julina. 05.09.2010, 15:57 Uhr 1 6

Himmelsbrief

Ich habe keine Nummer oder eine Adresse. Da wo du bist, gibt es das nicht...Ich weiß nichts über diesen Ort, der jetzt für immer dein zu Hause ist.

Ich bin der Meinung, in einer gerechten Welt wärst du nicht da gewesen. Zumindest nicht in meiner Welt. Vielleicht wärst du nie geboren wurden, oder du wärst lange vor meiner Zeit auf der Welt gewesen. Eventuell hättest du an einem anderen Ort sein können, zu einer andern Zeit. Oder du wärst jetzt wesentlich jünger oder viel älter als ich, so dass wir niemals die Möglichkeit gehabt hätten, uns zu treffen. Aber du wärst am Leben.
Ich wünsche mir, dass ich dir nie begegnet wäre, weil es so sehr weh tut, dich nicht mehr sehen zu können. Weil ich es nicht ertrage zu wissen, dass du nicht zurück kommst. Mir wäre es lieber gewesen, dich nie gekannt zu haben, als dich jetzt in meinen Erinnerungen leben zu lassen.

Verstehe mich bitte nicht falsch. Ich liebe dich. Immer noch. Und werde nie aufhören dich zu lieben. Deshalb macht es mich auch traurig, nicht mehr mit dir sprechen zu können.
Du warst mein bester Freund, meine Liebe und der wichtigste Teil von mir.
Ich möchte dich nicht verurteilen, weil du mir weh getan hast, mit deinem Gehen. Ich möchte dich nicht hassen, weil du mich hier zurück gelassen hast. Das kann ich nicht und könnte es nie. Du hattest Angst um mich. Du hattest Angst ich gebe dir die Schuld, weil du nie auf mich gehört hast. Weil du zu stur warst. Immer habe ich gesagt, dass etwas nicht stimmt, dass du zu einem Arzt musst. Du hast es immer verschoben. Du hattest Angst, deshalb könnte ich dich hassen. Weil du sagst es sei deine Schuld. Niemals könnte ich dir die Schuld geben.

Mir fällt es schwer zu verstehen, auch wenn deine letzten Worte waren, ich soll nicht weinen und ich soll erwachsen sein und stark sein. Ich soll dein starkes Mädchen sein. Und das fällt mir so unendlich schwer. Es fällt mir auch schwer, dich nicht zu sehen, in den Arm zu nehmen oder zu hoffen das alles gut wird. Ich weiß dass nichts gut wird, weil nichts gut war. Du warst das einzig Gute. Und du bist weg.

Ich könnte mir vorstellen, dass du an mich denkst. Dass du dich erinnerst und mich siehst. Ich habe keine Nummer oder eine Adresse. Da wo du bist, gibt es das nicht. Es gibt kein Internet und noch nicht mal einen Brief. Kein Papier oder einen Stift. Da wo du bist, gibt es keine Kommunikation. Ich weiß nichts über diesen Ort, der jetzt für immer dein zu Hause ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du neben mir sitzt. Das du mit mir sprichst,ohne dass ich dich hören kann. Aber vielleicht tust du das gerade jetzt, während ich dir diesen Brief schreibe, der niemals ankommt. Vielleicht schläfst du jede Nacht neben mir ein, so wie immer und siehst meine Fassade bröckeln. Siehst dass ich mich in den Schlaf weine. Das ich nicht das starke Mädchen bin, dass du kennst. Das du liebst.

Ich will nicht mehr stark sein. Ich will schreien, weinen, fluchen und am Boden liegen ohne aufzustehen. Aber ich habe dir versprochen, dass ich für uns beide stark bin.

Ich habe bei der Diagnose deine Hand gehalten, als du vor Angst gezittert hast. Ich habe dich in einem Rollstuhl durch die Flure des Krankenhauses geschoben, als du nicht mehr laufen konntest. Ich habe Tage und Nächte an deinem Bett verbracht, als du kaum noch Kraft hattest, deine Augen offen zu halten.
Ich habe für uns gekämpft. Monatelang. Immer und immer wieder. Und jetzt kämpfe ich darum, nicht bei jedem Gedanken an dich, den Schmerzen zu erliegen. Ich kämpfe um das alles zu überleben. Ich versuche ohne dich weiter zu machen. Ich kämpfe für mich.

6

Diesen Text mochten auch

1 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Groß. Auch weil Fragen offen bleiben.

    06.12.2011, 16:15 von Plutarch
    • Kommentar schreiben

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare