wortverliebt.a 05.09.2013, 09:54 Uhr 1 3

Hallo Fremder!

Blau blau blau leuchtete es mir aus deinen Augen entgegen. Komischerweise dachte ich dann an ein Hustenbonbon.

Hallo Fremder, dachte ich als ich dich lässig im Türrahmen lehnen sah mit einem Plastikbecher in der Hand, dessen durchsichtige Flüssigkeit erregt zum Wippen deiner Hände tanzte. Fest gefangen in einem Gespräch gabst du mir die Gelegenheit dich großzügig zu mustern.
Blau blau blau leuchtete es mir aus deinen Augen entgegen, als du angezogen von meinen Gedanken deinen Blick für einen kurzen Moment in meine Richtung schweifen ließest.

Komischerweise dachte ich dann an ein Hustenbonbon. Die Sorte mit dem Eisbären drauf. Die, die die Atemwege angeblich so schnell von Hustenreiz und Heiserkeit befreien, dass man nicht mal bis drei zählen kann.
Auch keine drei Sekunden hat es gedauert, bis  du mich aus der Bahn geworfen hast. Wie ein Bonbon lasse ich mich dich auf der Zunge zergehen. Mustere dich von unten nach oben, nicht andersrum. Die Schuhe zuerst, denn die sind mir wichtig. Sie sagen viel über einen Menschen aus. Über ihn und seinen Charakter, das ist jedenfalls meine Behauptung. Abgelaufene Vans. Mausgrau. Die haben schon einiges gesehen, dachte ich. Ferne Städte und Länder, Ausstellungen und Konzerte unserer gemeinsamen Lieblingsband, wie ich später herausfand.

Je später der Abend, desto größer wurde mein Verlangen dich anzusprechen. Ich wollte alles von dir wissen. Zu welchen Liedern du tanzt, welche Farbe dich an den Sommer erinnert, ob du schon mal in ein Freibad eingebrochen seist, wie du deinen Kaffee trinkst und welches Thema dich in Rage bringt. Ob du fremde Sprachen sprichst, wie deine Grundschullehrerin hieß, welches Buch dich am meisten berührt hat und ob ich dich nachher auch berühren darf.

Ich durfte. Nicht nur im Laufe des Abends, sondern auch in den nächsten Monaten. Je später das Jahr, desto tiefer wurden die Berührungen. Sie gingen unter die Haut und erreichten unsere Herzen. Vorsichtig und zaghaft wurden wir Seelenverwandte, die sich ansahen und wussten was der andere dachte. Die, die auch gemeinsam Schweigen konnten ohne das Bedürfnis zu verspüren den Raum mit leeren Worten zu füllen.

Unser letztes gemeinsames Schweigen war anders. Umhüllt von Trauer, Schmerz und Angst saßen wir vor unserem Scherbenhaufen und warteten darauf, dass einer von beiden ging, damit wir mit dem Zusammenfegen anfangen konnten. Dem mühseligen Aufsammeln jedes einzelnen Stückes um es vorsichtig und langsam wieder zusammenzufügen. Das war das letzte Mal, dass ich dich sah.

Bis heute. Ich wusste nicht ob du da sein würdest. Irgendwie hatte ich es gehofft, doch jetzt wo ich dich sehe überkommt mich ein ungutes Gefühl. Du lehnst wieder locker im Türrahmen und lässt dir deine Unsicherheit nicht anmerken, das konntest du schon immer gut.
Ich mustere dich.
Es hat sich eigentlich nicht viel verändert, denke ich:

Mausgraue Vans.

Wuschelkopf.

Blaue Augen wie ein Hustenbonbon.

Und ich stehe hier und seufze schmerzlich: „Hallo Fremder“.

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Kommentare

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    Und ich stehe hier und seufze schmerzlich: "Hallo Fremder".

    Gänsehaut....

    05.09.2013, 11:23 von Filouu
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