zzebra 19.10.2008, 14:29 Uhr 8 12

Herbstleidanprobe

Manchmal halte ich inne, blicke wie auf einen renaturierten Fluss, der sich in seinem schmalen Bettchen austoben darf, aber keine Ahnung vom Ozean hat

Ich stehe wie aufs Trottoir gespieen, die Farben des Herbstes umwehen mich. Sie hofieren mit ausgetrockneten, zerfetzten kleinen Ohrfeigen, wirbeln um mich herum, streifen ab und an Wange, Stirn, Handrücken. Ein Blatt landet auf meinem Ärmel, es ist ausgetrocknet, abgestorben, ein wenig leblos wie ich, denke ich. Da hebt es, mich Lüge strafend, wieder ab, lacht mich kurz aus und stürzt sich zurück ins fröhliche Getümmel zu den anderen Totentänzern. Du solltest auch wieder Kreise drehen, rüttelt etwas in mir. Wozu, raunze ich schniefend zurück, es ist vorbei. Ist es nicht, wettert es noch schärfer und kantiger als ein Herbstwind es jemals schaffen könnte, du klammerst dich nur an Grenzen, um nicht Gefahr zu laufen, eventuell zu fallen. Der Wind ist nicht von Dauer, kontere ich, also auch nicht der ausgelassenste Tanz. Wenn du etwas Dauerhaftes möchtest, wirf dich vor einen Zug, grinst es hämisch in mir.

Ich bin geschieden worden. Vom Leben. Hatte eben den letzten Termin beim Notar. Auch ich bin mürbe geworden. Wie die verschrumpelten Blätter dieser Jahreszeit, die mir nun alle Sommer rauben will. Ich bin nicht nur zu schwerfällig für diese Brise, sondern auch zu verwurzelt. Deshalb blättere ich dieses Album auf, das ich angelegt habe, eine Sonderausgabe, extra für dich. Ein wenig Sentimentalität, die mich schützen soll. Ich mag es gern, wenn es schmerzt, das Leben wird alltagszermatscht nur allzu leicht und seicht von selbst lau. Also diese Bilder. Du auf dem zerpflügten weißen Laken. Vom automatischen Weißabgleich gebräunte Haut. Vier Liebespflaster als Fotoecken. Ein Lächeln darin. Es fängt mich ein und ich grinse gedankenverloren und ausgesprochen dämlich eine Frau an, die vornüber gebeugt einen Kinderwagen in den Gegenwind rammt. Ihr Antwortblick hält mir so einiges vor. Man darf nicht einmal mehr unmissverstanden traumhaft lächeln, wenn einem danach der Sinn steht. Sehnsucht als missgedeutete Lüsternheit. Ist es das, was mich der Herbst lehren möchte?

Ungezählte schwere Schritte weiter tauchen uralte Wegbegrenzungen auf. So baut heute keiner mehr. Massiver Stein für die Ewigkeit. Nichts ist mehr für die Ewigkeit, brüllen mich meterdicke Renaissancemauern an, ein wenig glatt geschliffen von der Zeit, glänzend poliert von Hautfett und Windhub. Meine Fingerspitzen gleiten über Vertiefungen, suchen Halt in dieser Unvergänglichkeit, rutschen ab und weiter voran. Vor mir ein warm eingepacktes Kind, das es mir mit Patschhand gleich tut. "Nimm die Finger da weg, das ist doch dreckig!" erschallt eine Ermahnung. Das Mädchen wirft mir einen traurigen Blick zu. Ich grüße melancholisch zurück. Da fixiert es mich kurz mit großen Augen und winkt ein blasses Lächeln. Unter scheltendem Blick einer unwilligen Mutter, aber unter leise triumphierenden Kinderaugen gleitet meine eisige Rechte weiter an der Balustrade fort, neugierig spähende Fingerkuppen, die poröses, aber massives Gestein entdecken, bis mein Mittelfinger eine Pore entdeckt, groß genug für die Spitze der Kuppe. Sogleich rutscht sie wieder heraus, jedoch nur um blind tastend sofort wieder danach zu suchen. So halte ich inne, stehe voller liebesgerahmter Bilderbuchfotos in mir da, blicke auf den künstlich renaturierten Fluss, der sich in seinem schmalen Bettchen nach Belieben austoben darf, aber keine Ahnung vom Ozean hat.

Eine Turmuhr schlägt Viertel vor. Noch fünfzehn Minuten Zeit. Ich will ein wenig frieren, bevor ich dich sehe. Mich an deiner Seite bei einer Tasse heißer Schokolade aufwärmen. Mag deine begehrlichen Blicke auffangen und unter ihnen aufblühen, mitten im Herbst in einem überheizten Café auf weich gepolsterten Stühlen sitzen und dich anhimmeln. Von steif gefrostet nach ausgelassen auftauen, wenn sich meine kalten Finger am Tassenrand erwärmen, bevor ich deine Haut berühre. Liegt es an der Klarheit der kalten Luft, dass ich zweifle? Welchen Vorteil hat es schon, einen Blick auf das Ende erhaschen zu können? Ein paar aus dem Spätherbst nicht weg zu denkende Krähen krächzen, ich frage mich, ob sich gehorsamst einstellende Klischees nun eher schrecklich oder schön sind, ob sie Halt oder Last bedeuten. Fehlt noch der dampfende Stand eines Maronibraters und ein bunter Drachen, der den Himmel stemmt. Aber ich, ich sehe in Gedanken eine junge Frau, die an die Brüstung gelehnt einen bunten Riesenluftballon hält und an einer Eistüte leckt, ihr fröhliches Lachen wie geschaffen zum Eintauchen.

Auf dem Weg zum vereinbarten Treffpunkt kreischt mich ein plakatives Pärchen an, das im Konsumglück der Neuzeit versinkend sicheres Bausparen anpreist. Als wäre es mit vier ordentlich zu einem Kreuz gestapelten Ziegeln getan. Als sei ein Eigenheim nur die Ikone eines zu Lebzeiten gesetzten Grabsteins? Die Stadtverwaltung hat diesem Gekreische ein paar öffentliche Straßenlaternen aus schwarzem Gusseisen entgegen zu setzen, die zu früh dran sind und surreal wirken. Anscheinend bin nicht nur ich verwirrt. In sonst überquellenden rostigen Papierkörben herrscht gähnende Leere. Ich fühle mich genauso verwaist. Denn jedes Mal könnte immerhin das letzte Mal sein. Ich bin ein Wegbegleiter und Gratwanderer, und wenngleich ich abgeklärt und abgehärtet genug erscheine, so genieße ich es, einen Traum mit mir herum zu tragen. Denn Träume sind wunderbar. In ihnen umschifft man jederzeit gefahrlos die hässlichen Klippen, die einen Gezeiten, Schifffahrtsregeln und abgewrackte Seelenverkäufer vor den Rumpf knallen wollen.

Von weitem schon erkenne ich das mittelalterliche Schild mit der goldenen Tasse im schwarzen Stahlgeflecht. Darunter hellorange erleuchtete Fenster, ein warmer Schein in den dunklen Fassaden, die grau verwaschen und von knorrigen Ästen geädert auf wärmere Zeiten warten. Jetzt ist der beste Moment, flammt es in mir auf und wie von Geisterhand: der Rhythmus kehrt zurück. Ich spüre, wie ich langsam innerlich erwache und auftaue, Herbst und anstehendem Winter trotze, dem Leben ein Schnippchen schlagen will. Aus Kälte Wärme modelliere, ausgetrocknete Scheite aus sich verzehrender Sehnsucht in die gierige Glut schleudere und nur darauf warte, dass Flammen züngeln und Funken stieben, dass ich diese Tasse umschließe, die wir geteilt haben, ein ums andere Mal.

Dann sitze ich, Punkt fünf Uhr, am verabredeten Platz. Es ist wie immer. Nur du bist nicht da. Wieder einmal. Manchmal ist Gewissheit eine Qual, aber es gab ja dieses Wunder, warum sollte es kein neues geben. Weil Wunder nicht wiederholbar sind, klärt mich meine innere Stimme bitter lächelnd auf. Schon in Ordnung, nicke ich dazu. Viel mehr bleibt mir nicht. Die klammen Finger an der heißen Tasse, der Platz am Fenster, die weichen Polster, der erste wärmende Schluck. Mir fehlt deine Hand, denke ich. Jene, die mich in solchen Momenten sacht berührt, mich daran erinnert, dass ich lebe.

"Hast du etwas, Liebster?", fragst du besorgt. "Geht es dir nicht gut?"

Ich schrecke aus meinen Gedanken auf. Wiege meinen Kopf, in dem eben noch Szenen aus einer nahen fernen Zukunft tobten, leicht zur Seite und lächle über meine eigene Narrheit.

"Nein, alles in Ordnung", beschwichtige ich mit verträumter Stimme. "Ich habe eben nur ein wenig zu weit voraus gedacht. Ist mir wohl nicht ganz bekommen..."

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8 Antworten

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    Wunderschön. Und wundertraurig.

    07.11.2008, 21:24 von Herbsthimmel
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    wundertoll. schon der titel.

    07.11.2008, 10:35 von sophietrauer
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    wirklich schöne bilder, ich konnte mir meine kleinen eigenen szenen zu der geschichte ausdenken! bemerkenswert.

    06.11.2008, 07:12 von marco_frohberger
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    hach, ich mag den herbst! und diese bilder, die das zzebra aus worten zaubert, sehr fein. melancholie! ich will eine heiße schokolade, sofort! und dann durch die ordentlich zusammengekehrten laubhaufen am gehsteigrand toben, bis alle blätter wieder wild verstreut herumliegen.

    21.10.2008, 17:38 von misspringle
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    ein kleines sprachfest, ich war schon von den ersten fünf sätzen sehr begeistert und danke für den kleinen ausflug :)

    21.10.2008, 16:56 von MisterGambit
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    Seutz..........und immer solche Sätze die auch mir zu denken geben; " ich frage mich, ob sich gehorsamst einstellende Klischees nun eher schrecklich oder schön sind, ob sie Halt oder Last bedeuten"

    21.10.2008, 16:52 von freddie
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    Poetische Sprache! Gefällt mir.

    19.10.2008, 20:39 von Tuerkis_Tuerkis
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    Wow, ich darf erste sein??
    Vielen Dank, großartig, wie gewohnt...ich liebe deine Art zu beobachten.

    19.10.2008, 15:22 von LadyLibertine
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