e.lo 24.09.2007, 11:33 Uhr 1 0

Hinter den Alpen...

die Liebe versetzt Berge. Doch die Alpen konnte sie nicht versetzen...

Heute bin ich anders. Du würdest mich nicht wieder erkennen, jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Klar, mein Äußeres wirst du nie vergessen; du wüsstest also sofort mit wem du zu tun hast, wer da vor dir steht. Aber du würdest mich, mein Wesen, mein Ich nicht erkennen.

Es war wohl – im Nachhinein betrachtet – der denkbar schlechteste Augenblick in dem wir uns dazu entschlossen haben ein Paar zu werden. Wir kennen uns jetzt so viele Jahre, es werden bald 10. Fast 6 Jahre waren wir einfach nur befreundet und glücklich damit. Wir waren uns sehr vertraut, haben uns vertraut. Aber du lebtest dein Leben hinter den Alpen und ich meins davor. Und ab und zu haben wir uns gesehen. Immer vor den Alpen, bei mir. Bis ich auch mal hinter die Alpen schauen wollte und dich besuchen kam. Wir haben 2 schöne Wochen in deinem Land verbracht, waren in den Bergen, am Meer. Haben viel geredet und auch viel geschwiegen. Haben jede Minute miteinander verbracht und es war toll. Walzer auf dem Burgfest, Romantik am kleinen Hafen, essen während die Sonne hinter den Bergen verschwindet...die letzte Nacht im Auto verbracht und in den frühen Morgenstunden zum Flughafen. Du hast mit mir gewartet und plötzlich wolltest du los. Eine komische, kurze Verabschiedung, ich war ganz irritiert. Und dann habe ich deine Augen gesehen….

3 Monate später wollten wir uns wieder sehen. Deutschlands größtes Volksfest. Zwischen dem Meer und dem Volksfest gab es unzählige sms. Eine hieß „hör mir genau zu: ich glaube, ich habe mich in dich verliebt….“ Mir ist das Handy aus der Hand und mein Herz in die Hose gerutscht. Auf dem Volksfest war ich nervös, aber glücklich. Du warst ja bei mir. Und du würdest auch noch mit zu mir kommen, nach den 2 Tagen auf dem Volksfest. Ich hab dich angeschaut, hab gesagt, dass ich weiß, dass du mich küssen willst. Zwei Minuten später hast du es getan. Am nächsten Tag sind wir schon zu mir gefahren, ich wollte mit dir allein sein. Da kannte ich dich schon 6 Jahre, habe unzählige Male neben dir im Bett geschlafen, habe dir all meine Sorgen und Ängste anvertraut und plötzlich liegst du neben mir, streichelst mich, küsst mich, hältst mich fest. Wir schliefen miteinander und in meinem ganzen Leben habe ich noch nicht so etwas Schönes erlebt, gefühlt. Vor Auf- und Erregung haben unsere Körper gezittert. „Ich liebe dich“ …. Es hat mir die Sprache verschlagen. Später hieltest du mich fest in deinen Armen und ich hörte es immer wieder „ich liebe dich“, „ich liebe dich“. Vielleicht war das mein glücklichster Moment. Fünf Tage blieben uns. Die schönsten Tage, die ich mir vorstellen konnte. Wir haben meine Wohnung so gut wie nie verlassen, hatten genug mit uns zu tun. Dann der Abschied. Dir liefen die Tränen über dein Gesicht und ich war gerührt, erschrocken, voller Hoffnung aber auch hoffnungslos. Ich küsste deine Tränen weg und dann bist du gefahren. Hinter die Alpen.

Drei Jahre haben wir dieses Spiel gespielt. Mal vor und mal hinter den Alpen. Die ersten Monate haben wir telefoniert, gesmst. Viele Tränen sind geflossen. Wenn du da warst, vor den Alpen, und wieder fahren musstest, stürzte für mich meine Welt zusammen. Jedes Mal. Ich habe mich so nach dir verzehrt. Die Welt war so ungerecht. Wieso konnte ich nicht bei dir sein? In deinen Armen liegen und mit deinen Worten einschlafen? Warum wurde mir das verwährt? Nie wieder hätte ich Ansprüche gestellt in meinem Leben, wenn du einfach nur bei mir gewesen wärst. Ich habe dich so geliebt. Ein Leben ohne dich war einfach nicht mehr vorstellbar. Und du hast mich auch geliebt. Nächtelange Telefonate. Gelacht, geweint, geredet, gestritten, versöhnt. Pläne gemacht, oh ja. Wir haben so viele Pläne gemacht. „Wann?“ habe ich dich gefragt. „Nächstes Jahr“ hast du gesagt.

Und so verging ein Jahr. Und das zweite begann. Und verging. Du hinter den Alpen, ich davor. Ich wurde krank. Schon nach dem ersten Jahr. Du hast es nie gesehen, vielleicht hast du es deswegen auch nicht glauben können. Alle vier Wochen ins Krankenhaus. Alle vier Wochen diese verfluchten Schmerzen. Alle vier Wochen entlassen werden und wieder nicht wissen, was es ist. Alle vier Wochen Ratlosigkeit. Du warst nie vor den Alpen, warst nie bei mir im Krankenhaus.

Ich habe dir blind vertraut. Ein Urvertrauen, was ich zuvor noch für keinen Menschen aufbringen konnte. Ich wusste, du bist für mich da. Ohne Wenn und Aber. Dann eine weitere Krankheit. Ich musste operiert werden. Du warst hinter den Alpen. Nach der OP die Gewissheit, dass es schlimmer war, als geplant. Ich wusste schon, was Schmerzen sind, habe sie ja alle 4 Wochen aushalten müssen, so stark, dass ich fast ohnmächtig wurde. Aber diese Schmerzen nach der OP waren mit nichts zu vergleichen. Morphiumtabletten haben sie mir gegeben, aber erst, nachdem ich heulend vor dem Arzt zusammengebrochen bin und gewimmert habe, dass ich die Schmerzen nicht mehr ertragen kann. Ich habe dir immer davon erzählt, habe viel geweint am Telefon. Als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, begann die schlimmste Zeit meines Lebens. Aber das weißt du ja, habe es dir oft erzählt. Ich konnte monatelang nur liegen. Aber selbst das Liegen fiel mir nach einiger Zeit schwer. Ich hatte das Gefühl, die Knochen würden sich so langsam durchs Fleisch bohren. Ich konnte nur auf der Seite liegen, an Schlafen war nicht zu denken. Zwei, wenn es gut lief drei Stunden pro Nacht. Von den Tabletten durfte ich nur 2 Mal am Tag eine halbe nehmen. Die Schmerzen haben nur kurz nachgelassen. Ich habe viel geweint, nachts. Und abends am Telefon habe ich dir davon erzählt. Wir haben uns lang nicht gesehen. Du warst hinter den Alpen. Dabei hätte ich dich gebraucht. Hier, bei mir. Vor den Alpen.

Und dann fing mein Arbeitgeber an, Stress zu machen. Während ich da lag, in meiner Wohnung und ein menschliches Wrack war, schickte er mir eine Abmahnung nach der nächsten. Dann die erste Kündigung. Allesamt natürlich nicht rechtswirksam, aber geschockt hat es mich allemal. Also musste ich zu meinen täglichen Arztbesuchen auch noch meinen Anwalt aufsuchen. Und die Gewerkschaft. Und das Arbeitsgericht. Weißt du eigentlich, was für eine organisatorische Höchstleistung es war, diese Termine alle unter einen Hut zu bekommen? Ich konnte mich ja kaum bewegen, musste gefahren werden, während ich auf der Rückbank auf allen Vieren lag. Und weißt du noch, als ich dann zum Chirurgen musste? Zusätzlich zu den täglichen Terminen beim Arzt oder im Krankenhaus? Die Wunde – immer noch so groß, dass eine Männerfaust darin bequem Platz finden konnte – war falsch gewachsen. Das Fleisch musste wieder entfernt werden. Ok, zum Chirurgen, dachte ich, der wird mich betäuben, das Messer zücken und weg mit dem falschen Fleisch. Nee, so war es nicht. Ich legte mich auf die Liege, zog meine Hose ein Stück runter, er schaute es sich an, gab mir ein Tuch und sagte, ich solle darauf beißen….er tröpfelte etwas in meine offene Wunde und ich habe so laut geschrieen wie wohl noch nie in meinem Leben. Und dann hörte ich, wie das Fleisch wegätzte. Nicht ganz so laut, aber fast so, als würde man Speck in der Pfanne anbraten, so hat es sich angehört. Im ersten Moment war ich mir sicher, ich werde ohnmächtig. Bin ich aber nicht. Ich bin ja ein starkes Mädchen. Ich erzählte dir davon. Und auch davon, dass ich nicht weiß, wie ich ein zweites Mal dahin gehen soll, wenn ich doch jetzt weiß, was da mit mir gemacht wird. Dein Interesse hielt sich in Grenzen. So kam es mir vor. Du wirst das sicher bestreiten.

Hey, keine Frage, du warst da hinter den Alpen und hast mich nicht gesehen. Du hast nicht gesehen, wie man die Knochen und die Muskeln sehen kann, wenn man die Wunde aufklappt. Du hast nicht gesehen, wie abgemergelt mein Körper aussah. Du hast die Ringe unter meinen Augen nicht gesehen und du hast nicht gesehen, wie mein Alltag aussieht. Auch nicht die Nächte. Seit Monaten. Du hast nur gehört, was ich dir Abend für Abend am Telefon erzähle. Du hast nur gehört, dass ich immer nur Schlechtes erzähle. Hast dir meine Sorgen und Probleme angehört. Hast dir meine Schmerzen und meine Tränen angehört. Musstest oft meine schlechte Laune abfangen. Ich gebe dir recht: das war sicher keine schöne Zeit für dich. Das hast du mir so oft gesagt. „Meinst du, es macht Spaß, sich immer nur die schlechte Laune anzuhören? Ich wusste nicht mehr weiter…. Du warst immer schlecht drauf, hast immer mir die Schuld gegeben….“ Klar, wer hört sich denn so was gern an? Abend für Abend? Kein Mensch. Aber was meinst du wohl, wie es mir ging, in der Zeit? Was meinst du wohl, warum ich dir davon erzählt habe? Was meinst du wohl, wie ich mich gefühlt habe, wenn am Telefon ein eher mittelmäßig interessierter Mensch sitzt? DAS was ich dir da erzählt habe, war mein Leben. Mein Leben bestand aus nichts anderem mehr, als aus Schmerzen und Existenzängsten. Und was machst du? Du machst dem Ganzen ein Ende. Du verlässt mich. Lässt mich allein. Grade jetzt, in dieser Situation. Ich lag schon am Boden…aber dann bin ich erst richtig gefallen. Du warst mein allerletzter Halt. Nicht unbedingt du, als Mensch, aber du, als meine Beziehung. Diese Beziehung war die letzte Stabile in meinem Leben und du hast sie mir einfach so genommen. Weil du meine schlechte Laune nicht mehr ertragen konntest??? Weißt du was, ich hatte jeden verdammten Grund auf dieser verdammten Welt, schlecht gelaunt zu sein!!! Mir wurde meine Gesundheit genommen, ich war abhängig von diesen Tabletten, ich war drauf und dran meinen Job zu verlieren und wurde Psychoterror ausgesetzt, ich musste vors Gericht ziehen, ich hatte jeden Tag, jede Minute schreckliche Schmerzen, ich hatte seit Monaten nicht mehr durch geschlafen, ich konnte seit so vielen Wochen nur stehen oder liegen, ich brauchte ungefähr 10 Minuten um von meinem Sofa ins Bad zu kommen, verdammt, und du beschwerst dich darüber, wie schwer es für dich sei, meine schlechte Laune zu ertragen???

In meinem ganzen Leben – auch wenn das immer sehr leicht dahin gesagt ist – habe ich noch nicht solche Gefühle gefühlt. Ich lag am Boden und hab Scheiße gefressen. Und du? Du, der Mensch, der mein Lebensmittelpunkt war, der dem ich blind mein Leben in die Hände gelegt hätte, dem ich mein ganzes Vertrauen geschenkt habe ohne auch nur eine Sekunde daran zu zweifeln, ausgerechnet du trittst mich dann auch noch mit Füßen. Ich kann dir gar nicht beschreiben, wie ich mich gefühlt habe. 3 Tage und 3 Nächte habe ich weinend in meiner Wohnung gelegen. Ich habe soviel geweint, dass meine Augenlider ganz blau waren. Ich habe soviel geweint, dass meine Freundin berechtigte Angst um mich hatte. Täglich hat sie an meinem Bett gesessen und mir mein Händchen gehalten. Nach diesen drei Tagen Heulerei habe ich es verdrängt, zu groß war der Schmerz. Wir haben trotzdem noch telefoniert und ich bin auf Knien vor dir rumgerutscht und habe dich fast angefleht, mich nicht zu verlassen. Aber du bist hart geblieben. Und jede Nacht – ich lag ja ohnehin wach – habe ich mir so sehr gewünscht, dass ich endlich schlafen könnte. Schlafen um nie wieder aufzuwachen…

Natürlich, jeder wurde schon mal verlassen. Aber diese Schmerzen, diese Medikamente, dieser Terror mit meinem Arbeitgeber, die Existenzängste und die gesundheitlichen Sorgen…irgendwann sind deine Grenzen erreicht. Meine waren erreicht. Du wirst matschig im Kopf. Kannst einfach nicht mehr. Und dann wirst du auch noch verlassen…. Noch nie bin ich mehr enttäuscht worden, noch nie habe ich mich so sehr in einem Menschen geirrt. Grade in dieser Situation braucht man doch den anderen. Grade in so einer Situation muss man sich verlassen können. Und fallen lassen können. Ich verstehe dich, wenn du mir sagst, dass ich nur noch sehr schwer zu ertragen war. Ich kann es sogar nachvollziehen. Aber ehrlich gesagt, hättest du die Zähne zusammenbeißen und stark sein müssen. Denn mir hat jegliche Kraft gefehlt. Und dann hast du mir auch noch meinen Lebenswillen genommen. Du warst zu dem Zeitpunkt einfach der Tropfen auf den heißen Stein. Hinter den Alpen.

Vor den Alpen habe ich weiter gefleht, dass du zu mir zurückkommst. Du wolltest, dass ich um dich kämpfe. Sag mir doch bitte, woher ich diese Kraft hätte nehmen sollen? Es war, als würdest du dem sinkenden Schiff sagen, es solle den Ozean überqueren. Eine unlösbare Aufgabe. Aber du konntest mich ja nicht sinken sehen, hinter den Alpen.

Du hast mich trotzdem besucht. Damit hast du mich glücklich gemacht. Sicher, das Glück kam nicht bis an die Oberfläche, zuviel Schutt und Asche darüber. Aber du hast mich glücklich gemacht. Es war anders, dein Besuch, aber du warst da. Hast mich angeschaut, aber hast mich nicht wirklich gesehen. Wir schliefen miteinander, ich musste mich wirklich zusammenreißen….aber zurück zu mir wolltest du nicht. Ich sollte um dich kämpfen.

Das Jahr verstrich, mir ging es langsam besser. Ich habe mir einen neuen Job gesucht. Nicht in meiner Stadt, aber trotzdem vor den Alpen. Viel näher an den Alpen als bisher. Wegen dir. Ich wollte dir nah sein. Jedenfalls näher. Ich wäre auch zu dir gekommen, hinter die Alpen, aber das wolltest du nicht.

Vorher musste ich noch mal ins Krankenhaus, diesmal in eine andere Stadt. Weg von meinen Freunden, weg von meiner Familie. Unzählige Untersuchungen und Tests. Viele Gespräche. Dann der Verdacht auf eine Krankheit die früher oder später den Tod bedeutet. Über und unter mir ist alles zusammengebrochen. Ich befand mich mal wieder im freien Fall. Habe dir abends von meinen Ängsten am Telefon erzählt. War schlecht drauf, hab geweint. Du warst genervt. Und hast mich tagelang nicht mehr angerufen. Tagelang habe ich mich mit dem Tod beschäftigt. Allein. Ich hatte Angst. Dass ich diese Krankheit nicht habe, musste ich dir per sms mitteilen… „Hab ich ja gleich gesagt“ war deine Antwort. Weißt du, nichts auf der Welt hätte mich davon abhalten können, in so einer Situation bei dir zu sein. Da beschäftigt sich dein Partner damit, ob er sterben muss oder nicht….ich hätte mich in den nächsten Flieger, ins nächste Auto, in den nächsten Zug gesetzt und wäre zu dir gekommen, hätte bei dir gesessen und deine Hand gehalten, wenn dir der Arzt die Diagnose gestellt hätte. Du warst hinter den Alpen.

Dann der Umzug in die neue Stadt, in mein neues Leben. Du wolltest da sein, vor den Alpen, am ersten Wochenende. Warst du aber nicht. Warst auf einer Party. Die Telefonate wurden weniger. Viel weniger. Klar, ich war nach über einem Jahr auch wieder beschäftigt, konnte arbeiten, musste mich in der neuen Umgebung zu Recht finden, wohnte im Hotel und hatte endlich wieder ein Leben.

Dann kam der richtige Umzug, Wohnungsaufgabe in meiner alten Heimat. Zelte abbrechen. Komisches Gefühl, aber ich hab mich drauf gefreut. Also ab in die „noch Heimat“, Kisten packen, Möbel abbauen, auf den Transporter warten. So habe ich es mir gedacht. Wäre schön gewesen, wenn du an meiner Seite gewesen wärst um den Schritt in mein neues Leben mit mir gemeinsam zu gehen. Warst du aber nicht. Du warst hinter den Alpen. In dieser Nacht hatte mein Vater vier Herzinfarkte und war lange dem Tod näher als dem Leben. Mit aller Mühe und Kraft haben sie ihn wiederholen können. Die ganze Nacht habe ich weinend im Krankenhaus verbracht, früh morgens dann meine kleine Schwester schlafen gelegt, dich um 6 Uhr in der Früh angerufen und geheult wie ein kleines Kind. Klar, du warst verschlafen, aber hättest du nicht etwas anderes sagen können als „wie lange war sein Gehirn ohne Sauerstoff?“? Meinst du nicht, ich hätte etwas Trost gebrauchen können? Meinst du nicht, du hättest mich in dieser Nacht, an diesem Morgen auffangen können? Und müssen?

Jetzt lebe ich hier schon seit 1,5 Jahren. Ich bin glücklich. Das erste Mal seit Jahren. Ohne Wenn und Aber. Du bist vor fast einem Jahr gegangen. Hinter die Alpen. Nach einem kurzen Besuch bei mir. Nachts. Ohne ein Wort. Am nächsten Morgen habe ich deinen Brief gefunden. Eine halbe Seite für über 3 Jahre Beziehung. Hatte ich nicht etwas mehr verdient? Warum hast du mir die Möglichkeit genommen, mich zu verabschieden. Nicht von dir, als Mensch, sondern von dir, als meine Beziehung. Ein schönes Leben hast du mir gewünscht in dem Brief. Ich sage dir was: dein Wunsch ist wahr geworden!

Ich bin glücklich, mir geht es gut. Sowohl gesundheitlich als auch endlich wieder seelisch. Ich fühle mich frei. Es hat lange gedauert, ich weiß. Und jetzt bin ich ein neuer Mensch. Ich habe mich selber wieder gefunden und hart an mir gearbeitet. Habe mich neu geformt und verschollenes wieder ausgegraben. Wie zum Beispiel mein Lachen. Ich kann wieder lachen und tue es ständig, bei jeder Möglichkeit. Oder auch Unmöglichkeit.

Monatelang hatten wir keinen Kontakt. Und jetzt schreiben wir uns wieder. Und du bringst mich durcheinander. Ich wehre mich dagegen – mit Händen und Füßen, aber es ändert nichts. Ich denke oft an dich. Zu oft. Ich weiß, dass du mich niemals so lieben kannst und wirst, wie ich es mir wünsche. Trotzdem gibt es diesen Gedanken. Diesen Gedanken, wieder gemeinsam durch die Welt zu gehen. Du hinter den Alpen, ich davor. Aber ich habe Angst. Angst, dass ich mich wieder auf dich verlasse und du mich nicht auffängst. Keine Angst, ich bin stärker geworden – ich brauche nicht mehr so viel Stütze. Aber du warst in den wichtigsten, schlimmsten, gefährlichsten, härtesten Momenten nicht für mich da. Wirst du es in Zukunft sein? Wirst du es können? Werde ich es können?

Ja, ich habe mich wirklich verändert. Du würdest einen neuen Mensch kennen lernen. Aber ich weiß nicht, ob es funktionieren kann. Weißt du, wenn du von all dem nichts gewusst hättest….dann wäre es für mich einfacher, dir wieder in die Augen zu schauen und das gleiche zu sehen, was ich immer gesehen habe. Das gleiche zu fühlen, was ich immer gefühlt habe. Und dieses Urvertrauen, was ich nur bei dir hatte, wieder zu finden. Aber du wusstest davon. Hinter den Alpen.

Du, der Mensch, der mein Ein und Alles war, für den ich gestorben wäre, du hast mich einfach hängen lassen. Du, von dem ich am wenigsten erwartet habe, dass du mich nicht verstehen könntest, bist einfach gegangen. 2 Mal! Ich weiß, dass du das nicht so siehst. Ich weiß, dass du nur das siehst, was all diese Krankheiten, Schicksale und Momente aus mir gemacht haben. Du siehst nur, dass ich eine schlechtgelaunte, meckernde Freundin war. Der du nichts recht machen konntest. Aber das stimmt so nicht. Du hättest es mir so einfach recht machen können, wärst du einfach nur für mich da gewesen. Aber das warst du nicht und ich musste all das alleine schaffen. Nicht nur das, ich musste auch noch damit klar kommen, dass du mich verlässt. Weißt du, auch als körperlich alles wieder gut war, ich meinen neuen Job hatte, mein Vater über den Berg war und mein Leben wieder einem Leben glich, selbst da habe ich noch lange gebraucht, bis mein Kopf wieder klar kam. Es gab eine Zeit, da wollte ich nicht mehr leben. Ich wollte einfach nur einschlafen und nie wieder aufwachen. Danach gab es eine Zeit, da habe ich mich so danach gesehnt, jemanden zu haben, der mir hilft. Der mich wieder „heile“ macht. Jemand, der mir zuhört und Verständnis zeigt. Ich wollte zum Therapeuten. Durch den Umzug und den Schritt in mein neues Leben habe ich mir selber noch eine Chance gegeben, es allein zu schaffen. Und das habe ich. Ganz alleine habe ich meinen Weg gefunden. Und jetzt stehe ich hier, stärker als je zuvor. Mitten im Leben und glücklich. Den Kopf hoch erhoben, schäme mich für nichts. Habe mich gefunden und bin im reinen mit mir. Und da kommst du wieder…. Ich weiß nicht, ob ich das will. Ich weiß nicht, ob ich das kann. Ich weiß nur, dass ich dich liebe. Und niemals damit aufhören werde. Aber ich weiß auch, dass du nicht gut für mich bist. …und der Bauch sagt „ich liebe ihn“, und der Kopf entgegnet „aber er tut dir nicht gut und verdient hat er es auch nicht“ und auch wenn ich mich noch so verändert habe, eins ist geblieben: ich vertraue meinem Bauch…

Ich hoffe, du wirst glücklich. Hinter den Alpen. Ich bin es, davor. Liebe versetzt Berge – die Alpen jedoch kann sie nicht versetzen.

1 Antworten

Kommentare

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    Hm hm.
    Kann mal als Außenstehender wahrscheinlich garnicht kommentieren, geschweige denn beurteilen.
    Die ganze Anstrengung, die du für die Zeit gebraucht hast, tropft in konzentrierter Form aus diesem Text.
    Wieder mal unglaublich intensiv geschrieben =) Tolles Ding.

    31.03.2008, 11:23 von BlondBlauBloed
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