jttpnkt 30.11.-0001, 00:00 Uhr 21 40

Haut.

Manchmal muss man sein eigener Held sein. Ohne Kostüm und Superkräfte.

Ich habe nachgesehen.

Unter meiner Jacke.
Unter meinem Pullover.
Unter meinem T-Shirt.

Aber da war nichts.

Da war kein Superheldenkostüm, da prangte kein großes, rotes “S” auf meiner Brust, da war kein Wonderwoman-BH in Sicht, da war nichts, was mich dazu hätte bringen können, mich super zu fühlen oder stark, da war einfach nichts. Da war nur Haut. Haut wie Seidenpapier, die jeden Moment einzureißen drohte, wenn jemand zu sehr piekte, Haut, die fast transparent war – dünne Haut, gehüllt um ein zerberstendes Herz.

Ich hätte mir gewünscht, dass da mehr gewesen wäre, etwas, auf das mehr Verlass ist, etwas, das einem ein besseres Gefühl gibt und nicht so verletzlich ist, weil mich das vielleicht ein bisschen beruhigt und mir ein Stück Sicherheit verpasst hätte. “So, hier, hey – unter der Oberfläche, unter den Klamotten, bin ich noch immer Supergirl, tat ja alles gar nicht weh, die Uniform ist unversehrt und wenn hier und da doch mal eine Naht aufgerissen ist, dann wird die geflickt, so einfach ist das!”

Aber so einfach ist das eben nicht. So einfach war das eben nicht. Weil da schon immer nur Haut war und noch nie ein Superheldenkostüm. Weil die Dinge schon immer mich getroffen haben, mich, nur mich, mich ganz alleine, weil da noch nie ein Puffer war oder ein Schutzschild, weil man mir das nie wirklich mitgegeben hat und ich mir das nie angeeignet habe, weder einen Panzer, noch ein dickes Fell. Da war schon immer nur Haut. Ehrliche Haut.

Wenn man dann so da steht und begreift, dass da auch nie mehr sein wird als das, dann lernt man irgendwann, dass man sein eigener Held sein muss, in dieser Haut, dass das das Superheldenkostüm ist, das man nun mal mitbekommen hat, als man auf diese Welt geworfen wurde. Dass man sich manchmal eben selber retten muss, irgendwie – auch wenn man nicht fliegen, sich nicht unsichtbar machen oder die Zeit anhalten, langsamer laufen lassen oder zurückdrehen kann. Irgendwann lernt man, dass es an einem selber liegt, ob es besser wird oder nicht; ob man sich dem Kryptonit weiterhin aussetzt oder ob man es meidet. Dass man das selber entscheiden kann, für sich, das alles.

Ich habe nachgesehen.

Unter meiner Jacke.
Unter meinem Pullover.
Unter meinem T-Shirt.

Aber da ist nichts.

Da ist nur Haut.
Und das reicht vollkommen aus.


Tags: Erwachsenwerden, Neuanfang, Trennung, liebe
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21 Antworten

Kommentare

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    Ich ziehe Sakko und Hemd vor der Arbeit an und nach der Arbeit aus. Dann bleibt die Haut schöner. :)

    03.05.2014, 12:13 von RideParanoia
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    Für Lesefaule oder Hörfreudige gibt es das alles auch auf Soundcloud (allerdings noch mit dem "prangen"/"anprangern"-Fehlerchen):

    https://soundcloud.com/jottpunkt/haut-1

    02.05.2014, 10:34 von jttpnkt
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    Schön!

    18.04.2014, 14:55 von sarahkatze
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    Lang nicht mit so viel Freude gelesen. Ehrliche Worte! Prima :)

    16.04.2014, 12:06 von Freulein_Taktlos
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    • 1

      Tatswahrhaftig. Zu viel bei Twitter unterwegs gewesen, da wird mehr angeprangert, als dass da etwas prangt. Danke, wird korrigiert!

      16.04.2014, 17:37 von jttpnkt
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    Gedanken weckend. danke. 

    16.04.2014, 01:37 von ChaTalie
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    Wundervolle Gedanken hast du da zu Wort gebracht.

    Ich schließe da mal an ^^

    Die Haut, so verletzlich sie auch ist, sie lässt uns fühlen ... macht uns Empfindsam für dir Welt ... weil wir selbst den Schmerz empfinden, können wir verstehen wie andere darunter leiden und sind so der Held, der die Hand zur Hilfe reicht oder die heilende Umarmung schenkt.
    Wer weiß was wäre, wenn unsere Haut zu dick wäre, als das wir daraus noch entkommen könnten und wir auf ewig unsere eigenen Gefangenen sind.

    15.04.2014, 22:26 von MrMightyMcMonkey
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