Heute nur Promotion
‽
„Kannst Du auch ‚Paint in Black’ von den Rolling Stones?“ – „Nein, heute ist kein Wunschkonzert. Heute ist nur Promotion!“ – „Und wenn ich dir Geld gebe?“ – „Ich möchte dein Geld nicht, das brauchst Du für dich selbst. Für Euch!“
Promotion an einem späten Mittwochabend auf einer leergefegten Fußgängerzone ist ein Wagnis, aber gut. Es ist schon spät heute. Die Restaurants und Bars sind überfüllt. Der herzförmige Holztisch auf der Galerie ist „reserviert“. Der Rest der Etage auch. Unten ist es zu laut. Zu viele Menschen. Gedrängt. Beengt. Gestresst. Man hätte diese vorlauten Pappkärtchen einfach verbrennen sollen, die einem sagen wollen, dass die 13 Tische gerade nicht benutzt werden, aber eventuell noch jemand kommt, der das gern tun möchte. Wir gehen rein und gleich wieder raus. Ohne zu bestellen. Ohne gesehen zu werden. Aber wir haben Zeit. Viel Zeit. Für uns. Für alles. Für den aufreibenden Trubel und für die beruhigenden Lichter der Stadt.
Ein singender
Straßenmusikant steht mit seiner weißen Gitarre unter dem Vordach des Einkaufszentrums, in dem noch immer Licht
brennt. Er ist bekannt hier. Leider nicht sehr erfolgreich, wie mir scheint.
Seine hohe, unverwechselbare Stimme dringt mit voller Kraft in unsere Gehörgänge. Die
Akkorde spielt er sehr laut. Er rammt sie in die Saiten als stünde er vor Tausenden auf einer Bühne mit Verstärkern im Rücken und einer Frontfrau als Joker. Wir setzen uns. Auf die dritte Bank. Du
wolltest die dritte Bank.
Ab und an werfen eilig vorbeilaufende Menschen eine
Münze in seine kleine gelbe Plastikbox, die er in einiger Entfernung neben sich
aufgestellt hat.
Sie hören gar nicht richtig zu. Er möchte kein Geld. Eigentlich.
Von mir jedenfalls nicht.
Höflich
bedankt er sich bei jedem Spender. Trotzdem. Immer.
Ein ehrliches „Vielen Dank!“ baut er in
die Strophen ein, untermalt es mit einem A-Moll-Akkord und nickt hinterher. Keiner bleibt stehen. Wir schon.
Du
sitzt neben mir und starrst in den Himmel, lächelst dabei und versuchst nicht
zu zeigen, dass Du frierst. Ich nehme deine Hand, denn ich spüre das.
Deutlich. Telepatisch.
Es beginnt zu nieseln. Die kalten Tropfen fallen auf uns und glitzern wie Perlen in deinem Haar. Bezaubernde kleine Dinger der Unmöglichkeit. Du liebst Niederschlag. Vor allem jetzt. Es ist kein Schnee, kein Morgentau und auch kein Nebel. Also nichts Besonderes. Aber du machst jedes Wassermolekül stolz darauf, dass es Teil des Niederschlags sein kann, der dich berühren darf.
Einige Lieder später stehen wir auf,
denn es wird kälter und die Tropfen größer. Die Nacht ist da. Es ist unsere
Nacht. Auf der siebenden Wolke. Obwohl Du auf die achte wolltest. Man kann nicht alles
haben. Aber man kann es darauf anlegen. Falls dennoch nur Promotion ist, haben wir es wenigstens versucht.
Zwei Münzen lassen wir in die kleine Plastikbox fallen.
Ein letztes „Vielen Dank“, der A-Moll-Akkord und die Lichter der Stadt begleiten uns nach Hause.
Ohne Reservierung. Ohne Menschen. Ohne Sorgen.
Mit unseren Gedanken.





Kommentare
Seltsam.
18.10.2012, 15:11 von FrauKopfDer Start gefiel mir aber zum Ende hin verliert das an Treibstoff.
Kurz vor Herz aber nur kurz.
"Die kalten Tropfen fallen auf uns und glitzern wie Perlen in deinem
18.10.2012, 14:36 von robert_suydamHaar. Bezaubernde kleine Dinger der Unmöglichkeit. Du liebst
Niederschlag. Vor allem jetzt. Es ist kein Schnee, kein Morgentau und
auch kein Nebel. Also nichts Besonderes. Aber du machst jedes
Wassermolekül stolz darauf, dass es Teil des Niederschlags sein kann,
der dich berühren darf."
... solch einen menschen kannte ich mal.
vielen dank für das erinnern an die erinnerung.