hib 30.11.-0001, 00:00 Uhr 46 75

Helle Schatten

Wo geht die Liebe hin?

Schatten fallen, weil das Licht nicht überall sein kann.

Nachts von den Wänden kriechst du unter meine Decke, vorsichtig erst mit deinen kalten Händen, dann schmiegst du dich mit allem was du noch übrig hast an mich, als wäre es wieder normal, dass wir das tun. Du nimmst meine Hand, legst deinen Kopf darauf und schließt die Augen, so wie früher. Deine Wange glüht, dein Atem wird ruhig und fließt warm über meinen Arm. Du schaust mich an aus deinen müden Augen, etwas funkelt darin, auch wenn sie sonst so dunkel sind wie der Himmel vor meinem Fenster. Wir liegen nebeneinander, als wär der Platz zwischen uns niemals größer geworden. Du rechts von mir, ich außer mir. Du kommst manchmal vorbei, wenn dir so ist oder mir so ist. Du willst nichts, du hast schon so viel bekommen. Ich will nichts, ich hab schon so viel gegeben. Aber du bist da, und ich weiß, dass es dir gut geht. Du warst die erste und das schöne ist, dass alles andere immer nach dir kommen wird. In diesem Moment weiß ich, dass es gut ist. Besser, ohne mich. Dann weinen wir zusammen, wenn wir müssen oder zeigen mit den Fingern lachend aufeinander, weil wir so jung waren und aussahen wie die Kinder und auch so geliebt haben. Und wenn du genug hast fliegst du mit den Lichtern eines Autoscheinwerfers an meinen Wänden gemeinsam davon.

Manchmal bei einem flüchtigen Blick in eine Schaufensterscheibe, an der man vorbei läuft und den Kopf dreht, um staunend sich selbst zu sehen. Um sich zu vergewissern, dass man noch da ist. Dann huschst du über mein Gesicht. Dann seh ich dich aus meinen Augen von damals. Und ich sehe dich, wie du neben mir sitzt,  voller ungeweinter Tränen, aber deine Wangen sind so salzig, als wäre ein ganzes Meer darüber gelaufen. Und du erzählst mir von dir und dass du Angst hast, in dir selbst zu ertrinken, in den Fluten, die keine Ebbe kennen. Ich höre dir zu und lasse mich von den Wogen an die Wand werfen, schmeiße die Ruder ins Wasser und nehme dich in den Arm. Dann spüre ich, wie wir beide schwer werden, wie es uns nach unten zieht. Wie zwei ertrinkende, halten wir uns fest und sinken bis auf den Grund deines Zimmers. Und finden nichts dabei, außer uns. Den Tod haben wir an diesem Abend besiegt, die Nacht war danach nie wieder so hell. Auch wenn wir nur Treibholz füreinander waren, wir haben uns einmal das Leben gerettet. Dann bin ich am Schaufenster vorbei gelaufen, mein Spiegelbild verschwindet und mit ihm du aus mir.

In einem Laden stehen wir paar Menschen an, über uns flackert es an der Decke aus einer müden Röhre aus Licht. Wenn es ausgeht ist es für einen Moment kurz dunkel und wir verlieren uns aus den Augen. Als die Frau hinter der Kasse die Hand nach meinem Wechselgeld austreckt und das Licht ausgeht, bist du plötzlich da, schießt aus einer dunklen Ecke und springst mir auf die Schultern. Schwer bist du, wie damals auch. Auf einmal muss ich an deine Hände denken, die du mir entgegen streckst. Ich erinnere mich, wie du mit mir diskutierst, wie dabei deine Hand durch die Luft gewirbelt ist, weil du etwas von mir wolltest, was ich dir nicht geben konnte. Ich höre dich, wie du mich anschreist, und wie ich dich anschreie, und ich sehe, wie unsere Hände dabei zucken, weil sie keinen Halt haben. Ich spüre dich nachts neben mir liegen, die Hände eingeklemmt zwischen deinen Beinen, das Kissen nass und die Hoffnung weit weg. Ich spüre wieder, wie es war, als du an mir gezogen hast, wie ich in alle Richtungen zerfallen bin, weil nur mein Wille mich zusammen gehalten hat. Ich sehe uns, wie wir uns die leeren Hände entgegen strecken und die Angst in unseren Blicken, dass es nicht genug sein könnte. Und dann geht das Licht wieder an und ich bezahle, so wie wir damals auch bezahlt haben, einen Preis, der vielleicht zu hoch war, aber es wert.

Die, die wir einst geliebt haben, stehen heute im Schatten des Lichts.

Wenn ich die Augen schließe und die Sonne gerade scheint, wird es nicht richtig dunkel. Es ist irgendwie rot und warm und hier und da scheint das Licht seinen Weg durch die Liderwand zu finden, blitzende Risse in der Mauer. Dann tanzen helle Flecken vor meinen Augen, helle Schatten, die mich daran erinnern, dass der Weg schon ein Stück weit war. Sie sind blond und klein und küssen mich an einem See. Sie haben große braune Augen und weinen bitterlich, weil ich ihnen weh getan habe. Sie suchen mich mit ihren Blicken ab nach Dingen, die sie unbedingt finden wollen und wenden sich enttäuscht ab. Sie brechen mir die Beine für zwei Jahre, sodass ich keinen Schritt ohne sie machen kann. Sie tun mir weh, ich tue ihnen weh, und dann entschuldigen wir uns beieinander, weil wir uns ineinander getäuscht haben. Da sind so viele Momente, man möchte ein Museum mit ihnen füllen. Da sind so viele Menschen, man möchte mit ihnen das Museum besuchen. Tausend Augenblicke, die so lang waren, weil wir uns zum ersten Mal in den Augen des anderen erkannt haben. Dabei  schauen wir uns nur solang an, weil wir wissen, dass wir nicht unendlich Zeit haben und nicht unendlich viele Versuche frei. Wir wollen sicher gehen und schauen lieber zwei Mal nach dem rechten, nach dem echten. Wir haben nur unendlich viel zu geben und suchen nach uns, bis wir uns nicht genügend finden und weiter ziehen. So oft sagen wir uns, dass es nicht reicht. So viel Liebe, die auf der Strecke bleibt.

Doch wo geht die Liebe hin, wenn wir sie hinter uns lassen. Sie löst sich nicht einfach auf, fliegt nicht aus dem Fenster, explodiert nicht in einem hellen Feuerball. Sie lässt sich nicht zurückgeben, wie der Schlüssel zu einer Wohnung, lässt sich nicht ausräumen wie der gemeinsame Keller, lässt sich nicht gehen, bleibt nicht allein zurück. Sie folgt uns leise, ein paar Schritte hinter uns, sie glüht langsam aus und was bleibt, ist ausgebranntes Licht, ein weißer Zwerg, der schwer da liegt und ein Leben lang unseren Raum krümmt.

Jeder Schatten ist eine Erinnerung an das Licht.

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46 Antworten

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    Jeder Schatten ist eine Erinnerung an das Licht.

    27.10.2013, 19:16 von HNA_H
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    Jeder Schatten ist eine Erinnerung an das Licht.
    - wunderschön!

    27.10.2013, 19:16 von HNA_H
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    dieser text ist so unglaublich schön, dass ich einfach keine worte finde.

    all time favourite.

    29.02.2012, 13:09 von absolut.space
    • 0

      danke. schön dich zu sehen.

      29.02.2012, 14:33 von hib
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    wunderschön :)

    15.01.2012, 19:45 von vives
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    Zauberhaft :)

    15.01.2012, 00:22 von Existenz
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    Das mag ich.

    07.11.2011, 20:48 von zuckerpuuppe
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    Großartig, das musste ich gleich mal bei mir weiterposten, ich hoffe das ist ok!
    http://laska-barcelona.blogspot.com/2011/10/heller-schatten.html

    03.11.2011, 14:57 von Spaghettieis
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