herzmedizin.
Manchmal legst du dich nachts mitten auf die Straße und zerreißt den Himmel mit deinen herausgeworfenen Worten.
Es duftet nach Regen in meinem Zimmer, höre ich eine Stimme sagen, während ich langsam versuche die Wunderkerzen auszupusten, damit die Funken aufhören, sich in meine Gedankenwelt zu brennen.
Es duftet immer nach Regen, sage ich, denn Regen fällt zwar nicht immer, ist aber immer da. Danach frage ich mich, warum man Sachen nur riechen kann, wenn sie sich direkt vor einem befinden. Das Thema wird gewechselt. Manchmal sagst du, dass der Regen hier in meinem Bett, bei dem geöffneten Fenster anders duftet. Vertrauter, und dann versuchst du die Fäden zu zählen, die vom Himmel fallen. Manchmal gibst du ihnen Namen. Einen besonders Schimmernden benanntest du mal nach einem besonderen Moment, sagtest du. Doch der Name blieb auf ewig ganz nah in einer deiner Herzkammern. Verraten wolltest du ihn nie.
Das müsste so sein, weil Regentropfenfäden wären das Material, aus dem Geheimnisse gewebt würden, und die darf man ja auch niemandem verraten.
Ich konnte das nie verstehen, empfand diese Ironie in deinen Worten mehr als Sarkasmus und diese Dramatik in deinem blick eher als Trotz. Wie ein kleines Mädchen standest du vor mir, ein kleines Mädchen mit hellem rosa Kleidchen, barfuß und verlorenem Kleingeld für ihre 2 Kugeln Schokoladen- und Erdbeereis.
Das war noch Dramatik, da kann ich die Notwendigkeit nachvollziehen, das ist Herzschmerz und wundervolle Melancholie. Mit Regen hat das nicht viel zu tun, eher mit Gefühlsregen, der leise aber beständig auf deine Gedankenphraseln platscht und all das wegschwemmt, was mal bedeutend war und was mal unwichtig war und was mal groß hätte werden können.
Du wartest auf den ersten Sommerregen. Und zwar nicht in diesem Sommer, sondern schon dein ganzes Leben, denn die bisherigen waren niemals ernstgemeint, weder von dir, noch von den Umständen und auch nicht von den glitzernden Tropfen, die manchmal vom Himmel fallen, die nie locker lassen, die dich nicht locker lassen, auch nicht zufrieden stellen.
Manchmal legst du dich nachts mitten auf die Straße und zerreißt den Himmel mit deinen herausgeworfenen Worten, die du leichtfüßig in die Welt schmeißt, in der Hoffnung, du wärst ein Kind des Echos und irgendwann würde irgendetwas auf dich zurück fallen, ein Regen aus Worten, aus Farben, aus Momenten oder Gefühlen, ganz egal.
Ich bitte dich also jeden Abend um sechsundzwanziguhrdreizehnundsiebzig, mir den Namen des Regenfadens zu verraten. Ich möchte dieses Geheimnis mit dir teilen, doch du lässt mich nicht, du sagst, es ist zu nah an deinem wertvollsten, du kannst es nicht rausreißen. Du hast das Wort rausreißen noch nicht zu ende gesprochen, da habe ich es schon bereut, denn ich werde den Namen nie so verstehen, wie du , ich werde ihn niemals als so wertvoll empfinden können, denn ich kenne den Moment deines Erkennens nicht.
Wenn man damals das Mädchen sah, und nicht beobachtete, tat man das verlorene Eis auch als Lappalie ab. Die Kullertränen kamen erst später, die kommen immer erst, wenn man den Verlust realisiert. Auf die Frage, wofür du lebst, antwortest du nur mit einem geflüsterten „für alles.“, und ich fand das immer viel zu maßlos.
Doch wenn ich jetzt in den wolkenfreien Himmel schaue, wünsche ich mir manchmal die vertrauten schimmernden Regentropfenfäden herbei, weil ich weiß, dass du dann lächelst, weil ich weiß, dass du nur dafür lebst. Für Geheimnisse.
Du sagtest einmal, du hättest gerne eine Schaukel. Eine Schaukel, die ihre Verankerung in Regenwolken trägt und die so kurz sei, dass du mit den Füßen gerade mal Apfelbäume streifen würdest. Du würdest auch immer nur zu dem höchsten Punkt schaukeln wollen, um dann oben von dem Sitzbrett abzuspringen und durch den Regen zu schweben. Du sagtest mal, dann würdest du wohl glücklich sein. Dieser Moment würde dir genügen.
Du hast nicht gelogen. Das weiß ich jetzt.



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Kommentare
wie unglaublich das ist ... wirklich! es ist so schön!
02.03.2009, 15:02 von ImmerAmHorizontoft treffen mich texte in "der gewissen" stimmung besonders aber du machst mir "eine gewisse" stimmung!
unglaublich!
Erinnert mich an "Die Andere" von Susanne Heinrich :)
02.07.2008, 08:49 von Stjaernaflickaein Traum in Schwarz-Weis(s)....
23.06.2008, 13:59 von schniefge