Heute ist dein Geburtstag
Dein Geburtstag ist gefeiert, die LP findet Platz in einer Ecke und eine Nachricht von dir versaut mir den Tag.
Um 6:00 Uhr klingelt mein Wecker. Ich habe schlecht
geschlafen und wild geträumt. Einen Moment länger als sonst bleibe ich im Bett
liegen, bevor ich mich Minuten später unter die Dusche zwinge und das warme Nass seinen Job
erledigen kann. Noch immer unter der wärmenden Bettdecke liegend denke ich an dich, wie du gerade deine Wohnung verlässt, um zu
deiner Tochter zu fahren, damit du sie wenig später in den Kindergarten bringen
kannst. Draußen ist es dunkel, doch der helle Schein des Schnees, der über
Nacht gefallen ist, taucht mein Zimmer in ein angenehmes Licht, das es mir
leichter macht, aufzustehen. Ob du Schnee magst? Wir haben nie darüber
gesprochen und gemeinsam nie welchen erlebt.
Im Büro angekommen, nerven mich die Aushilfen mit Fragen, die sie sich selbst
beantworten könnten, würden sie sich bemühen ein, zwei Schritte im Voraus zu
denken. Kunden erteilen Aufträge, beschweren sich über Umstände, die nicht
vorherzusehen waren, oder haben Änderungswünsche, die nur schwer zu realisieren
sein werden. Das alles kommt heute nicht bei mir an. Wie mechanisch beantworte
ich Anrufe und Emails, fertige meine Chefs und die Aushilfen mit aufgesetzter
Freundlichkeit ab und lasse mir nichts anmerken. In Gedanken bin ich heute nur
bei dir. Ich erinnere mich daran, wie wir über diesen Tag gesprochen haben,
überlegt haben, deinen wichtigen Tag nur zu zweit zu feiern oder vielleicht
doch eine Party zu veranstalten. Dieser Tag sei dir wichtig, hast du
gesagt und dabei konnte ich eine kindliche Vorfreude in deinen Augen entdecken,
die nicht deinem Alter entsprach. Ich fand es niedlich und habe mir seitdem
immer wieder Gedanken darüber gemacht, womit ich dir an deinem Ehrentag eine
Freude machen könnte.
Tagträume haben meinen Bürotag bestimmt. Von dir und mir, einem
selbstgebackenen Geburtstagkuchen, auch Luftschlangen und anderer Kitsch hatten
sich in die Träume verirrt. Auf dem Weg nach Hause starre ich in der
Straßenbahn auf das Display meines Handys, das ich in den Händen halte und
immer wieder nervös in meine Tasche zurücklege. Wie gewollt und nicht gekonnt
formuliere ich Sätze in meinem Kopf, nehme mein Handy wieder zur Hand, tippe
die Sätze ein, nur um sie sofort wieder zu löschen. Ich bin mir nicht sicher,
ob du dich über eine Nachricht mit Glückwünschen von mir freuen würdest. Ich
lasse es, ziehe symbolisch den Reißverschluss meiner Tasche zu und blicke die
letzten paar Stationen aus dem Fenster. Überall nur Schnee.
Zuhause lege ich mich ins Bett und ziehe die Decke über den Kopf. So kann ich
allerdings nicht lange liegen bleiben. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich
könnte kochen, hätte ich Hunger, den habe ich aber nicht. Mein Magen rebelliert
schon seit Stunden. Ich hatte zu viel von dem erträumten
Geburtstagskuchen. Zum Schlafen ist es noch zu früh. Die Grübelei würde mich in
der Nacht wecken und mir auch den nächsten Tag wegen Schlafmangels vermiesen.
Ich bin ratlos. Ich schlage dein Buch auf, lese deine Widmung auf der ersten
Seite und schon wieder sticht sie mich da, wo du mich vor Monaten mit besten
Absichten treffen wolltest. Jetzt kommt sie mir gar wie eine zu Papier
gebrachte Lüge vor. Der Stich schmerzt. Das Buch lege ich aus der Hand. Auf
meinem Schreibtisch liegt der Brief an dich. Die Ecken des Umschlags sind
abgeknickt und leichte Schmutzschlieren ziehen sich über ihn. Die gesamte letzte
Woche habe ich den Brief in meiner Tasche getragen, zum Einwurf bereit, nur die
Traute fehlte. Gestern dann war es zu spät. Er hätte dich nicht mehr pünktlich
erreicht. Seitdem liegt er dort auf meinem Schreibtisch.
Ich telefoniere mit Freundinnen, räume mein Zimmer auf, schaue Fernsehen und schlage die Zeit tot. Bevor ich ins Bett gehe, packe ich das Geschenk aus, das seit über zwei Monaten auf der obersten Ablage meines Kleiderschranks liegt. Eine LP. Hätte ich einen Plattenspieler, würde ich sie jetzt hören. Stattdessen lege ich mich ins Bett, verliere mich wieder in Gedanken und finde schließlich in den Schlaf, der mich dich zumindest für die nächsten Stunden vergessen lässt.
Am nächsten Morgen wache ich auf. Es ist Neuschnee gefallen. Dein Geburtstag ist gefeiert, die LP findet Platz in einer Ecke und eine Nachricht von dir versaut mir den Tag. Meine Emails habe ich gestern nicht gecheckt, weil die Versuchung, dir elektronische Glückwünsche zu senden, zu verlockend gewesen wäre. Jetzt lese ich sie, deine Einladung.


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Kommentare
Erst dachte ich, gar nicht mal so schlecht. Handelt von einer "sie", die Gefühle für einen Mann hat, der in festen Händen ist, Kind hat, und dennoch konnte man sich ob der anmutigen Schreibe reinversetzen, ohne jemandem einen Schuldstempel aufzusetzen. Am Ende, der Satz mit der Einladung, den assoziierte ich mit einer Einladung zur Hochzeit, keine Ahnung, wie ich darauf kam.
24.02.2012, 21:11 von topfbluemchenAls ich jedoch herauslas, dass es 'nur' um eine Geburtstagseinladung ging, hat der Text leider etwas Charme eingebüßt. Jedoch will ich den Text deswegen nicht ganz und gar abwerten. Solide geschreiben. Gut gemacht.
ich mag deinen schreibstil sehr!
danke für diesen tollen text, dessen ende auch einen stich versetzte...und ich würde zu gerne wissen, was zwischen den beiden vorgefallen ist, obwohl es so offensichtlich scheint
das ist meine lieblingsstelle:
15.02.2012, 23:14 von wuebbipoa
Es freut mich sehr, dass dir meine Texte gefallen. Ich glaube, für den Text ist es nicht wichtig, zu wissen, was zwischen den beiden vorgefallen ist, trotzdem verstehe ich deine Neugier.
15.02.2012, 23:20 von lalinawas genau mir an dem text so gefällt kann ich irgendwie nicht festmachen. find ihn trotzdem geil
15.02.2012, 14:46 von MukkuIch find das Ende hat was. Etwas frustrierendes, etwas gramgefülltes, etwas packendes das einen nicht loslässt. Die eigenen Gedankenverwirrungen hätten noch intensiver sein können durch Wiederholungen oder Elipsen. Große Klasse!
14.02.2012, 17:32 von klaragreenDein Lob freut mich sehr. Mit deiner Kritik hast du gar nicht unrecht, allerdings hätte ich damit weniger Spielraum für die eigene Interpretationen des Hindernisses gelassen.
15.02.2012, 16:40 von lalinaFinde ich wirklich gut beschrieben - dieses dumpfe Gefühl. Nur das Ende "nervt". Die Einladung hätte ich weggelassen, einfach um der Geschichte etwas endgültiges zu geben. Weiß natürlich nicht, ob es nach einer wahren Begebenheit ist, dann will ich nichts gesagt haben ;)
14.02.2012, 08:43 von HerzgesteuertDanke. Ich finde das Ende sehr passend, aber du darfst den Text auch gerne ohne den letzten Satz lesen.
14.02.2012, 09:21 von lalinaWow. Richtig gut! Erste Klasse!
13.02.2012, 23:54 von Felix-OscarSchöner Text, gefällt mir.
13.02.2012, 23:44 von Katze.Und einer, der die Einladung erst am Tag der Tage abschickt, ist es eh nicht wert. Pff.
Es freut mich, dass dir mein Text gefällt. Danke.
14.02.2012, 06:50 von lalinadas ende gefällt mir am besten! aber der ganze text ist wunderbar.
13.02.2012, 22:31 von ICHLEBEJETZTOh, ich danke dir.
14.02.2012, 06:51 von lalinaOch Mensch, so'n Mist.
13.02.2012, 22:12 von LunasolAber prima zu lesen.
Du hast keinen Plattenspieler? Pah!
13.02.2012, 21:36 von RAZimDu hast einen? Interesse an einer guten LP?
13.02.2012, 21:53 von lalinawas für eine? und ja, na sicher!
13.02.2012, 21:54 von RAZimBroken Bells.
13.02.2012, 21:57 von lalinakenn ich leider nicht. welcher song (ich will ma reinhören)?
13.02.2012, 22:00 von RAZimVaporize, The High Road oder October... Ach, das ganze Album ist ein Ohrenschmaus.
13.02.2012, 22:03 von lalinaich hörs mir mal an - und wenn es gefällt, verlange ich nach der platte! ;)
13.02.2012, 22:05 von RAZimWenn RAZim sie nicht will, würd ich sie auch nehmen :)
13.02.2012, 23:42 von 1.dedektiv.horstLPs sind nicht cool.
17.02.2012, 21:13 von SurecampIch schenk dir meine.
MP3s und CDs sind praktischer, klanglich besser (NEIN, LPS klingen nicht wärmer und toller) und nehmen weniger Platz weg.
Plattenspieler braucht kein Mensch.
absoluter unsinn
18.02.2012, 16:24 von RAZimKlingt doch super. Ich nehm auch gerne Surecamps LPs.
18.02.2012, 16:40 von 1.dedektiv.horstFalsche Nostalgie aus Coolheitsgründen.
18.02.2012, 22:50 von SurecampAuf ner einsamen INsel würdet Ihr euch für CDs entscheiden.