maritschka 23.10.2015, 10:31 Uhr 13 41

Herz auf Herz

Irgendwo zwischen Zucker und Koffein geriet alles in meinem Kopf aus den Fugen. Dabei hatte ich sie in mühseliger Arbeit doch so tief gezogen.

Zwischen Zucker und Koffein weiten sich meine Blutbahnen und all die Arbeit ist hinüber. Ich glaube, weil ich so sorgfältig gearbeitet hatte, schrie mein Körper nach Energie. Darum bin ich hier geendet. Ich beiße mir auf die Lippe. Das ist sie gewohnt, sie schmerzt schon vom Beißen. Mein Bauch gluckert fröhlich, er spaltet wohl den Einfachzucker, den ich in Übermaßen konsumiert habe. Er gluckert, der Rest der Welt ist still. Ich starre auf die gelben Blätter, es ist 8 Uhr morgens. Kein Blatt bewegt sich, aber jedes strahlt, gelb und gelber, um 8 Uhr morgens. Vor einer Woche noch lagst du neben mir, hast dich nicht bewegt. Ich starre auf einen regungslosen, strahlenden Baum. Gelbe Birke vor meinem Fenster.

Warum bewegt sie sich nicht? Kein Blatt? Was ist ein Baum ohne wehende Blätter? Ich denke an dich, wie dein schwerer Arm über meiner Hüfte liegt,  dein starker Arm unter meinem Kopf. Du warst reglos, ich seit Stunden schlaflos, eingeengt, gefangen in deinen Armen. Zwischen meinen Schulterblättern schlug dein Herz, Brust an Rücken, Herz auf Knochen. Ich habe meine Hand in deine geschoben, du hast kurz gezuckt, sie festgehalten, dann locker gelassen, nie losgelassen. 

Dich interessiert nicht, wer ich bin. Meistens denke ich, das geht mir genauso. Immer dann, wenn du still neben mir liegst, ich dein Herz schlagen spüre und deine Hand mal wieder zuckt. Dann nervt mich, dass ich wegen dir schlaflos bin und denke, ich wäre es lieber wieder alleine. Ich drehe mich um auf deinem starken Arm, schiebe deinen schweren von meiner Hüfte. Du seufzt. Ich denke, dass es mich nicht interessiert, wer du bist. Rücken an Rücken. Warum haben wir eigentlich nur eine Decke?

Die Birke schillert, es ist windig, minimal windig, eine Brise. In meinem Rausch aus Zucker und Koffein freue ich mich. Ich bin zu unruhig für Stillstand, zu aufgebracht zum Starren. Meine Zehen berühren die Bettkante, warme Haut auf kaltem Holz. In meinem Rausch aus Zucker und Koffein freue ich mich. Mir ist zu warm für Daunen über den Füßen.

Rücken an Rücken lagen wir, bestimmt eine Stunde. Ich habe dem Ticken der Uhr gelauscht, von sowas soll man müde werden. Du hast dich wieder zu mir gedreht, Arm unter Kopf, Arm über Hüfte, Herz auf Knochen. Das macht müde. Ich habe mich an dich ran geschoben, deine Hand auf meine Brust gezogen, meine Hand in deine geschoben. Mich hat nicht interessiert, wer du warst und ob ich wegen dir vier Stunden schlaflos dalag. Du warst der Einzige, der das momentan ändern konnte, neben dem ich schlafen konnte. Und jetzt interessiere ich mich manchmal für dich.

Manchmal ist immer dann, wenn ich wieder in deinem Arm eingeschlafen bin und von einem Anderen träumend aufwache. Du weißt von ihm, ich von ihr, die dich schlaflos machen kann. Wir schlafen miteinander, weil uns Andere schlaflos machen. Wir schlafen nebeneinander, weil wir Nähemenschen sind. Und dein Körper und deine Nähe machen mich manchmal neugierig auf dich. 

Es ist windig und ich denke an ihn, ziehe meine Füße unter die Decke. Mir ist warm, ich bin unruhig. Zucker und Kaffee. Gestern hat er mich wieder angerufen. Er hat Zugriff auf meinen Körper, kann meine Herzfrequenz ändern, meine Beine weich machen, meinen Bauch verdrehen, meinen Kopf ausschalten. Er wollte nicht stören, meinte er. Das tat er nie, sagte ich. Ein kurzes Gespräch, beendet vom Funkloch zwischen dir und mir. Die Vorteile vom Landleben. Dann werde ich wieder neugierig auf dich, denn ich will mich für ihn nicht mehr interessieren.

Seitdem ich vor einer Woche wieder in deinem Arm geschlafen und von ihm geträumt habe, bin ich ständig in diesem Koffeinrausch. Ich kann nicht mehr schlafen, noch weniger als vorher. Und während mein Herz noch an ihm hängt und seine Stimme noch Stunden nach seinen Anrufen meinen Körper durcheinander bringt, versuche ich ihn mit dir zu ordnen. Siehst du, darum machst du mich neugierig. Ich erzähl dir von Dingen, die dich nicht interessieren und ziehe dich nachts an mich. Du verstehst, was ich versuche. Du willst dich ja schließlich auch ordnen und irgendwo bin ich wohl ein Teil deiner Lebensordnung. Du erzählst mir nicht von Dingen, ich glaube aber, sie würden mich interessieren. Dafür ziehst du mich um so lieber nachts an dich.

Mir ist zu warm, wenn ich an ihn denke. Ich ziehe die Decke von meinem Körper. Draußen ist es wieder windstill geworden. Ich hätte jetzt gerne deinen Arm über meiner Hüfte, deinen Arm unter meinem Kopf. Während ich mich mit dir ordne frage ich mich, ob das eigentlich stimmt. Ob ich dich für meine Zwecke nutze und du mich für deine. Oder ob ich zu neugierig bin auf deine Zwecke und irgendwann nicht mehr will, dass du nur still neben mir liegst. Zwischendurch interessiert mich, wieso du so bist und an was du denkst, wenn du morgens auf dem Rücken liegst, die Augen geöffnet, beide Hände bei dir. Aber ich werde nicht weiter fragen, wenn du wieder sagst, dass alles okay sei. Ich drehe mich dann neben dich, berühre mit meinem Arm eine letzte Minute deinen und verabschiede mich von ihm, von dir. Ich glaube, du bist in dem Moment schon gegangen, noch bevor du meinen Kaffee trinkst. Dann gehen wir wieder zusammen die Treppe runter, du nimmst mich unter der Birke kurz in den Arm, blickst mir nicht mehr in die Augen. Ich bleibe kurz dort stehen, höre zu, wie sich die Blätter bewegen und beobachte, wie zeitgleich meine Gedanken anfangen zu rennen. Ich bleibe kurz stehen, nur kurz. Dann vergesse ich meine Neugier auf dich, die meinen Körper wieder etwas geordnet hat. Ich gehe los, mir ist egal ob sich Bäume bewegen, wer Zugriff auf meinen Körper hat und wer ihn nachts umarmt. 

Zwischen Koffein und Zucker liege ich hier und weiß, dass ich ihm Zugriff gebe und ich weiß, dass ich dich meinen Körper umarmen lasse. Aber es ist mir egal, weil ich alleine gehen kann. Wie jeden morgen nach einer Nacht mir dir. Und irgendwann gehe ich so weit, dass ich ihm den Zugriff nehme und dir meinen Körper. Dann warte ich, bis ich einem Beides gebe will, bis ich mich nachts umdrehen will, bis ich jemanden umarmen will. Weil ich dann Herz auf Herz will. 

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13 Antworten

Kommentare

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    Schöner Schreibstil! Gefällt mir.

    20.11.2015, 08:16 von Gabrielo
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    Zusammen ist man eben doch weniger allein. Man muss nicht für alles Erklärung finden. 
    Danke für diesen abendlichen Gedanken.

    "Weil ich dann Herz auf Herz will." 
    Sehr schön!

    03.11.2015, 21:52 von liebemeer
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    Toller Text. Ich mag deine Art zu schreiben sehr ! 

    Es hilft Gedanken und Gefühle zu sortiere.

    Und es hilft uns. Uns nicht allein zu fühlen. Zu merken, dass man nicht allein da steht mit Situationen.

    Danke für deinen Text - hat mich persönlich ehrlich berührt !

    31.10.2015, 21:12 von suche_AUSZEIT
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  • 1

    hatte es an anderer Stelle schon verschriftlicht: ich mag den Ausdruck "Herz auf Herz" echt sehr. 

    31.10.2015, 19:09 von Traumfreak
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    Kranker Scheiß.

    28.10.2015, 03:39 von Boahmaschine
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    Läuft. Kann man gut lesen. Herz. Punkt.

    27.10.2015, 18:03 von PinkahPandah
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    Schön, weil anders. 

    27.10.2015, 17:21 von americancookie
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    • 1

      Gosh, you're so complex!

      27.10.2015, 18:57 von mirror87
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  • 0

    Mal ein Ich-Du Herzschmerz text denn ich ganz annehmbar finde. Also eigentlich gar nicht mal so schlecht!
    Interessante Konstellation.

    26.10.2015, 22:05 von yuhi
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