Halloween
In der Nacht der Toten ist alles möglich.
Mira kam sich komisch vor, als sie mit langem weißen Nachthemd und dicker Daunenjacke bekleidet in die Straßenbahn einstieg. Das Gesicht hatte sie weiß getüncht, den blutroten Lippenstift hatte sie an einem Mundwinkel verwischt. Ihre rehbraunen Augen umrahmte sie mit schwarzem Kajal. In ihrer Wohnung fand sie sich passend und gruselig zugleich, doch hier, in der Straßenbahn, fühlte sie sich eher fehl am Platz. Nach wochenlangem Einschließen und Lernen in der Wohnung, hatte Miras beste Freundin Tanja sie überredet, auf die Halloween-Party eines Freundes mitzugehen. Eigentlich fand Mira solche Verkleidungspartys doof, doch diesmal war es eine willkommene Abwechslung.
Als sie das Treppenhaus betrat, konnte sie schon laute, wummernde Musik hören. Sie stieg in den dritten Stock und drückte die Klingel. Ein paar Minuten später öffnete ein Geist die Tür und ließ sie kichernd herein. Sie stand in einem abgedunkelten Korridor, in dem ein paar Kerzen rechts und links vom Gang in weißen Papiertüten standen und ihr den Weg ins Wohnzimmer leuchteten.
Jemand hatte eine Nebelmaschine besorgt – das Wohnzimmer war als solches nicht mehr zu erkennen. Über jeglichen Lampen hingen schwarze Tücher. Skelette, heiße Krankenschwestern, Geister, Vampire und Kürbisköpfe tanzten rhythmisch auf der Tanzfläche. Miras Augen brannten vom Kunstnebel. An der Wand konnte sie ein paar Plastiktotenköpfe ausmachen, aus deren hohlen Augen kleine LEDs blitzend leuchteten. Kurz bevor Mira die Balkontür erreichte, fasste ihr jemand von hinten an die Schulter. „Da bist du ja!“ Tanja hatte sich als Hexe verkleidet. Das billige Kostüm klebte ihr am Körper. Die falsche Hakennase und das auftoupierte Haar entstellten Tanja dermaßen, dass Mira ihre Freundin erst einmal fragend ansah. „Ich bin’s, Tanja! Hahaha – erkennst mich nicht? Cool!“ Sie musste schon den ein oder anderen Drink zu sich genommen haben, denn eine alkoholgeschwängerte Fahne wehte in Miras Gesicht. „Los! Wir besorgen dir erst mal was zu trinken!“ Tanja fasste Mira am Handgelenk und zog sie zurück durchs Wohnzimmer, über den Gang hinein in die Küche.
Mehrere mehr oder weniger gut verkleidete Feiernde standen in der Wohnküche und hielten ihre Köpfe suchend über das Büffet. Es gab Würstchen, die wie abgeschnittene Finger aussahen, weil sie an einem Ende in Ketchup getunkt waren. Eine blutrote Bowle, in der eine schimmernde Eishand schwamm. Minikürbisse, die mit Wodka-O befüllt waren. Und eine Schüssel mit Nudelsalat: schwarze Spaghetti, rote Paprika in Fratzenform geschnitten und ein paar essbare Gummivampire. Ein neues Lied wurde gerade aufgelegt. Tanja jauchzte „Dazu muss ich jetzt tanzen! Nimm dir was und komm nach, ja?!“ und verschwand blitzartig zurück ins Wohnzimmer. Mira blieb etwas verdutzt zurück. Sie reihte sich in die Büffetschlange ein, obwohl sie gar keinen Hunger hatte. Sie musterten den Vampir, der vor ihr in der Reihe stand. Ein großgewachsener Mann mit breiten Schultern. Die langen kastanienbraunen Haare hatte er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Der hat aber viel Wert auf ein gutes Outfit gelegt, dachte sich Mira, als sie ihn musterte. Selbst die Hände und hinten am Hals war die Haut schneeweiß. Er trug einen schmalgeschnittenen schwarzen Anzug und hatte das Revers hochgeklappt.
„Kannst du mir eine Gabel geben?“ Er drehte sich zu ihr um und lächelte sie freundlich an. Mira stockte der Atem. Er hatte stechend grüne Augen, in denen sie sich sofort verlor und für einen Moment alles um sie herum vergessen ließ. „Oh! You don’t speak German? I’m sorry! Can you give me one of the forks?“, wiederholte er sich, als Mira nicht reagierte. "Entschuldige, ich… ich… ja, ähm, hier!” Mira griff nach einer Plastikgabel und reichte sie ihm. „Dank dir.“ Er drehte sich wieder um und pikste ein paar Wurstfinger auf seinen Teller. Mira tat es ihm gleich, griff nach ein paar Minikürbissen und verließ die Schlange, um sich in einer Ecke der Küche ihrem Teller widmen zu können. Der Vampir kam durch die Menge auf sie zu. „Ich bin Paul. Ich kenne hier niemanden und wollte fragen, ob ich mit dir essen kann?“ Er lächelte sie so breit grinsend an, dass Mira die etwas längeren Eckzähne auffielen. „Klar, gerne! Ich heiße Mira. Und dein Outfit find ich super.“ Für den letzten Satz schämte sie sich sofort, denn eigentlich lag ihr das direkte Auftreten vor Fremden nicht. Doch Paul war irgendwie anders. So in sich ruhend und trotzdem freundlich offen. Sie standen lang vor dem geöffneten Fenster, rührten ihr Essen nicht an und unterhielten sich stattdessen. „Komm, lass uns woanders hingehen! Du zitterst ja.“ Mira war gar nicht aufgefallen, dass ihr dünnes Nachthemd nicht die geeignete Kleiderwahl war, um vor dem Fenster zu stehen, durch das die fröstelnde Herbstluft strömte. Sie war wie elektrisiert und fühlte sich so lebendig, wie schon lange nicht mehr. Paul gab ihr ein gutes Gefühl, das sie schon lange nicht mehr gespürt hatte. Er legte seinen Arm um sie, während sie in ein anderes Zimmer wechselten und zum ersten Mal seit Jahren fühlte es sich nicht komisch für Mira an, dass ein Mann sie berührte.
Das Zimmer war dunkel und niemand hielt sich darin auf. Ein großes Bett deutete darauf hin, dass es sich wohl um ein Schlafzimmer handeln musste. Sie setzten sich auf das Sofa, das am Bettende stand, und führten ihre Unterhaltung fort. Mira glaubte, selbst im Halbdunkel Pauls grüne Augen erkennen zu können, die glühend funkelten. Er erzählte von seinen vielen Reisen und der großen Einsamkeit, die er oftmals dabei verspürte, wenn er wieder alleine im Hotelzimmer schlafen musste. Mira erzählte von dem kräftezehrenden Studium, das sie manchmal über Wochen hinweg vereinsamen ließ, wenn sie auf Klausuren büffeln musste und der einzige Kontakt zur Außenwelt der Pizzabote war. Es vergingen Stunden, die unbemerkt verstrichen, weil Paul und Mira sich gegenseitig ihre Herzen ausschütteten. Sie kannten sich nicht und konnten dementsprechend offen über ihr Leben, ihre Wünsche und Sorgen sprechen. Einmal ging die Zimmertür auf, eine Hexe blinzelte hinein, sah die Zwei und schloss die Tür wissentlich grinsend wieder hinter sich.
Irgendwann musste Mira zwangsläufig gähnen. Paul deutete das Zeichen richtig und bot ihr an, sie nach Hause zu begleiten, sofern sie das wollte. „Ja, sehr gerne. Ich geb‘ Tanja nur kurz Bescheid.“ Als Mira das Wohnzimmer betrat, befanden sich nur noch zwei Geister auf der Tanzfläche. Der Balkon war menschenleer und auf der Sofaecke saßen auch nur noch ein paar müde Gestalten. Mira hielt einen Vorbeiwankenden an und fragte ihn nach Tanja. „Die Hexe ist schon vor zwei Stunden heimgegangen.“ Daraufhin schrieb Mira ihr eine SMS, wünschte ihr eine gute Nacht und versprach, sie am Morgen anzurufen. Dann holte sie ihre Daunenjacke, streifte sie über und ging zur Haustür, vor der Paul bereits wartete.
Sie gingen händchenhaltend durch die schlafenden Gassen der Stadt. Sie schwiegen und sogen die Zweisamkeit in sich auf. Mira war glücklich und auch Paul machte einen vollends zufriedenen Eindruck. Als sie vor Miras Wohnung ankamen, blieb Paul stehen und nahm auch ihre zweite Hand. „Das war ein sehr, sehr schöner Abend, Mira. Ich hoffe, wir sehen uns mal wieder.“ –„Ja, das fand ich auch. Magst du mir vielleicht deine Handynummer geben?“ Paul schaute sie traurig an. „Ich habe kein Handy. Das ist mir irgendwie immer noch suspekt.“ – „Oh, äh, ja, dann…“, sie überlegte kurz. Der Abend war zu schön gewesen, um ihn hier enden zu lassen. „Magst du noch mit zu mir hoch?“ Mira wunderte sich erneut, wieso sie heute so direkt war. Schließlich war Paul ihr immer noch fremd und in ihrem Hinterkopf wusste sie, was so manchem Mädchen schon passiert war, wenn es einen Fremden in ihre Wohnung gelassen hatte. Gleichzeitig wollte sie heute nicht alleine schlafen und dieser wunderbar ehrliche, höfliche und geistreiche Mann schien nicht einer dieser lüsternen Kerle zu sein, die ONS als Trophäe sammeln.
„Okay. Aber ich muss sehr früh raus. Nicht, dass du dich wunderst, wenn du aufwachst und ich nicht mehr da bin.“ Mira fand die Antwort ein bisschen seltsam, freute sich jedoch, dass er nicht von ihr überrumpelt zu sein schien.
Sie standen sich in Miras Schlafzimmer gegenüber. Sachte streifte Paul ihr die Träger des Nachthemds über die Schultern. Seine Hände waren von der Nachtluft noch kalt. Blitze durchzuckten ihren Körper. Ihr war heiß und kalt zugleich. Sie löste jeden seiner Hemdknöpfe behutsam auf und strich dann sanft über seinen entblößten Oberkörper. Er öffnete seine Hose und ließ diese auf den Boden rutschen, ohne seinen Blick von Miras Augen abzuwenden. Beide standen etwas unbeholfen in Unterwäsche vor einander und wussten nicht, wie sie weiter vorgehen sollten. Paul ergriff die Initiative. Er umfasste ihre Hüften mit beiden Händen und hob sie hoch. Mira schlang ihre Arme um seinen Hals. Sie sahen sich noch einmal tief in die Augen, bevor sie sich küssten. Ein Feuerwerk zündete in Miras Kopf, während ihre Lippen seine berührten. Sie verlor sich in seiner Umarmung und ließ sich sanft von ihm auf das Bett legen. Neugierig und liebevoll erkundeten sie jeden Millimeter ihrer Körper. Seine Berührungen waren wie Balsam, seine Küsse schmeckten nach Hoffnung. Zweisamkeit füllte den Raum, während sie sich liebten. Noch lange danach lagen sie wach – sie sahen sich an und flüsterten, um nicht den Augenblick zu zerstören.
„Kann man jemanden lieben, den man erst eine Nacht kennt?“, fragte Mira und stützte sich auf ihre Ellenbogen. „Ja, das kann man. Aber nur an Halloween. In der Nacht der Toten ist alles möglich.“ Mira musste kichern, bemerkte aber gleichzeitig den ernsten Unterton in seiner Stimme. Sie küsste ihn erneut. „Wollen wir jetzt schlafen? Du musst ja früh raus, hast du gesagt?!“ – „Ja, schlaf gut, Liebes.“ Es klang, als würde ihr eigener Großvater ihr eine gute Nacht wünschen, trotzdem passte es zu Paul und seiner höflichen Gentleman-Art. Mira drehte sich um und rutschte mit ihrem Po an Pauls Schoß. Er legte einen Arm um sie und strich ihr die Haare nach hinten, so dass ihr Hals frei lag. Seine Augen füllten sich mit Tränen, die Mira nicht sehen konnte. Er blieb noch lange wach und haderte mit seinem Schicksal. Die ständige Einsamkeit, die ihn überall hin begleitete, erfüllte ihn mit großer Traurigkeit. Zu viele Jahre war er allein geblieben und hatte die Dunkelheit, die ihn umgab, verflucht. Einmal noch wollte er sich geborgen und geliebt fühlen. Koste es, was es wolle.
Als Mira am Morgen aufwachte, hatte sie leichte Halsschmerzen. Hab mich wohl doch verkühlt gestern, war ihr erster Gedanke. Sogleich fiel ihr die letzte Nacht wieder ein. Und Paul. Glücklich drehte sie sich blitzartig um, doch niemand lag mehr neben ihr. Die Sonne, die durchs Fenster schien, blendete sie und ließ sie blinzeln. Die Laken waren zerwühlt und auf dem zweiten Kopfkissen lagen dunkle Krümel. Mira schlug die Bettdecke zurück. Auch dort lagen überall diese dunklen Krümel. Sie wollte sie aus dem Bett wischen, doch als sie sie mit ihrer Hand berührte, entstanden Schlieren. Es war Asche.






Kommentare
Ich finde den Text wirklich sehr schön. Mag so Mystische, Unwirkliche Sachen.
Jedoch finde ich das Ende etwas ...ja, aprupt würde ich sagen. Die Idee ist sehr gut, aber vll kann man da noch mehr emotionen reinbringen oder es ein bischen mehr mit Bildern füllen?
Übrigens interessiert es mich, wie es mit Mira weitergeht ;-)
26.10.2012, 09:08 von Lia89Wow, danke! Aber hätte ich noch mehr geschrieben, wär der Text ja nochmal länger geworden. ;)
26.10.2012, 11:23 von Bender018Und ich wollte bewusst ein schnelles (offenes) Ende, da dies meiner Meinung nach genau das Abrupte widerspiegeln soll. Es hielt nur eine Nacht und was bleibt, sind lediglich Fragen.
Ich schließe mich da meinen Vorrednern an :-)
20.10.2012, 18:52 von SultanineHast wieder super geschrieben, gefällt mir sehr gut ;-) <3<3
17.10.2012, 22:14 von IsorFreut mich sehr :*
18.10.2012, 15:51 von Bender018Obwohl ich lange Texte nicht so wirklich mag ist es mir nicht bewust aufgefallen. Schöne Bilder und flüssig/stimmig geschreiben. Hat Spaß gemacht!
17.10.2012, 21:04 von jetsamDankeschön!
17.10.2012, 22:08 von Bender018Ich mag die liebevoll ausgemalten Details der Geschichte, sie liest sich sehr gut, finde ich.
17.10.2012, 13:03 von CyroVielen Dank! Das freut mich.
17.10.2012, 13:04 von Bender018