein! Sehr gefühlvoller Text, kann alles nachvollziehen! Kompliment!

    29.08.2004, 17:38 von ruebenlili
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  • 0

    Ein traurig-schöner-nachdenklichmachender text. Gratulation!

    06.07.2004, 23:53 von montse
    • 0

      @montse super!gratuliere!geht einem ganz nah...
      lg s`urmel

      07.07.2004, 08:47 von urmel
    • 0

      @urmel Wirklich schöner text, der mal wieder zeigt, wie es in einem Selbst aussehen kann, wenn man sich die Zeit nimmt und mal über die Vergangenheit nachdenkt.

      07.07.2004, 16:12 von Kelly
    • 0

      @Kelly ja wirklich klasse.sehr überraschend.ein überragender text,muss man echt anmerken..

      08.07.2004, 22:10 von falterchen
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  • 0

    Hart.
    Sehr hart, diese Ausflüge in sein eigenes selbst, wenn man einen Moment zu lange allein ist und den Fehler macht, seinen Gedanken ein bißchen Auslauf zu geben.
    Gratuliere, sehr starker Text.

    06.07.2004, 18:27 von Quergedacht
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    Hola und Autsch! Ein tiefer Text... mein Kompliment!

    06.07.2004, 17:21 von DieMimmi
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