hafuna makal
...
sie lernten sich auf dem flughafen kennen.
erschöpft und belastet von der kräftezehr einer mühsam überstandenen krankheit traf er aus dem süden dort ein, auf der suche nach ein wenig ruhe und erholung.
sie hatte ein jahr im norden verbracht und sehnte sich nach etwas mehr wärme.
ein lächeln, zwei kaffee und eine halbe stunde neugieriger begegnung später war beiden auf sehr selbstverständliche weise klar, gern für eine weile urlaub beieinander machen zu wollen.
aus zunächst rein praktischen gründen ging sie mit zu ihm.
er besaß eine kleine wohnung, zwei zimmer, küche, dusche, balkon, während ihr gehörte, was sie am körper trug und ein rucksack, darin ungewaschene kleidung, ein zweites paar schuhe, etwas kosmetik, ein notizblock mit stift, sowie zwei bücher; zerlesene, beschriebene, geknickte und geflickte, mit ihrer neugier geradezu durchlöcherte exemplare von „die lust und das böse verlangen“ und „es kamen drei damen im abendrot“.
vor seiner haustür gab es eine wiese.
dort blühte ein kirschbaum.
so begann, was sie ihren gemeinsamen frühling nannten.
der frühling blühte bald auch zwischen ihren laken, denn es war eben so, daß beide eine ungestillte lust mit sich trugen und es erschien ihnen fragwürdig bis albern, diese streunenden lendentiere alleine hausen zu lassen, wenn sie doch zusammen so vergnügliches anzustellen wußten.
die zeit war sanft zu ihnen, fügte die tage und nächte aneinander ohne scharfe kanten und füllte sie mit dauer und raum für das wichtige.
trotzdem schien es ihr kaum ein wimpernschlag gewesen zu sein zwischen jenem lächeln an der gepäckabfertigung und dem augenblick in der nacht des ersten vollmondes nach ihrer begegnung, als sie aus dem schlaf schreckte, teils vom hellen silberschein, der durch das offene fenster auf ihr gesicht fiel, teils von einer sachten berührung an ihrem unterarm.
sie strich mit der anderen hand über diese stelle, schlüpfte aus dem bett, um eine zigarette aus dem päckchen vom fensterbrett zu holen und erstarrte wie eisberührt, als sie sich umwandte:
er, tief und ruhig atmend, lag dort im schlaf.
auf seiner brust hockte ein dunkler schemen, einer spinne gleich, jedoch abnorm vergrößert, achtbeinig, behaart, und mit dem absonderlichsten spinnengesicht, das sie je gesehen hatte. zwei augen, beinahe menschlich, schimmerten im dunkel über einer flachen nase und einer art bart aus kleinen tentakeln.
mit achtsamen bewegungen tastete das spinnending über sein gesicht, den hals, die ohren.
die szene schien ihr derart absurd, daß ihr verstand sich schlicht weigerte, sie außerhalb eines traumes anzuerkennen.
sie wandte ihren blick ab und ging ruhigen schrittes in die küche, während in ihr ein schmerz wuchs, aus einer seltsamen wunde:
als sie nämlich die kreatur auf seiner brust sah, empfand sie jenseits des ersten schreckens weder ekel noch furcht. stattdessen fühlte sie sich wie ein störenfried, als wäre sie böswillig in einen raum großer und friedfertiger intimität eingedrungen.
ein schuldgefühl stichelte in ihr empor. es war nur mühsam abzuschütteln und hinterließ, als es schließlich davonging, eine gähnende fremdheit.
sie rauchte ihre zigarette, langsam, kehrte dann vorsichtig in das schlafzimmer zurück.
die kreatur war verschwunden.
zögernd legte sie sich in das bett, neben ihn, probehalber. sofort schlief sie ein.
am morgen danach sprach sie mit tastendem denken und schwerer zunge zu ihm von ihrem alptraum.
er lachte, zog sie in einen kuß, fuhr dann mit einer hand durch seine haare und erzählte ihr:
„das waren nur der mond und die
phantasie, wie sie so tanzen in mancher nacht. sei nicht ängstlich.
aber es erinnert mich an die reise in
den süden und die zeit meiner krankheit. das fieber wohnt dort an den ufern des
großen flußes, verführt fremde noch leichter als
einheimische, und packte mich an einem ort weit abseits jeder
zivilisation. anfangs geschwächt, letztlich
unleugbar in lebensgefahr, hatte ich keine wahl, als mich einem huzi,
einem heiler, anzuvertrauen. stell dir mein entsetzen vor, als er
mich abwies, schroff sogar, mich fortschickte mit dem vorwurf, ich
hätte am fluß die geister der nacht erzürnt und
niemand seinesgleichen könne mir nun helfen. ein harazi
vielleicht, ein geistgänger, doch sei auch dies ungewiß.
es fand sich ein harazi, ein lustiger mensch, laut und immerzu
lachend.
ich weiß nicht, was er mit mir tat in dieser nacht. das fieber hielt mich umklammert an der grenze zur bewußtlosigkeit. doch es stand ein großer vollmond am himmel und der harazi zeigte oft auf ihn, flößte mir einen trank ein, schlug mir behutsam mit einem knochen gegen die stirn und sagte dazu immer wieder die worte hafuna makal. ich spreche diese sprache nicht sehr gut. hafuna bedeutet sowohl ehe, als auch opfer und makal ist der name einer spinnenartigen kreatur, die in den toten bäumen am fluß hausen soll, furchtbar in ihrem zorn gegen eindringlinge, aber zärtlich und beschützend zu jenen, die sie als gefährten akzeptiert. es gibt viele geschichten über sie, die meisten sollen wohl nur die kinder erschrecken.“
er schaute sie an, lachte erneut und fuhr dann fort:
„wie gesagt, ich weiß nicht, was dieser harazi mit mir gemacht hat, aber es hat geholfen. ich schlief beinahe drei tage am stück, dann ging es besser. die dorfleute umsorgten mich rührend. schließlich konnte ich auf einem boot flußaufwärts reisen und kehrte hierher zurück.“
„und sie ? makal, die spinne?“, fragte sie.
er zuckte mit den schultern:
„nichts. die vorstellungskraft ist für die menschen dort am fluß ein wichtiger anker in der welt. sie glauben an starke geschichten, um starkes tun zu können. eine heilung braucht für sie etwas drastisches, woran sie zu wachsen vermag. was sie glauben, macht sie stark, aber es kann sie auch zerstören. überall auf der welt werden spinnen verehrt und gefürchtet, immer schon. sie lösen bei vielen menschen starke gefühle aus. auch bei dir. in deinen alpträumen klettert eine riesenspinne herum. siehst du. das ist alles.“
„hast du denn daran geglaubt ?“
wieder lachte er sein lachen, die hand fuhr durch das haar, eine antwort gab er nicht.
in ihr stockte es.
das sprechen ohnehin, alles andere auch. es war, als fülle ein klumpen borstiger haare ihren rachen. sie schwieg, hustete und schluckte hinunter.
in der folgenden nacht packte sie leise ihren rucksack und ging.
für einige tage verspürte er eine unsicher schwebende traurigkeit angesichts ihrer abwesenheit, hielt manchmal inne und versuchte, ihrem gedankenlöslichen bild in seinem inneren nachzuspüren, sich zu erinnern.
als der nächste vollmond über
die nacht herrschte, hatte er sie endgültig vergessen.
Tags: Robert, Suydam







Kommentare
Schön zu lesen, ein guter Text. Wobei das Schicksal der Protagonistin fast nach einer weiteren Story bzw. Fortsetzung schreit. Doch vielleicht ist es besser es nicht zu erfahren.
31.08.2012, 11:26 von Cyrosie hat einen zug genommen, diesmal richtung osten.
31.08.2012, 14:57 von robert_suydamdann verlor herr s. sie aus den augen.
vermutlich ging sie, weil sie sah, dort keinen platz mehr zu haben, zu bekommen, zu finden.
wenn sie also für sich ein ende wollte, möchte herr s. es ihr gern lassen.
Schließe mich Cyros Kommentar an.
06.09.2012, 20:47 von topfbluemchen(auch wenn ich es optisch mit Großbuchstaben "schöner zu lesen" fände...aber ich weiß, das machste ja nicht.)