Herr Leander
Abend für Abend. Dort, hinter dem Vorhang.
Herr Leander steht schon bereit, wenn die junge Frau von gegenüber das
Licht anmacht. Hübsch ist sie mit ihren langen blonden Haaren und den
feinen Gesichtszügen. Er liebt es sie dabei zu beobachten, wenn sie sich
langsam ihrer Kleidung entledigt, wenn sie vorm Spiegel steht und
aufmerksam ihren Körper betrachtet. Abend für Abend. Schamgefühl blitzt
in ihm auf. Wie immer, wenn er hier in seinem Schlafzimmer hinter dem
Vorhang verharrt und sie in ihrem beobachtet. Nein, er ist kein Spanner,
kein Voyeur, irgend so einer, der sich dabei einen runterholt.
Nein, Herr Leander steht nur da und schaut zu ihr rüber.
Sie
hat das Licht gelöscht. Seufzend sinkt er in den alten Sessel. Wie
jeden Abend, seit sie vor zwei Monaten gegenüber eingezogen ist. Er
schätzt sie auf Mitte 20. Sicher ist sie Studentin. Doch, anfangs war er
schon ein bisschen scharf auf sie, dann, wenn das Mädel sich in ihrem
Zimmer auszog. Er spürte die sexuelle Erregung, den Wunsch, ihr nahe,
noch ein mal 20 zu sein. Herr Leander lacht bei dem Gedanken leise auf,
für kurze Zeit doch den Wunsch verspürt zu haben, mal wieder ein geiler,
vielleicht sogar ihr geiler Bock sein zu können. Er und Sex. Wieder
lacht er und es klingt wie ein Röcheln. In einigen Wochen steht sein 74.
Geburtstag an. Wenn ihn nicht vorher der erlösende Schlag trifft.
Er hasst es, alt zu sein.
Leander
wusste immer, dass das Altwerden kein Zuckerschlecken ist. Er kam vom
Dorf und dort lebt man bis heute noch mit den Alten. Verfall und Tod
waren ihm nicht fremd. Zumindest, was andere betraf. Es ist nicht mal
die Tatsache, am eigenen Leib spüren zu müssen, wenn der Körper
zunehmend verfällt, nein, was Herrn Leander manchmal wütend macht ist,
dass das Ich, der Geist, die Seele, alles, was man eben ist und einen
ausmacht, bleibt. Innerlich ist er jung, sein Verstand wach, auch seine
Erinnerungen. Hat nichts vergessen von seinem Leben. Und er kann sehen.
Und hören. Er sieht und hört, wie die Jungen über die Alten denken.
Spürt die bohrenden Blicke hinter ihm an der Kasse, wenn er, der lahme
alte Sack, mit seinen Gichthänden den Geldbeutel nicht schnell genug
aufbekommt. Hat es aufgegeben, sich verständnislose Blicke einzufangen,
wenn er mal auf Jüngere zugegangen ist und ein bisschen quatschen
wollte.
Ihm ist klar, dass er niemals wieder in seinen kurzen
Hosen und mit dem nigelnagelneuen Tornister aus Leder stolz zur Schule
rennen wird, es zu längst vergangenen Tagen gehört, als er seiner Frau
damals in den Fünfzigern auf einer Rock’n’roll Party einen Heiratsantrag
machte. Er weiß, dass er alt ist. Weiß, dass er nicht mehr dazu gehört.
Es ist nicht die Einsamkeit, nicht mal, dass von seiner Familie, seinen
Freunden und Bekannten fast niemand mehr da ist. Damit kommt Herr
Leander zurecht. Es ist dieses „noch so vieles Wollen“, aber nicht mehr
können, das ihn manchmal rasend macht. Sein Arzt hat nichts zu meckern,
sagt, er wäre seinem Alter entsprechend noch gut in Schuss. Ein bisschen
Gicht in den Knochen und etwas zu niedrigen Blutdruck, aber sonst. Es
sind Abende wie dieser, die ihn traurig machen. Wenn es um ihn herum
ganz still ist und die Erinnerungen vergangener Bilder auf ihn
einprasseln. Wenn er sich nach Zweisamkeit sehnt und ihm ihr Duft in die
Nase steigt, er glaubt, ihr fröhliches Lachen zu hören, ihre Hand in
seiner zu spüren. Fast 50 Jahre sind sie miteinander verheiratet
gewesen. Verstohlen schaut Herr Leander rüber zu ihrem Bild, das auf der
Kommode steht. Die beiden hatten sich sofort unsterblich ineinander
verliebt. Sie, die hübsche und gebildete Kaufmannstochter und er, der
ungehobelte jüngste Sohn eines Bauern. Keinen Tag getrennt sind sie
gewesen, in all den Jahren. Haben sich auf das gemeinsame Altwerden
gefreut und gehofft, es lange bewusst miteinander erleben zu können.
Vergangenen Herbst hat sie dann eines Abends da gesessen und einfach
nichts mehr gesagt.
Sie fehlt ihm. Jeden Tag, jede einzelne Sekunde davon.
Leander
betrachtet sich im Spiegel. Wie es vorhin das Mädchen von gegenüber
tat. Sieht sich in seinen Augen. Mit 10, er, der 19-jährige rebellische
Teenager, später in den Dreißigern als stolzer Vater von zwei Söhnen und
einer Tochter, er, auf seinem allerersten Flug mit schon knapp 50, weil
er diesen Flugzeugen nie so recht vertrauen mochte. Er sieht, dass von
dem Rebellischen nichts verloren gegangen ist, sieht, dass er noch da
ist, dass er zwar alt und verbraucht, aber immer noch er ist. Er da in
sich könnte zu der jungen Frau herüberstürmen und ihr den Hof machen.
Sie leidenschaftlich erobern, mit ihr noch ein Mal erleben, wie es ist,
dieses Gefühl des intensivsten Zusammenseins. Sein Blick wandert über
den Körper, dort im Spiegelbild. Seinen Körper. Alt, faltig und hängend.
Leidenschaft? Erobern? Herr Leander muss doch grinsen. Damit war längst
Sense. Er kann sich nicht mehr erinnern, wann er zuletzt eine Erektion
hatte, wann sich endgültig das letzte Mal körperlich so etwas wie Sex
bei ihm abgespielt hatte.
In seinem Kopf sieht das anders aus. Dort hat er noch Träume.
Trotzdem.
Auch wenn manchmal beim Betrachten der jungen Frau gewisse Sehnsüchte
aufkommen, ihm geht es nicht darum. Er möchte sie nur anschauen, sie
bewundern, wie ein Junge, der von den spannendsten Abenteuern in fernen,
unerreichbaren Ländern träumt. Nein, Herr Leander hat keine schmutzigen
Gedanken, wenn er Abend für Abend für einige Minuten Zeuge dieser für
ihn kostbaren Bilder werden darf, dieses Mädchen da gegenüber hinter den
durchsichtigen Fensterstoffen erweckt seine Erinnerungen, Erinnerungen
an verschlossene Gefühle, Gefühle für sie, seine große Liebe und das
Verlangen, bald wieder bei ihr sein zu können. Sie, die er so
schmerzlich vermisst. Letzten Herbst hatte er sich ganz eng zu ihr
gesetzt und sie festgehalten. Hat dort auf dem Sofa mit ihr gesessen,
Stunde um Stunde und gehofft, dass er es ihr gleichtun und auch einfach
nichts mehr sagen würde. Damit sie zusammenbleiben können.
Tief
gräbt sich Leander unter seine Bettdecke. Durch das offene Fenster kann
er die vorbeihuschenden Wolken sehen. Ob sie wirklich irgendwo da oben
sitzt, ihn sieht und auf ihn wartet? Er weiß es nicht. Herr Leander weiß
nur, dass sie ihm fehlt, dass er bald wieder ihre Hand halten möchte.
Dass er alt ist und müde. Mal sehen, wie er den morgigen Tag
herumkriegt. Und den nächsten und übernächsten. Einziger Lichtblick sind
die Momente mit ihr. Auf die Abende, auf das Wiedersehen mit dem
Mädchen, den wenigen Minuten, in denen er wieder ein junger Bursche sein
darf, darauf freut er sich.
Jeden Tag.



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Kommentare
Sehr schön geschrieben- man hat einen Film im Kopf laufen beim lesen.. lg
24.11.2011, 16:37 von Blume1985Wunderschöner Text. Mir ist - ich weiß gar nicht so genau warum - beim Lesen die Luft weggeblieben. Fabelhaft.
16.11.2011, 10:49 von no_ah_das ist wohl etwas worüber sich die wenigsten von uns gedanken machen. wunderbar und rührend. danke schön!
25.10.2011, 12:40 von kxxxecht gut
22.10.2011, 15:11 von regenbogenherzWegen der behinderten Kommentarstruktur möchte ich ja nichts mehr kommentieren. Ist hier aber auch gar nicht nötig, der Text stand nämlich schonmal auf der Startseite und mein Senf ist dort auch noch zu lesen.
19.10.2011, 23:40 von Matsumotohttp://www.neon.de/artikel/sehen/gesellschaft/herr-leander/660882
...och, Matsumoto, immer noch ne olle Kindergartenpetze, sowasaberauch - wie in alten Zeiten, ich liebe das. ^^
20.10.2011, 00:13 von derHalbstarkestark. kompliment!
19.10.2011, 21:37 von farfallinaEin riesen Text.
19.10.2011, 21:12 von piepsilangstrumpf"Er sieht und hört, wie die Jungen über die Alten denken. Spürt die bohrenden Blicke hinter ihm an der Kasse, wenn er, der lahme alte Sack, mit seinen Gichthänden den Geldbeutel nicht schnell genug aufbekommt. Hat es aufgegeben, sich verständnislose Blicke einzufangen, wenn er mal auf Jüngere zugegangen ist und ein bisschen quatschen wollte."
Zu Tränen gerührt. "Wir sind die Zukunft, aber ohne die Vergangenheit gäbe es uns nicht."
Deine Antwort ist auch riesig :-)
21.10.2011, 06:02 von Elewanzewahrhaftig. die geschichte ist herzzerreißend, wunderschön und vor allem sehr gut geschrieben!
19.10.2011, 20:58 von marianefeliIch hab mich jetzt echt bei Neon angemeldet, weil ich DIESEN Text unbedingt kommentieren wollte (und ich les seit Monaten die Texte hier!):
19.10.2011, 20:45 von grinskatzGanz großes Tennis!
Bin ehrlich schwerst begeistert... Meiner Meinung nach Schriftstellerqualitäten!
Wunderbarer Text den du da geschrieben hast. Muss ich mir in jedem Fall merken, wenn ich das nächstemal Blick auf den Alten an der Kasse vor mir werfe!!
19.10.2011, 20:36 von nilu.