Gedanken.art 30.11.-0001, 00:00 Uhr 2 12

Heimlich, schnell und laut.

Oma ich liebe dich und ich glaube ich habe gerade bei 200mk/h auf der linken Spur bei extrem lauter Musik Abschied von Dir genommen.

Ich sitze im Auto auf dem Weg zu Opa. Es ist Juli und die Sonne scheint. Ich fahre um die 200km/h und meine Playlist ist auf Zufallswiedergabe gestellt. Mein Handy hat mich eben schon gewarnt, dass bei dem zu lauten Hören von Musik bleibende Hörschäden entstehen können. Weiß ich, danke. Ein neuer Track fängt an. Ich erkenne Bon Iver „Wolves (Act I & II)“ - mein „Oma-ist-gestorben-Song“.

Und mir fällt auf, ich fahre zu Opa, nicht zu Euch. Nur zu Opa. Du wirst nicht da sein. Das hatte ich erfolgreich verdrängt. Dass du nicht mehr da bist, habe ich das letzte halbe Jahr wirklich erfolgreich ignoriert. Als ich das letzte mal bei euch war, war zu deiner Beerdigung. Es war Januar, kalt und grau. Irgendwie ein perfektes Wetter zum Sterben. 

Ich erinnere mich daran, dass ich mich von diesem kollektiven Trauern fern gehalten habe und so ziemlich als Erste wieder gefahren bin. Und vor allem, dass ich am wenigsten geweint habe. Ich frage mich gerade, wann ich das eigentlich verlernt habe. Weinen. Ich weiß nur, dass ich echt schlecht drin bin. Und erst recht vor anderen. Egal vor wem. Weinen vor anderen und trauern mit anderen. Kann ich nicht.

Mir kommen zwei Momente in den Kopf. Der erste als Opa allein an der Haustür stand und mir gewunken hat als ich gefahren bin. Sonst standest du da immer noch in seinen Armen neben ihm und hast mit deinem goldenen Lächeln auf Wiedersehen gesagt. Und der zweite, als Papa an deinem Sarg stand und gesagt hat: „Tschüss Mutter“.  

Die Musik läuft und ich fahre schneller und ich weine. Oma, die Tränen laufen. Mir fällt auf, dass ich es wirklich geschafft habe in den letzten 184 Tagen nicht einen Moment lang wirklich zu verarbeiten. Und jetzt sitze ich weinend im Auto. 

Oma ich liebe dich und ich glaube ich habe gerade bei 200mk/h auf der linken Spur bei extrem lauter Musik Abschied von Dir genommen. Heimlich, schnell und laut. 

http://www.youtube.com/watch?v=9YgjZ4oPrj4

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Kommentare

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    meine Omi ist gestorben, da war ich gerade mit meiner jüngsten schwanger... ich hab die trauer damals einfach von mir weggeschoben, ignoriert, dass es einen der wichtigsten und fundamentalsten Menschen in meinem Leben nicht mehr gab... das ist nun über drei Jahre her und pünktlich zum Beginn der letzten Adventszeit brach es über mich herein. Einfach so, aus dem Nichts... es ist unglaublich, wie wenig die Zeit zu heilen vermag, wenn man die Ursache ignoriert. Danke dir, für diesen Text, man kommt sich nicht so banal vor, wenn man merkt, dass es auch noch andere gibt, die dem Tod alter Menschen nicht mit der anerzogenen Gleichgültigkeit á la "das ist nunmal der Lauf des Lebens" gegenüber steht.

    11.01.2014, 06:04 von Insomnia291986
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    meinem Sohn fehlt auch sein Opa seit Mittwoch (enge Kumpels bzw 'die verschworenen Zwei')

    11.07.2013, 23:33 von SteveStitches
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