Wolkenhimmel 30.11.-0001, 00:00 Uhr 65 13

Herbstmelancholie

Ich bin verheiratet und habe ein Kind. Und ich habe mich verliebt. In einen Kollegen.

September 2007

Ich hatte mich wie ein Teenager auf den Sommer gefreut. Nach einem traumhaften Mai konnte er nur gut werden. Heute fühle ich mich, als ob nur noch eine Decke über meinem Kopf helfen könnte. Ich habe mich verliebt. In einen Kollegen. Ausgerechnet. Er sich auch in mich. Schrieb er zumindest, damals. Aber es konnte nicht gut gehen. Hatten wir jemals eine realistische Chance?

Es ließ sich sehr sehr sachte an, mit gelegentlichen Spaziergängen und viel Gelächter in den Mittagspausen. Viel Sonne, viel Verständnis, ein toller Frühling.
Dann der Wunsch, einmal mehr Zeit zum Reden zu haben; eine Verabredung am Abend, auf neutralem Boden. Eine durchquatschte Nacht, ganz harmlos, man hat ja Familie. Lachend die letzte Bahn verpassen und durch die halbe Stadt nach Hause laufen.

Eine weitere Verabredung, wieder Reden und Lachen. Ab und an eine sehr vorsichtige, eher zufällige, Berührung. Das Gefühl, dass man sich ohne Worte ebenso gut verstehen könnte. Der normale Mechanismus des sich Verliebens. An der Stelle hätte ich das Weite suchen sollen, das weiß ich heute. Nach Wochen des für mich ungewohnten vorsichtigen Herantastens und dem ersten Kuss um vier Uhr früh, die Gewissheit, dass sich mein Herz ein neues Zuhause gesucht hat. Weitab von meinem Mann und meinem Kind. Ohne Rücksichtnahme auf die Gegebenheiten, aber in meinem Inneren ein leises Zweifeln, ob es jemals funktionieren könnte. Denn geplant war das nicht. Was als harmlose Sommeraffäre begonnen hatte, nahm tief in mir drin eine Furcht einflößende Dimension an.

Dutzende SMS, hunderte Mails, gemeinsame Musik, das Gefühl, in dem Anderen die perfekte Ergänzung gefunden zu haben. Die Erkenntnis, dass es so nicht weitergehen kann mit meinem Leben. Dass sich meine Ehe abgenutzt hat, einfach abgeliebt, nach so vielen Jahren. Dass ich mir nicht vorstellen kann, so bis zur Rente weiter zu leben. Aber auch Ängste; was wird aus meinem Kind? Mir dieses Papakind ohne Papa vorzustellen fällt schwer. Der Zwiespalt ist groß. Mein Ehemann ist perfekt, wir sind ein tolles Alltagsteam, verstehen uns blind. Aber ist das Alles?

Ich hatte gehofft, wir hätten alle Zeit der Welt. Herauszufinden, ob wir gut füreinander sind. Ob unsere Gefühle ausreichend sind, dafür zwei Familien zu zerstören. Um dann unsere Kinder zu nehmen und eine große, glückliche Patchworkfamilie aufzumachen? Wie naiv ich war, und wie verliebt.

Dann der Schock. Seine Frau weiß von mir, er war unvorsichtig. Sie weiß, wer ich bin, weiß, wie ich aussehe. Er beichtet, in Raten, zumindest die Dinge, die er nicht mehr verschweigen kann; das ist nicht viel. Ein paar SMS auf der gemeinsamen Handyrechnung, ein paar Küsse. Er verspricht ihr, alles zu beenden. Trotzdem. Sie droht, auch mit dem Kind, dann schmeichelt sie, sie kämpft. Sie verbietet den Umgang mit mir. Er hält sich dran, manchmal. Manchmal nicht. Wir sehen uns täglich. Geht ja auch nicht anders unter Kollegen. Er verletzt mich furchtbar damit, mir immer wieder zu sagen, wie wichtig ich bin, dass er aber fest zu seiner Familie steht und alles tun wird, um seine Ehe zu retten. Ich gebe ihm den Anschein, dass ich seine Einstellung gut finde, aber tief in mir drin schreit es nach ihm. Die Tatsache, dass er sein Kind über alles liebt - was ich beim Kennen lernen so sehr an ihm schätzte - wird für mich zum größten Hindernis. Ich kann so nicht kämpfen. Kann dem Kind den Vater nicht egnehmen. Dabei möchte ich nichts mehr auf der Welt, als Alltägliches mit ihm zu teilen.

Die Tatsache, dass wir außerdem sehr gute Freunde sind, macht den Umgang nicht leichter. Denn der freundschaftliche Umgang ist einem ewigen Abwägen gewichen. Was kann ich von meiner Situation erzählen? Was verletzt nur? Will ich wirklich wissen, dass er ein nettes Wochenende hatte? Der Sommer, der der schönste meines Lebens hätte werden können, er verfliegt in einem auf und ab der Gefühle. Wir dürfen nicht miteinander, können aber auch nicht wirklich ohne einander. Während ich ihm meine Gefühle mitteile, manchmal zu deutlich, igelt er sich ein, will seine Frau und mich nicht verletzen. Jeder Schritt auf mich zu ist direkt gefolgt von einem ängstlichen Rückzug. Ich liebe und ich leide. Tag für Tag. Fühle mich warm gehalten. Habe aber auch furchtbare Angst den Kontakt zu verlieren.

Dann drohen die Sommerferien, und damit die Zeit der Trennung. Familienurlaube. Während ich einen erstaunlich entspannten Urlaub habe, in dem ich ausnahmsweise nicht jede Minute an ihn denke, eröffnet er seiner Frau, dass er sie nicht mehr liebt. Ich würde so etwas nicht ertragen und mich trennen, sie hingegen schlägt ein Zusammenleben zum Wohle des Kindes vor. Und er gibt wieder klein bei. Sie weiß bis heute nichts von den Nächten, der vorgeschobenen Dienstreise und dem Hotelzimmer. Was, wenn sie es wüsste? Von mir wird sie es nicht erfahren.

Edit Februar 2008:

Er hat sich getrennt, ich habe mich getrennt.
Allerdings haben wir es nicht für den "anderen" getan, sondern aus der Erkenntnis, dass ein Verhältnis, wie wir es im letzten Jahr hatten, nicht mit einer Beziehung vereinbar ist.

Im Endeffekt haben mein Mann und ich in vielen Gesprächen herausgearbeitet, wann und woran unsere Ehe gescheitert ist. Das war lange vor meinem Kollegen, und es ist gut zu wissen, dass er ein Symptom ist, und nicht die Ursache.
Mein Mann und ich können wie normale Menschen miteinander umgehen, unsere Tochter liebt ihre "zwei Zuhause", die so unterschiedlich sind.

Meine Beziehung zu meinem (Ex-) Kollegen habe ich - nach meiner Trennung und seiner erneuten, sehr vorsichtigen, Annäherung, wieder aufgenommen.
Da wir im letzten Jahr so viel zusammen durchgemacht haben, ist die Freundschaft und Vertrautheit zwischen uns groß. Fühlt sich kuschelig warm und geborgen an.

Wenn jemand mir diese Entwicklung im letzten Jahr prophezeit hätte, ich hätte ihn für schwachsinnig gehalten... und nun bin ich sehr froh, diesen Schritt getan zu haben.

Danke für die vielen Kommentare, die Ihr zu meinem Text geschrieben hattet, einige davon haben sicher zu meiner - zugegebenermaßen etwas langwierigen - Entscheidungsfindung beigetragen!

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65 Antworten

Kommentare

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    Hallo wolkenhimmel..
    auch wenn die "diskussion" eigentlich schon abgeschlossen scheint muss ich unbedingt nochmal etwas dazu sagen..
    habe fast mit entsetzen die teilweise unglaublich bösen und besserwisserischen kommentare von leuten in meinem alter gelesen,die glauben,mit der wenigen erfahrung,die sie schon sammeln konnten,dir vorwerfen zu können,dass es im leben auch mal hindernisse gibt..
    dazu also mal von einem der kinder,die mit "zwei familien" aufgewachsen sind,ein trennungskind,dass es trotzdem sehr gut geschafft hat,die eltern als gleichwertig und wunderbar anzusehen und niemandem die schuld für die sicher vielen schwierigkeiten zu geben,die eine elternscheidung so mit sich bringt..
    für mich und meine entwicklung war es wesentlich wichtiger,meine beiden eltern glücklich mit ihren neuen partnern zu sehen,denn es ist sehr richtig,dass kinder die krisen in der familie spüren und sehr ernst nehmen..
    aber man kann als elternteil auch trotz trennung zeigen,dass man seine kinder liebt!
    es ist der absolute schwachsinn,unglücklich zu sein,nur weil es "der moral" entspricht..die bringt überhaupt niemandem etwas!

    finde es sehr schön,dass du dich entschieden hast,für deine familie zu kämpfen,nur ist es wichtig,dass man so etwas für sich selbst tut,nicht weil möglichst viele menschen gesagt haben "du darfst doch aber nicht.." und "du wärest egoistisch wenn"..

    ganz viel glück wünsche ich dir..

    10.12.2007, 21:49 von kasii
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    kein recht auf entliebung, auf aussprache auf nichts ...
    das bleibt .... bis jemand mit farbe kommt, die noch kräftiger ist und die ganze geschichte übermalt ....

    22.11.2007, 09:44 von Paul_Varjak
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      @Paul_Varjak Danke, das ist ein sehr schönes Bild, mit der Farbe..... ;-)
      VLG vom Wolkenhimmel

      04.12.2007, 08:42 von Wolkenhimmel
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    So, da bin ich wieder... ;-)

    Ich war lange nicht hier, habe versucht mich zu sammeln.

    Und meine Ehe zu retten.

    Das ich in "Herbstmelancholie" nicht mehr von meinem Mann und meinem Kind geschrieben habe, dass hat nichts damit zu tun, ob sie mir wichtig sind oder nicht.
    Ich liebe mein Kind über Alles, und ich liebe meinen Mann auch immer noch... nach über 12 Jahren. Ich denke, in den Bereich von Beziehungsdauer müssen einige der Kommentatoren erst einmal vordringen, oder?

    Die etwas "bissigen" Kommentare kann ich gut verstehen, so würde ich vermutlich auch reagieren, wenn ich den Rest der Geschichte nicht kennen würde.
    Ich hab' die Herbstmelancholie eigentlich auch nur für mich geschrieben, um meine Gedanken und Gefühle zu ordnen. Und nicht, um eine Biographie zu schreiben.
    Deswegen hat mich die große Anzahl von Kommentaren wirklich erstaunt.

    Insofern danke ich Euch allen sehr ... inzwischen hat sich die Geschichte selbst überholt.

    Er hat sich getrennt. Ist glücklicher Single und Wochenendvater.
    Nachdem er festgestellt hatte, dass er sich mit seiner Frau nach auch fast 15 Jahren nichts mehr zu sagen hatte.
    Außerdem wird er die Firma verlassen.

    Bei mir ist nach langem Kampf, und vielen verheulten und verdiskutierten Abenden , alles wieder in Ordnung, denke ich.

    Der Kollege und ich, wir versuchen Freunde zu sein, auch wenn es schwerfällt unsere Gefühle füreinander - die immer noch stark sind - auf die freundschaftliche Ebene zu bringen.

    LG vom Wolkenhimmel, an dem es blaue Löcher gibt ;-)

    08.11.2007, 11:27 von Wolkenhimmel
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    Die große Liebe beide haben Kinder und einen Partner. Die Situation kommt mir bekannt vor. Jetzt nach zwei Jahren haben sich die Kinder an ihr Leben als Scheidungskinder gewöhnt es ist Ruhe ein gekehrt. ABER die heiß ersehnte PATCHWORKFAMILIE ist echt nicht ohne und kann die größte Liebe vor die Zerreiß Probe stellen. Es bleiben eben doch " meine Kinder" und "deine Kinder".
    Und trotzdem ist eine Ehe erstmal so weit das man sich wirklich und nach reichlichen Überlegungen trennen will sollte man es tun. Die Kinder haben nicht als stress von einer Mama Papa Wohngemeinschaft egal wie gut man sich versteht. Ich wünsche dir eine gute Entscheidung zu der du stehen kannst. Eine Entscheidung mit der alle Beteiligten von Anfang an zufrieden sind gibt es nicht.

    25.10.2007, 11:48 von Eulania
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    Hör auf Dein Herz, was es Dir sagt, ganz tief Innen. Schalte Deinen Verstand hinzu und denke an Dich und Dein Kind und an das was Du aufgibst und möglicherweise bekommst. Und dann KÄMPFE!
    Ich wünsche Dir alles Gute......, Engelstraene
    PS: Mir geht es ähnlich....

    20.10.2007, 11:45 von Engelstraene
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    Ich hab mir eben dein Profil angeschaut. An deinen Profilaussagen und "vom Leben gelernt" lese ich irgendwie heraus, dass du diese Situation auch ein wenig genießt. Genießen ist vielleicht das falsche Wort, mir fällt aber kein anderes ein. Du ergibst dich in die Situation. Es ist halt passiert, du konntest dich nicht dagegen wehren etc. etc. Zum Fremdgehen gehören immer zwei dazu - komm aus deiner passiven Rolle heraus - egal wie. Überleg dir mal (wirklich plastisch und so), wie du dich fühlen würdest, wenn dich dein Mann betrügen würde, wenn er eine andere küsst, eine andere streichelt, mit einer anderen über seine Sorgen und Probleme redet. Das ist nicht fair, was du machst. Liebe kann verschwinden, das ist nicht schön, aber dann beweise Größe und Konsequenz und steh dazu! Denn nur dann kann dein Kind zu dir aufsehen!
    Alles Gute!

    17.10.2007, 10:53 von MagicEye
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    Hallo, zu erstmal möchte ich sagen, dass ich diese Situation gut kenne, es aber nie weiter kommen lassen hab als zu ner Tasse Kaffee an nem neutralen Ort. Mein Mann weiß von diesen Gefühlen, die mir manchmal das Leben "schwer" machen. Aber er bleibt auch nach 7 Jahre noch der wichtigste Mensch in meinem Leben!!!

    Du schreibst, dass Du und Dein Mann ein perfesktes Alltagsteam seid. Aber ist man nicht für sein Leben selbst verantwortlich??? Es gehören doch auch immer zwei dazu, wenn es in einer Beziehung nicht mehr richtig läuft. Warum redet Ihr nicht miteinander was Eure Gefühle betrifft??? Unternehmt Ihr nichts als Familie zusammen, am Wochenende oder so??? Macht Ihr nie schöne Ausflüge??? Man muss immer wieder kämpfen und versuchen aus dem Alltagstrott auszubrechen. Das ist oft sehr schwer, aber so ist das im Leben. Ich wünsche Dir aber trotzdem, dass du am Ende die richtige Entscheidung triffst. Ich hoffe aber, dass Du niemals vergessen, dass die Liebe zu deinem Kind immer am Größten sein sollte.

    @alle: Redet mit Euren Partnern!!!

    15.10.2007, 11:08 von anniworld
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    Kinder spüren alles. Uns vor allem tragisch und traumatisch können die Lügen werden die nicht (zumindest später) erklärt werden. Besser für dein Kind ist es wenn es dein Leben nicht in seinem eigenen Leben wiederholen muss. Lebe dein leben und lass dein Kind dran teilhaben.

    14.10.2007, 12:22 von saxia
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    also sowas ist doch der grund für meine entscheidung, niemals im leben zu heiraten, geschweige denn kinder zu haben... das ist doch unglaublich... perfekter ehemann, perfektes kind und ein eingespieltes team im alltagsleben. und das reicht dir noch nicht?! weiber... =/

    13.10.2007, 19:30 von mario04
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      @mario04 und du meinst, daran ist nur der trauschein schuld??? meiner meinung nach ein irrglaube...

      14.10.2007, 23:09 von giulianna
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    Was mich traurig macht ist: Warum lohnt es sich nicht für das zu kämpfen, was man hat?

    13.10.2007, 13:54 von the_actress
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