Ich stand bei LIDL an der Kasse, um eine Gurke und einen Fruchtjoghurt Kirsch zu bezahlen. Dummerweise öffnete ich das falsche Fach meines ach so funktionalen Portemonnaies und hatte nicht mein Kleingeld vor der Nase, sondern einen kleinen, vergilbten, viermal geknickten Zettel. All die Wochen, Monate, gefühlte Jahre schleppe ich völlig ahnungslos diesen Kassenzettel mit mir rum und frage mich, warum sich mein Arm jedes Mal so bleischwer anfühlt, wenn ich von ungeduldigen (deshalb nicht unbedingt unfreundlichen) Kassierern zum Zahlen aufgefordert werde.
10 Monate ist es her, seitdem ich gemerkt habe, dass es dich und mich schon eine ganze Weile nicht mehr gibt. Wie lange du damals schon die weiße Flagge geschwungen hattest und ich Trottel zu blind gewesen war, es zu sehen, weiß ich bis heute nicht. Du redest nicht. Und ich höre nicht.
Du hieltest meine Hand und ich zählte innerlich die vor Neid platzenden Mädchen, die mit ihren Blicken Giftpfeile auf mich feuerten, du bliebst wach, wenn ich nachts um drei Astro-TV einschaltete (und das noch bevor dich mein spöttisches Lachen aus dem Schlaf gerissen hätte), du warst der erste und einzige Mann, der noch mehr von Shopping begeistert war als ich und du hast sie mir entlocken können, diese drei furchtbar schweren Worte, die ich bei all meinen vorherigen Beziehungen nicht über die Lippen gebracht habe. Es wird dich -verständlicherweise- in deiner Manneskraft kränken, wenn ich nun der weiten Welt des Webs mitteile, dass die schönste, stärkste Erinnerung an dich mit unserer ersten körperlichen Vereinigung zusammenhängt. Nach dem Liebesspiel schliefst du nicht ein, stecktest dir keine Zigarette an oder stelltest genießerisch fest, wie gut es (oder du) doch gewesen sei. Stattdessen zogst du mich verzweifelt in deine Arme, vergrubst dein Gesicht in meinem damals noch langen Haar und flüstertest atemlos, bleib bei mir, bis mir deine Tränen salzig warm den Hals runterliefen.
Ich bin nicht geblieben, du hast mich ersetzt und ich habe mir die Haare kurz geschnitten.
Du bist nicht mehr der, mit dem ich mir vorstelle, Atem, Alltag, Träume und Zukunft zu teilen. Ab und zu überwältigt mich nur die Tatsache, dass ich nie erfahren hab, wann ich meine Meinung über die (Un)Sterblichkeit unserer Beziehung gezwungenermaßen so grundlegend geändert habe. Das passiert, wenn mir der Kassenzettel von den Zutaten unseres ersten selbstgekochten Abendessens in die Hände fällt, wenn zufällig das Lied gespielt wird, bei dem du immer lauthals mitsingen musstest oder wenn mich die Gesichtszüge eines Ostasiaten zu sehr an deine erinnern (obwohl ich längst nicht der Meinung bin, dass Asiaten alle gleich aussehen und Japan in China liegt). Dann vergesse ich kurz, dass das Atmen jetzt schon eine ganze Weile ohne dich funktioniert hat. Und zwar besser, als erwartet.
Kommentare
kein wort zuviel. echt, authentisch, ehrlich und voller ehrlichem gefühl. Null Kitsch. Danke!
14.10.2012, 23:38 von Par4droidwunderschöner text. menschen verändern unser leben, und unser leben verändert uns.
29.06.2012, 22:53 von carambolage.Gurke und Joghurt? Hehe.
28.06.2012, 20:15 von forstPersönliche Dinge, die uns daran erinnern wer wir sind und wer wir waren. Sehr gut.
28.06.2012, 19:31 von vanFrost