Henry
Wo war er nur gewesen, all die Jahre?
„Henry?“, sie legte den Kopf leicht nach rechts und sah ihn an. „Schläfst du?“, fragte sie. Er schlief nicht. Sie stand auf und lief in die Küche. Er konnte die Kaffemaschine arbeiten hören, dann wie der Kühlschrank geöffnet wurde. Er wollte die Augen nicht öffnen. Wollte nicht sehen, wer da in seiner Küche war. Und wer zur Hölle war Henry? Die Schlafzimmertür wurde wieder geöffnet und der Duft von frischem Kaffee erfüllte den Raum in Sekundenschnelle. „Henry mein Süßer, du musst jetzt aufstehen“
Er zog die Knie an seine Brust, atmete tief durch und öffnete schließlich seine Augen. Erst das eine, dann folgte das zweite. Er hatte keine Ahnung wer sie war, doch sie gefiel ihm. Mit ihren großen grauen Augen, noch so voller Lebensfreude. Sie konnte noch nicht lange dabei sein. Lächelnd stellte sie ihm die Tasse aufs Bett und hielt sie fest, bis er sie nahm. Er brummte kurz zum Dank, nach Sprechen war ihm nicht zu Mute. Einen Augenblick lang berührte er ihre zarte, warme Haut und er stellte sich vor, wie schön die letzte Nacht gewesen sein musste. Zu gerne würde er sie noch einmal erleben, in einem Zustand völliger Klarheit, ohne die Monster. Doch die Nebel der Schlaflosigkeit hüllten sein Leben in dunkle Schatten, Schatten des Lebens. Umrisse lang vergangener Tage. Er nippte kurz am Kaffee. Ein heißer Schauer erfüllte seinen Körper. Dann sprang er auf, rannte in die Küche und übergab sich ins Spülbecken.
Er holte ein Glas aus dem Schrank und füllte es mit Leitungswasser. Während er trank, um den Geschmack nach Erbrochenem zu vertreiben, versuchte er sich zu erinnern, doch die Gedanken wollten sich nicht recht sortieren lassen. Dann schwappte er sich kaltes Wasser in sein fahles Gesicht und trocknete es mit seinem Shirt ab. Die Flecken, die die Nässe darauf hinterließ, erinnerten ihn an die Therapie, zu der er seit 2 Monaten nicht mehr gegangen war.
„Alles okay?“, sie sah ihn besorgt an. Er konnte nichts sagen, sah sie nur an, nahm jeden Zentimeter ihres fast nackten Körpers in sich auf, atmete. Wie sie dort im Türrahmen lehnte, über ihrem nackten Körper nur ein dünnes Hemd, das ihr bis knapp an die Oberschenkel reichte. Er wollte sie berühren, ging einen Schritt auf sie zu, drehte sich wieder um und übergab sich erneut.
Als er aus der Dusche kam, war sie noch immer hier. Sie stand mit ihrer Kaffeetasse am Küchenfenster und sah hinaus.
„Du musst wieder hingehen“, sagte sie, „zur Therapie. Du musst wieder hingehen“ Er sah aus dem Fenster. Sie auch. Wer war sie schon, ihm Anweisungen zu geben? Was wusste sie schon, kannte sie doch nicht einmal seinen Namen.
„Henry? Hörst du mir zu? Du musst wieder…“
„Robert. Mein Name ist Robert“ unterbrach er sie forsch. Sie sah ihn liebevoll an, dann lächelte sie.
„Nein, dein Name ist nicht Robert, Liebling. Du heißt Henry, Henry Brighton“
Er sah sie verwirrt an. „Robert, ich heiße Robert“, sagte er, nun mehr zu sich selbst, als zu ihr.
Sie kam auf ihn zu und umarmte ihn, drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. „Bitte, geh wieder hin“, sie sah ihn flehend an.
„Daddy?“
Er drehte sich um. Vor ihm stand ein Junge, vielleicht 6 Jahre alt. Er trug einen blauen Pyjama und hielt seinen Teddy im Arm.
„Daddy?“, fragte der Kleine nochmal.
„Ich…“ Er drehte sich zu ihr um. Sie stand da, Tränen in den Augen.
Er versuchte sich zu erinnern, wer er war, wer sie war, versuchte sich zu erinnern, wann er das letzte Mal geschlafen hatte.
„Dan, geht in dein Zimmer“, sagte sie mit erstickter Stimme, „Daddy geht es nicht gut“ Dann liefen ihr die Tränen aus den Augen.
Er sah sie an, kalt, verwirrt. Bei ihrer Hand blieb sein Blick schließlich hängen. Der Ring, er hatte ihn schon einmal gesehen.
Dann hob er seine Hand. Er verstand nicht, wo war er nur gewesen, all die Jahre?





Kommentare
schön geschrieben. ich versteh leider nicht ganz worum es geht...
25.10.2012, 10:23 von MrsRobinson84berührend. Geht direkt ins Herz.
24.10.2012, 00:05 von Herztraene!!!!
22.10.2012, 13:39 von schmatzefeinich werde aus deinem Kommentar grade ehrlich gesagt nicht wirklich schlau :)
22.10.2012, 13:46 von hillsidemir fehlten die worte, also hab ich mich für ausrufezeichen entschieden.
22.10.2012, 13:50 von schmatzefeinein unbeschreiblich guter text, wie ich finde.
also es sind positive ausrufezeichen ;)
okay, dann danke :) ich war nur kurz verwirrt...
22.10.2012, 13:52 von hillsideentschuldige vielmals ;)
22.10.2012, 13:53 von schmatzefeinnein quatsch, ich entschudlige mich :) Ich bin manchmal einfach ein bisschen langsam...
22.10.2012, 14:00 von hillsideDer beste Artikel auf NEON. Kein Aber. Basta.
22.10.2012, 10:38 von ZarmazChapeau!
schön :) also nat nicht schön, aber liest sich schön, macht ein wenig traurig...
18.10.2012, 18:14 von einhornpony....nur ein kleine unstimmigkeit, gibts in meinem kopf...warum erinnert er sich an die therapie? :o
hey, erstmal danke :) Und stimmt, das ist mir ehrlich gesagt gar nicht aufgefallen... die geschichte hat sich auch irgendwie erst beim schreiben entwickelt... deswegen wahrscheinlich die kleine unstimmigkeit :) Ich denk mir was aus, wie ich das sinnvoll ändern kann.
22.10.2012, 13:18 von hillsideohhh. also ich find geschichten, die sich selber entwickeln die besten und fand das jetzt auch gar nicht so schlimm. ich wollt doch nur zeigen, was für ein aufmerksamer leser ich bin ;) :)
22.10.2012, 15:19 von einhornponyAn die Therapie erinnert er sich, weil er da lange genug nüchtern war.
24.10.2012, 13:38 von EvilEvoKlasse Text!!!
oh ich hatte gar nicht an ein alkoholproblem gedacht...aber das wär ne lösung :)
24.10.2012, 14:30 von einhornponySorry, Macht der Gewohnheit ;)
24.10.2012, 19:15 von EvilEvoja, das wär ne lösung, find ich gut, lass uns das nehmen :D Is ja eigl egal um welche art "sucht" oder "problem" es sich handelt...
24.10.2012, 21:30 von hillsidestimmt wohl, solch einen Zustand bei einem wichtigen Menschen zu ertragen, ist schlimm genug.
24.10.2012, 21:38 von EvilEvo