dieweltannalysieren 30.11.-0001, 00:00 Uhr 34 46

Herz im Glaskasten

Vor einer ganzen Weile hast du einen Raum betreten, den du eigentlich niemals hättest finden dürfen. Das Sicherheitssystem hat einen Totalausfall.

Es ist ja nicht so, als hätte ich nie jemanden zu mir in meinen Gebäudekomplex eingeladen. Es gab immer mal jemanden, der sich mit heißen Küssen und feuchtfröhlichen Versprechen Zugang verschafft und eine Weile in meinem Gefühlsgebäude gewohnt hat. Bevor ich ihn wieder rausgeschmissen habe oder er sich selbst entschlossen hat zu gehen, weil die Welt mehr zu bieten hat als dieses triste Haus ohne Fenster und mit verrammelten Türen. Nur eine Flasche Tequila, ein halbes Dutzend Zigarettenpackungen und mein verletztes »Ich hab’s gewusst« sind geblieben. 
Aber hey, dann in Zukunft eben bessere Sicherheitsvorkehrungen, dickere Mauern, komplexere Eingangscodes … 

Und jetzt bist du hier. Standest mit einem Mal lächelnd vor der Tür, hast geklingelt und gesagt, dass du gerne rein möchtest. Wer hat dir überhaupt aufgemacht!? 

Keine Ahnung, auf jeden Fall schlenderst du seitdem herum, als gäbe es nichts normaleres, als durch die Gänge zu wandern und selbstbewusst, fast schon an Überheblichkeit grenzend, alle Türen auf dem Weg einfach mir nichts, dir nichts aufzuschließen, reinzuschauen und ungerührt alles aufzuräumen. Gnadenlos schmeißt du weg, was dir unnütz erscheint, sortierst, putzt und reparierst und machst einen ohrenbetäubenden Lärm dabei. Und ich stehe da, mit offenem Mund und starre händeringend mein Sicherheitssystem an, das offensichtlich einen Totalausfall hat.

Ohne Scheiß, möchte ich sagen, was geht da eigentlich bei meinen begriffsstutzigen Gefühlswächtern? Wofür bezahle ich die überhaupt? Lahmarschige Kerle die immer erst dann angelaufen kommen, wenn du längst schon wieder durch die nächste Tür geschlüpft bist. Immerhin schließt du jedes Mal wieder gut hinter dir ab … 

Vor einer ganzen Weile hast du einen Raum betreten, den du eigentlich niemals hättest finden dürfen. DEN Raum, in den noch nie irgendwer einen Fuß gesetzt hat und der eigentlich Tabu bleiben sollte, bis in alle Ewigkeit – wie die Kammer des Schreckens, die Büchse der Pandora, wie die Area 51. 

Hier liegt Es. Ganz vorsichtig verpackt in einem kleinen Glaskasten, damit Es rausschauen kann und doch sicher ist, vor fremden Berührungen. Es pumpt leise vor sich hin, lässt sich nicht aus dem Takt bringen und ist gut beschützt, aber doch ein kleines bisschen einsam. 
Du weißt das, nicht wahr? Denn auch wenn die Wächter dich nicht erspähen, auch wenn noch keine der Hochsicherheitsalarmanlagen angegangen ist, kein Bewegungsmelder bisher Notiz von deiner Anwesenheit genommen hat, hat ein Teil von mir längst registriert, dass du da irgendwo im Schutz der Dunkelheit stehst und geduldig wartest. Ich überlege, ob Es vielleicht beeindruckt und neugierig ist so wie ich. 
Vielleicht möchte Es auch einfach nur einmal aus dem Glaskasten genommen werden, ganz behutsam, ganz vorsichtig. Vielleicht schlägt Es deshalb nicht Alarm, sondern manchmal nur ein kleines bisschen schneller, wenn du dich ihm sachte einige Zentimeter näherst. 

Komisch, ich glaube, es mag dich. 

Für einen Moment wünsche ich mir, dass das Sicherheitssystem nie wieder anspringt. Ich wünschte, du würdest nie bemerkt und ich müsste dich nicht unter dem Geheul der Sirenen wieder rausschmeissen, dich gegen Alkohol und Zigaretten tauschen. 

Lass dich nicht erwischen und schließ bitte ab, wenn du gehst. 


Tags: liebe, Vertrauen, Sicherheit, Glas, Herz, Angst
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34 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Ich sehe es genau vor mir, das Herz im Glaskasten! :) Schöner Text!

    31.08.2015, 14:44 von siemi
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  • 1



    toller
    text, schöne bildsprache! kann man gut nachvollziehen.. ich müsste meine wächter auch besser oder weniger
    bezahlen, damit sie ihren job machen.. „aber hey,
    dann in zukunft eben bessere sicherheitsvorkehrungen, dickere mauern,
    komplexere eingangscodes..“ - find ich gut!
    <?xml:namespace prefix = o ns = "urn:schemas-microsoft-com:office:office" />



    27.08.2015, 14:41 von st_marco
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  • 1

    Das ist so toll geschrieben, wundervoll, es spricht mir aus der Seele und ich danke dir für diesen phantastischen Text! Ich wünschte ich könnte meine Worte so verpacken! Du bist wirklich wahnsinnig talentiert!

    27.08.2015, 14:10 von LeavingLasVegas
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  • 1

    Eine wunderschöne Vorstellung!!

    27.08.2015, 10:23 von LisamarieLoewenzahn
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  • 1

    Wenn ich länger darüber nachdenke, gleichwohl ich keine Zeit zum länger darüber nachdenken habe, fällt mir der Schulmädchenreport ein. Irgendwie hat sich der Gedanke in das Gehirngefüge eingeprägt wie früher bei einer Bildröhre, als das letzte Bild noch etwas nachleuchtete.

    Die Metapher zum Gebäude ist plausibel, aber nicht neu, und trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass diese gewaltige Herzschmerzdramatik nichts ist, worin etwas an Bedeutung herauskommt, und das hätte meiner Meinung nach ein Autor schon so umsetzen können.

    27.08.2015, 08:33 von marco_frohberger
    • 0

      Ich versteh deinen Kommentar nicht, sorry! Kenne leider weder den Schulmädchenreport, noch verstehe ich, was du mit deinem letzten Satz meinst!? Möchtest du sagen, der Text hätte keine Bedeutung? Dann würde mich das als Autorin erschrecken ... ^^ Es gibt diverse Aussagen darin, obwohl - das gebe ich zu - der Fokus darauf liegt, den empathischen Leser um Mitfühlen anzuregen. Das sollte aber nicht über die Botschaft hinwegtäuschen, die der Text definitiv HAT. Jedenfalls in meinen Augen ... 

      27.08.2015, 11:16 von dieweltannalysieren
    • 0

      Was mich zuerst irritiert hat ist, als ich auf deinen Blog bin und jetzt auch hier wieder lese, dass du dich gerne als Autorin bezeichnest. Bist du eine Autorin? Schriftstellerin? Hast du dir darüber einmal Gedanken gemacht? Selbst ich wäre mit einer solchen Bezeichnung vorsichtig.


      Was ist denn nun deine Intention des Textes? An das Empathiegebaren der Menschen anzuschreiben oder eine Botschaft zu vermitteln?

      27.08.2015, 11:38 von marco_frohberger
    • 0

      Das wiederum finde ICH jetzt irritierend :D Für mich ist jeder ein Autor, der in irgendeiner Form Texte verfasst. Tut mir Leid, wenn "Schriftsteller" und "Autor" geschützte Bezeichnungen sind, die ich damit frecherweise ihrer Bedeutung beraube!? ;) 


      Zu deiner zweiten Frage: Beides. Du kannst dir Gewiss sein, dass ich mir beim Schreiben was gedacht habe. Wenn du die Aussage nicht findest, kannst du dich damit vermutlich nicht identifizieren (was okay ist, muss ja keiner). Aber dreist zu behaupten, das wäre nur ein gefühlsduseliger Text ohne Message, ärgert mich ein bisschen. 

      27.08.2015, 11:44 von dieweltannalysieren
    • 0

      Geschützt hin oder her, jeder kann sich so bezeichnen, wie er möchte, ob das dann gut ist, ist ein anderes Paar Schuhe. Vielleicht sind das auch nur meine verklärten Ansichten der Welt...


      Zum Zweiten: ich habe das nicht behauptet, das ist meine subjektive Feststellung beim lesen des Textes. Die Bedeutung dessen, was er liest, darf jeder für sich selbst finden, wie er mag, denke ich. Für mich ist es so, dass das bei mir nicht angekommen ist.
      Und mit Kritik, bei einem öffentlich eingestellten Text, muss man leben; oder auch nicht...

      27.08.2015, 13:13 von marco_frohberger
    • 1

      Logo! Ich bin ganz stark für Kritik, finde aber auch dass man darüber diskutieren kann oder nachfragen darf, was genau gemeint ist. Machen wir an der Stelle Schluss? :D Ich bedanken mich bei dir trotzdem für's Lesen :) 


      27.08.2015, 14:14 von dieweltannalysieren
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    • 0

      "Fühlenlieben-Selfie" gefällt mir! Ich hab schon die ganze Zeit nach einer adäquaten Beschreibung für diese Textsorte gesucht - danke! Die Unterstellung "das kennt außer mir niemand", lasse ich mal so dahingestellt. Ich hab eigentlich eher das Gefühl, dass das sehr viele kennen ... aber egal. Danke für deine Meinung ;) 

      26.08.2015, 20:08 von dieweltannalysieren
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    • 0

      Ich finde man kann einen Text nicht "falsch" verstehen ;) wenn das deine Interpretation ist, dann ist das so. 


      26.08.2015, 00:22 von dieweltannalysieren
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    • 2

      Ich finde überhaupt gar nichts merkwürdig daran, sondern eher spannend, wenn jemand meinen Text ganz anders versteht. Natürlich habe ich mir beim Schreiben was gedacht und ja, ich habe auch eine Message darin verpackt, aber ich käme mir als Autorin dämlich vor, das jetzt auf den Punkt rauszuschreiben. Dann hätte ich mir den Text in dieser Form auch sparen können. Erinnert mich ein bisschen an die Schule: "Was will der Autor uns damit sagen?" 

      26.08.2015, 14:44 von dieweltannalysieren
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    • 1

      Stimmt schon, ich verstehe deinen Punkt! Und als Leser geht's mir auch manchmal so, dass ich mich frage "hey, verstehe ich das richtig? Ist das die Aussage?", aber als Autor find ich es super nervig, zu erklären, was ich mir bei welcher Metapher nun wie gedacht habe :D Das macht Literatur auch kaputt finde ich, weil die EBEN darauf beruht, dass sich der Leser selbst Gedanken macht. Den Satz "Kannst du keine Nähe ertragen?" fand ich zudem nicht beantwortungswürdig, weil es a) nicht "ich" bin (immer dieser autobiographische Scheiß-Ansatz) und b) mir das als Botschaft für den Text zu kurz gegriffen ist. So irgendwie... 

      27.08.2015, 11:40 von dieweltannalysieren
  • 1

     Wider Erwarten mag ich den Text.

    25.08.2015, 18:55 von yuhi
    • 1

      ... Und das obwohl ich dir auf meinem Profilbild so unverschämt die Zunge entgegenstrecke... Hihihi, danke dir! ;)

      26.08.2015, 11:48 von dieweltannalysieren
    • 0

      Hihi, genau :).

      26.08.2015, 12:04 von yuhi
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  • 0

    Oh, wie ehrlich herrlich schön! :)

    25.08.2015, 16:19 von Mireeey
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  • 0

    Total süß!

    25.08.2015, 15:03 von AlYoung
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