the_actress 05.10.2006, 23:47 Uhr 5 6

Halbzeit

"Ist es denn so schlimm, dass ich dich liebe?!"

Es sind die letzten Worte, deine Worte, die nachhallen. Nach sechs Jahren Beziehung. Der Beziehung, die ich heute genau auf den Tag vor drei Jahren endgültig beendet habe. Dem Tag, an dem du zum ersten Mal sagtest, dass du mich liebst. In jenem verzweifelten und aussichtslosen Versuch eine Beziehung zu retten, die nie eine war.

Ich kann die Wut in meinen Augen noch spüren während ich mit einem harten und klaren „Ja“ antwortete. Blass und erschrocken bist du ein Stück zurückgewichen. So kanntest du mich noch gar nicht. Plötzlich war da nicht mehr dieser traurige Blick in meinem Gesicht, die Verzweiflung auf meiner Zunge, die bettelte und flehte. Auf einmal stand diese kleine Frau vor dir, die Steinschleuder in der Hand, die einen einzigen präzisen Wurf tätigte und dir all deine Macht über sie nahm. Ob du es je verstanden hast? Leise schüttele ich den Kopf, während ich diese Frage schreibe.

Doch jetzt, in diesem Augenblick, ist nichts mehr übrig von der Wut. Von diesem unglaublich erfüllenden Gefühl der Freiheit. Als mir heute Mittag irgendwann bewusst wurde, welchen Tag wir schreiben, überfiel mich das Gefühl von Traurigkeit. Sechs Jahre kein „ich liebe dich“, nicht mal ein „ich hab dich lieb.“

Weißt du noch, wie oft ich dir gesagt habe, dass ich dich liebe? Es müssen hunderte Male gewesen sein. Jedes aufrichtig, keines nur so dahergesagt, aus Gewohnheit. Hast du nie verstanden, wie man so sein kann, dass einen immer wieder urplötzlich das Verlangen danach überfällt, dem anderen zu sagen, dass man ihn liebt. Deine Antwort hierauf war immer dieselbe: „Das ist schön.“

Während mir diese Worte durch den Kopf geistern, denke ich darüber nach. „Schön“. Was war schön?

Es waren diese kleinen Momente, die ab und zu zwischen uns herrschten. Wenn ich mich abends an dich kuscheln durfte, in Löffelchenstellung, dass war für mich das Allergrößte. Ich hab mich da so sicher gefühlt, in deinen Armen. Bin ganz still liegen geblieben und habe jede Sekunde genossen. Denn es war kostbare Zeit. Meistens habe ich mich schlafend gestellt, wenn du dich spät am Abend davon geschlichen hast. Damit du kein schlechtes Gewissen haben brauchtest, nicht wieder diesen traurigen Blick sehen musstest.

Die paar Abende, an denen wir gemeinsam etwas unternommen haben. „Gemeinsam“ im Zusammenhang mit „uns“ klingt fast schon paranoid. Aber es gab sie, die Stunden, in denen wir gemeinsam auf der Tanzfläche standen oder du mir einfach beim tanzen zugesehen hast. Ja, getanzt habe ich nur für dich. Kannst du dich noch erinnern, wie wir an diesem einen Abend so wild getanzt haben, dass wir ineinander verkeilt gemeinsam der Länge nach auf die Tanzfläche fielen? Gelacht haben wir, schallend und ausgelassen. Uns den Dreck von den Klamotten geklopft und weiter getanzt.

Lachen. Hast mir mal gesagt, dass du mich ganz besonders hübsch findest, wenn ich lache. Aber es ging nichts über dein Lachen. Viel zu selten. Vielleicht ein Dutzend Mal. In sechs Jahren. Aber wenn es kam wünschte ich mir stets, ich könne die Zeit anhalten. Auf einmal war da soviel Leben, soviel Freude in deinem Gesicht. Soviel, dass mir jedes einzelne Mal das Herz übergelaufen ist.

Einmal bist du sogar zusammen mit mir ans Meer gefahren. Am Ende unseres ersten Jahres. Ich bin bald ausgeflippt vor Freude. Oder unser zweites Sylvester in Berlin. Obwohl ich da schon wusste, dass es vorbei ist, du mich nie lieben wirst. Auch wenn du das Foto in tausend Stück gerissen hast, ich habe es noch vor Augen. Warst den ganzen Abend schlecht drauf und zum Schluss konnte ich dich doch noch besänftigen.
Manchmal hast du meine Nähe zugelassen. Plötzlich mein Gesicht in die Hände genommen und mich geküsst. Innig. War es Liebe oder Verzweiflung? Besser, ich denke nicht darüber nach…

Tränen. Ganze Meere meinerseits. Nach fünf Jahren habe ich deine zum ersten Mal gesehen. Als ich dir erklärte, dass wir uns dem Ende der Schussfahrt bedrohlich nähern. Dass ich umkehren werde, umkehren will. Ich war so schockiert dich weinen zu sehen, dass ich mich geschämt habe, dafür, dass ich dich verletzte. Hast dir das berühmte 3-Monats-Ultimatum erschlichen; was waren noch drei Monate im Hinblick auf vergangene fünf Jahre? Schließlich wollte ich dich auch nicht gehen lassen, wusste aber, dass ich muss. Wieder Tränen. Noch drei Monate. Resignation. Wissen, dass die Zeit zu meinen Gunsten spielt.

Die letzten drei Monate waren die schlimmsten. Dieses Losreißen von dir, dieser unerbittliche Kampf zwischen Herz und Verstand. Bis sich mein Herz müde gerieben hatte. An dir.

„Auch wenn ich es nie verstehen werde, wie du es so lange ausgehalten hast – ich bewundere dich für eins.“ Erstaunt habe ich sie angesehen, die beste Freundin. Fragend. „Dass du so lieben kannst.“

Es stimmt. Ich habe dich geliebt. Geliebt, geliebt, geliebt. Dich genommen, wie du bist und ich kann mit Recht behaupten, dass es alles andere als einfach war. Dich geliebt, bis meine Liebe aufgebraucht war, restlos. Frage mich, was du wohl mit aller dieser Liebe machst, ob überhaupt je etwas davon bei dir angekommen ist.

Ich bin froh, erleichtert, dass es vorbei ist. Nach dir hat es nie wirklich jemanden gegeben. Einfach, weil es sich nicht ergeben hat. Immer noch kein „ich liebe dich.“ Vielleicht ist es vollkommener Bullshit, mich so an diese Worte zu hängen. Ich wünsche sie mir einfach so sehr. Und ich wünschte, du hättest sie nur einmal gesagt.

Ich hätte sie festgehalten.

Es ist Halbzeit. Habe ´nen Penny gewettet, mit mir selbst. Dass ich mir in drei Jahren nicht mehr wünschen werde, sie von dir gehört zu haben. Sondern dass ich stolz und glücklich sein werde, dass ich so lange darauf warten konnte sie von jemandem zu hören, der sie auch fühlt.

6

Diesen Text mochten auch

5 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    ein schöner text, die worte habe ich einmal gehört, ein einziges mal, ich werde sie nie vergessen. ich wünschte du könntest das auch.

    14.10.2006, 11:12 von salzstange.
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Nach einigen Minuten Sprachlosigkeit tippe ich nun doch etwas, auch wenn ich nicht viel sagen kann. Ein großartiger Text. Tja, irgendwie bin ich immer noch sprachlos. Am schönsten finde ich die Textstelle
    "Dich geliebt, bis meine Liebe aufgebraucht war, restlos. Frage mich, was du wohl mit aller dieser Liebe machst, ob überhaupt je etwas davon bei dir angekommen ist."
    Einfach toll! Großes Kompliment!

    11.10.2006, 18:41 von LaFarfalla
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Erinnerungen, Bilder, die immer wieder auftauchen..
    Wohl bekannt und gern verbann, doch sie kommen wieder...
    Sehr schoen, hat mich beruehrt.

    11.10.2006, 18:25 von theyoungoldfool
    • Kommentar schreiben
  • 0

    The first cut is the deepest...

    ...but maybe someday there will be someone to help you dry the tears that you've cried.

    08.10.2006, 13:06 von Songline
    • 0

      @Songline "The first cut..."

      Ich weiß gar nicht, wie oft schon über den Wahrheitsgehalt dieser Textzeile nachgedacht habe. Aber irgenxwie komme ich immer zu dem Ergebnis, dass sie nicht stimmt. Desto öfter, desto schmerzhafter. Beim ersten Mal ist der Schrecken größer.

      08.10.2006, 13:42 von the_actress
    • 0

      @the_actress "The first cut..."

      Ich weiß auch, dass das nicht stimmt. Aber nach dem ersten Cut sitzen wir wie das Kaninchen vor der Schlange und erwarten, dass es wieder passiert. Und hoffen zugleich, dass es nicht so ist. Und wenn es dann doch wieder passiert, sind wir umso enttäuschter. Also bestimmt der erste Cut doch irgendwie das was folgt.
      Soll ich jetzt noch was zu selbsterfüllenden Prophezeiungen sagen? Nein, ich laß es.

      08.10.2006, 19:11 von Songline
    • 0

      @Songline Brauchste in der Tat nicht. Auch wenn ich im chinesischen Sternzeichen des Hasen geboren bin, habe ich es bis jetzt weitesgehend geschafft, nicht nach der Schlange Ausschau zu halten.

      Dafür ist das andere dann zu schön, auch wenn es wieder endet. Enttäuscht ist man dann so oder so.

      08.10.2006, 20:22 von the_actress
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Grossartig! Mehr kann man, glaub ich, gar nicht zu deinem Text sagen...

    08.10.2006, 02:06 von Petit_Lama
    • Kommentar schreiben

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare