.lotte 13.09.2011, 02:13 Uhr 20 12

Herbstwind

Laufen durch die Straßen dieser Stadt aus Luft, guter Luft. Gleich fängt es an, zu nieseln und du denkst an mich.

Herbstwind.
Du bist nicht da.
Du kommst nicht wieder. Laufen durch die Straßen dieser Stadt aus Luft, guter Luft. Gleich fängt es an zu nieseln und du denkst an mich. Du lebst dort oben, Richtung Norden, in einer Stadt, die nicht nur aus Luft besteht und du singst, tanzt, nimmst alles was du bekommen kannst und es gefällt dir. Aber du denkst dabei an mich. Ich habe schon immer so wundervoll mit Gedanken gespielt, wie du auf deiner Gitarre.
"Wurst macht hässlich" steht auf dem Gemälde des Malers mit dem Nachnamen "Fleischer", das Im Schaufenster steht, neben dürren Plastikfiguren, von unbekannten Menschen halb bedacht, halb beliebig bekleidet. Schuhe 389 Euro, Rock 229 Euro, Angora-Pulli 410 Euro, Pelzkragen 576 Euro. Ich möchte kotzen und gehe weiter. Wurst macht hässlich.
Der Herbstwind weht an diesem Spätsommertag, die Blätter tanzen vorbei an den Mittelklasse-Restaurants, den Neon-Sitzbänken, meinen Schuhen, die du nicht magst. Aber du bist nicht da. Du malst ein Bild und buchst einen Flug nach Tallinn und dabei denkst du an mich. Ich liebe Gedanken.
Die Arbeit war gut, die Arbeit ist so egal. Aber es ist nun mal so in dieser Zeit, wir gehen zur Arbeit und nach der Arbeit gehen wir nach Hause, wenn wir wissen, wo das ist. Oder wir gehen in die Stadt, um Herbstluft zu atmen, obwohl es noch Sommer ist. Es nieselt.
Ich habe ein Kleid gekauft, nicht das Kleid, das ich gesucht habe, sondern eins aus dem Ausverkauf, habe im Schrank schon 4 Kleider dieser Farbe, 3 Kleider dieser Schnittform, dieses Jahr schon mindestens 4 Einkäufe dieser Art getätigt aber es ist egal, weil alles egal ist, weil du nicht da bist.
Rückweg, vorbei am Steakhouse. "Mr. Rumpsteak" steht an der Tafel, die Hälfte der Tische sind frei, wie immer. Die Menschen sitzen, warten, essen, unterhalten sich, lieben sich, sie haben Steak, ein kleines Stück Glück an diesem Tag, ein Steak. Steak macht glücklich und Wurst macht hässlich. Keine Kohlenhydrate am Abend, aufdringliche Gedanken in meinem neurotischen Hirn, wenn du jetzt da wärst, würde ich Curry kochen, denke ich. Aber du bist nicht da. Du sitzt in der Bar mit Jonas, rauchst, beobachtest das Mädchen hinten links in der Ecke und dabei denkst du an mich.
Supermarkt. Ich kaufe Äpfel, Tomaten, Sojamilch, Aufbackbrötchen, Joghurt, Mozzarella, Tee. Ich will keine Tüte haben, heute nicht, heute muss es ohne gehen, aus Prinzip. Stopfe alles in die Taschen, irgendwohin, laufe durch Nieselregen. Laufen durch die Straßen dieser Stadt aus Luft. Vorbei an dem Kiosk, wo wir vor 3 Wochen Bier gekauft haben für 1 Euro 20 den halben Liter, nach Hause, oder an den Ort, den ich dafür halte. Das Zimmer riecht nach frischem Holz, Farbe, nasser Wäsche, deinem Deo, deinen T-Shirts, deinem Lachen, deinem Bild, das an der Wand hängt, deinen Blicken, deinen dummen WItzen, deinen Worten, allem. Spaziergang um den Maschsee, eine Flasche Wein, eine Flasche Prosecco, Küssen, Dönerladen, Streit, Sex, Schlafen. Die Gardinen sind nicht ganz zugezogen. Seit du weg bist, hat sie niemand mehr angefasst. Draußen vor dem Fenster weht der Herbstwind. Und du bist nicht da.

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20 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Man fühlt sich so angesprochen mit dem Text, kann sich alles ganz genau vorstellen, den Regen und die Düfte, wie die Stadt an solch einem Tag aussehen muss. Ein schöner Text!

    26.09.2011, 08:48 von Finish.
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    die ganzen kleinigkeiten, die auf einmal so wichtig scheinen oder so unwichtig, wie auch immer... Du bringst es auf den punkt.

    24.09.2011, 13:11 von superhero!
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    oh joa...geht so.
    aber schöne Sprache. meistens.

    15.09.2011, 14:19 von Surecamp
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    ... in Reinform sind so was Schönes. Danke hierfür!

    14.09.2011, 17:14 von _tomasz
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  • 0

    Der Text transportiert sehr schön die Gedankenhüpfer- und wirrungen, die zeigen, wie man versucht, an irgendwas zu denken, um nicht an jemanden zu denken. Gut aufs Papier gebracht. Ähm, na ja, ins Netz meine ich.

    14.09.2011, 12:07 von topfbluemchen
    • 0

      @topfbluemchen ...das einzige, was mich irritiert, ist das "du denkst an mich".

      14.09.2011, 12:08 von topfbluemchen
    • 0

      @topfbluemchen Ich schätze damit ist die "Seelenverwandschaft" gemeint und zu merken, dass der andere an einen denkt :)

      14.09.2011, 17:01 von Miecken
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    "Die Menschen sitzen, warten, essen, unterhalten sich, lieben sich, sie haben Steak, ein kleines Stück Glück an diesem Tag, ein Steak. Steak macht glücklich und Wurst macht hässlich. Keine Kohlenhydrate am Abend, aufdringliche Gedanken in meinem neurotischen Hirn, wenn du jetzt da wärst, würde ich Curry kochen, denke ich."

    ich verstehe nicht?!

    "sie lieben sich" am tisch, mit "steak"?

    14.09.2011, 09:21 von MiZa.
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      @MiZa. "sich lieben" heißt ja nicht automatisch "Sex haben", auch wenn das häufig vergessen wird.

      Man kann auch jemanden lieben, wenn man ihm einfach nur beim Essen gegenüber sitzt.

      Oder eben auch, wenn er gar nicht da ist... und ich rede jetzt nicht vom Masturbieren ;)

      14.09.2011, 12:00 von ruggamuffin
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  • 0

    Sehr schön geschrieben.... schön zu lesen

    14.09.2011, 08:36 von Blume1985
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  • 0

    Sehr gut! Schöne Gedankenreise, danke! :)

    14.09.2011, 00:31 von Onestone
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  • 0

    steckt so voller Sehnsucht und man spürt den Schmerz durch den text...so schön...

    13.09.2011, 23:38 von NeverGrowUp
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