Herzlos
Mein Atem gefriert fast in der Abendluft, als ich an Deiner Haustür schelle. Der Türsummer erklingt, und ich stehe in der Wärme Deiner Garderobe.
Ich ziehe die Schuhe aus und stelle sie neben Deine. Hänge meinen Mantel an den noch freien Haken. Und lege meine Handschuhe auf den kleinen Tisch. Ganz zum Schluss greife ich in meinen Brustkorb, nehme mein Herz heraus und wickele es vorsichtig in meinen Schal. So verpackt hänge ich es an die Türklinke und schließe die Tür von der anderen Seite in Erwartung der Nacht.
Du hast schon eine Flasche Weißwein geöffnet und zündest gerade Kerzen an, als ich Dein Zimmer betrete. Mit einem Lächeln reichst Du mir ein frisch gefülltes Glas, und ich setze mich neben Dir aufs Bett. Erst ziehst Du mich zu Dir heran – dann aus. Nacheinander gleiten unsere Kleidungsstücke von der Bettkante auf den Boden und unsere Hände sanft über den Körper des anderen. Nur die Kerzenlichter spiegeln sich in den Weingläsern wider, und milde Klänge erfüllen den Raum.
Wenn die Musik kurz verstummt, kann ich ein leises Klopfen an der Tür vernehmen, das Du gar nicht hörst. Du nimmst nur mich wahr – mit allen Sinnen. Aber nur ich weiß, dass der Platz hinter meiner Brust leer ist, während wir uns einander hingeben. Weil mein Herz draußen leidet, während es uns durch das Schlüsselloch zusieht. Dann beginnt es im Takt seiner Schmerzen zu pochen. Aber diese Schmerzen kann ich gar nicht spüren – nur ganz leise hören.
Langsam kühlt mich der Wein von innen und benebelt meinen Verstand. Bis auch ich das Klopfen an der Tür nicht mehr höre und vollends in Deinen Armen versinke. Ohne ein Gefühl für Raum und Zeit sind wir – einfach nur da in der Tiefe der Nacht. Nicht nur mit Deinen Blicken verschlingst Du mich immer und immer wieder, bis Du auf einmal innehältst.
Deine Augen sind starr auf meine linke Brust gerichtet, die Du mit Deiner Hand umschließt. Ich merke, wie Deine Finger weiter an mir hinabgleiten wollen. Aber sie können nicht. Der Frost schlingt sich aus meiner Brust um sie herum und lässt sie erstarren. In Deinen erschrockenen Blicken lese ich ein schreiendes „Nein!“, doch Deine Lippen verlässt das Wort nicht.
In diesem Augenblick löse ich mich von Dir und ziehe mich an, während Du immer noch völlig reglos bist. Und so starr schaust Du mir auch noch hinterher, als ich Deine Wohnung verlasse, bist unfähig mich zurückzuhalten.
Nur mein Parfüm wird noch in Deinem Zimmer hängen, während ich jetzt die Straße entlanglaufe. Mein Herz habe ich mitgenommen und spüre, wie es mich langsam wieder von innen auftaut. Auch wenn ich es vorher so sehr gequält habe. Ich hoffe, es verzeiht mir.
Du hättest wahrscheinlich nichts anderes damit zu tun gewusst als es an den jetzt freien Garderobenhaken zu hängen, wenn es Dir vor die Füße gefallen wäre.



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Kommentare
In der Tat, das lässt einen nicht mehr so schnell los.
07.08.2007, 20:12 von SeeIch war fertig mit lesen und hab dann erstma3-4 Minuten absolut nichts gemacht.
Jetzt schreibe ich diesen Kommentar und hänge doch noch mitten an deinem Text ... ganz groß !
wow....heftig...hast mich richtig gefangen genommen. deine schilderungen ziehen mich so in den bann, dass ich alles fühlen kann....und es lässt einen nicht so schnell wieder los!
06.08.2007, 23:40 von masiähm.. wow was für ein schreibstil.... tolle worte hast du gefunden fabriziert und um eine situation gekleidet.. Respekt!!
06.08.2007, 21:31 von cumuluswolke