PieInTheSky 01.11.2009, 11:22 Uhr 1 0

"Gustavstraße"

„Nächster Halt Gustavstraße“, krächzt die vertraue Stimme vom Band in der Straßenbahn. Und ich merke erschrocken wie feucht meine Wangen sind...

Nächster Halt Gustavstraße“, krächzt die vertraue Stimme vom Band in der Straßenbahn, kurz bevor die Bahn anhält. Ich merke nun erst, dass die nächste Station meine ist. Und ich stelle erschrocken fest, dass meine Wange ganz feucht ist. Ich wische mir schnell die Tränen von den Wangen und husche dann schnell am nächsten Stopp aus der Bahn, in der Hoffnung dass in der Dunkelheit niemand mehr sieht wie viel du mir bedeutest.

Ich weiß immer noch genau wie es begann, nach all den Jahren. Ich trug mein Lieblingsbandshirt und den neuen Nietengürtel und du hattest Dreadlocks und dieses Muttermal auf der rechten Wange.
Das Konzert im Sommer, ich fand dich widerlich.
Wenige Wochen später hatte ich mein erstes richtiges Date, mit dir.
Wir gingen spazieren im Regen. Ich hatte mich so hübsch gemacht und musste fast brechen vor Nervosität. Nur dich fand ich bescheuert, total.
Kurz bevor ich den Bus Heim nehmen musst, saßen wir an diesem See völlig durchgeregnet. Und dann hast du mich einfach geküsst. Mein Bein hat gezittert, weil es mein erster richtiger Kuss war. Du musstest lachen über mein wippendes Bein.
Heute denke ich immer noch gerne mit einem Lächeln an den Sommer zurück. Unser Sommer voll Nirvana, Rebellion, Bier und der ersten Zigarette.
Schneller als geahnt kam jedoch der Winter. Ich glaube, er fühlte sich vor allem nach diesem warmen Sommer sehr kalt an. Irgendwann reichten dir Zigaretten nicht mehr, du brauchtest mehr um dich komplett zu fühlen, du brauchtest den Rausch. Bald ging es in deinem Leben nur noch um den Rausch und darum ihn so schnell wie möglich zu bekommen. Ich hatte Angst, Angst dich an ihn zu verlieren. Neujahr habe ich dich dann verloren, an den Rausch und an sie, dieses andere Mädchen.
Du warst also nicht nur mein erster Mann, du warst auch mein erster Liebeskummer auf dem Badezimmerfußboden.

Seitdem sind Jahre vergangen. Jahre in denen wir beide Erwachsen geworden sind. Der Rausch hat dein ganzes Leben bestimmt, so sehr das du weggehen musstest um ihm zu entkommen. Ich glaube du hattest auch viele Frauen und nie eine wirkliche Konstante in deinem umtriebigen Leben.
Ich habe dich vergessen, dachte ich zumindest. Ich arbeitete ehrgeizig an meinem Traum vom Studium um die große weiter Welt abseits von unserer kleinen Heimatstadt zu sehen.
Dabei ließ ich die Liebe oft im Sand verlaufen, aus Angst jemand könnte mir wie du damals die Flügel rauben.

Manchmal, still und heimlich habe ich mich immer gefragt wie es dir wohl geht, wo du bist und was du tust. Aber dann hat der Verstand das Herz schnell wieder belehrt.
Scheißkerl, Mädchen, Scheißkerl.

Dieses Jahr war es plötzlich soweit, ich saß auf gepackten Taschen in meinem alten Kinderzimmer, in der Hand den großen Umschlag der Uni. Auf in eine neue Stadt, ein neues Leben und endlich die Welt sehen. Nie habe ich mich lebendiger, glücklicher gefühlt als in Erwartung auf all die neuen, glänzenden Dinge die vor mir auf meinem Weg lagen. Ich spürte mehr denn je meine Flügel, das Leben schmeckte nach Abenteuer und Freiheit.

Kurz bevor ich aufbrechen wollte überkam mich jedoch dieses Gefühl, dass neue Leben in meinen Venen erst spüren zu können, wenn ich mit dem Leben was ich hinter mir ließ reinen Tisch machen würde. Ich kramte Kistenweise Erinnerungen vom Dachboden um diese zu sortieren und zu ordnen bevor ich ging.
Dabei fiel mir der Regenschirm in die Hände, der Regenschirm der uns nicht gegen den heftigen Regen an unserem ersten Date schützen konnte.
Ich musste an dich denken. Wie es dir wohl geht? Was du wohl tust? Wo du wohl bist?

Über das Internet findet man heute ja wirklich jeden, zumindest fand ich dich.
In einer Nacht- und Nebenaktion, jedenfalls laut meiner Uhr, schrieb ich dir eine E-Mail.
Meine spontane E-Mail Aktion sollte übrigens mit dir aufräumen, diesen verdammten Regenschirm aus meinem Kopf verbannen. Ich wollte die Bestätigung das du ein Scheißkerl bist, immer noch.
Leider ist das Glück ja bekanntlich eine Hure und meine Aktion wurde ein furchtbarer Selbstläufer.

Ich bekam Antwort. Antwort von dir. Nur leider fiel die Antwort nicht so aus, wie ich es vorher geplant hatte.
Im Gegenteil, dein Text war zwar banal aber wundervoll.
Dafür musste ich dich erstmal hassen. Scheiße, natürlich konnte ich nicht anders als auf deine Mail zu antworten.

Auf diese Weise vergingen mehr als drei Monate. Mit Nächten voller Erinnerungen, Lachen, Weinen und der Erkenntnis, ich mag dich.

Ich will dich sehen. Ich will deine Stimme hören. Ich will dich anfassen.
Nein, bloß nicht verlieben, denk an dein neues Leben, denk an die neue Stadt, denk an die vielen netten, neuen Männer.

Irgendwann kurz nachdem ich in die neue Stadt gezogen war, die ersten Nächte durchtanzt hatte und die ersten Tage Studium kurz bevor standen, musste ich es dann doch tun. Ich stieg in einen Zug der mich für wenige Stunden zu dir bringen sollte.
Mein Kopf war leer, ich hatte keine Ahnung was ich da tat und warum ich es eigentlich tat.
Als ich dich wartend auf dem Bahnsteig stehen sah, war das nicht mehr der Junge aus meiner Erinnerung sondern ein erwachsender Mann. Vor allem hatte ich deinen Stimmbruch verpasst.
Die Stunden vergingen mit Pizza und Bier viel zu schnell. Abends am Bahnsteig hast du dich dann nicht getraut mich im Arm zu halten und ich habe mich nicht getraut dich darum zu bitten – bis der Zug kam der mich wieder in den Norden bringen sollte.

Ich war verliebt, schon wieder in dich Scheißkerl. Ich wollte mich dagegen wehren. Ich wollte die ersten Uni-Wochen dazu nutzen dich schnell wieder aus meinem Kopf zu verbannen.
So begann die Uni und alles war neu, laut, groß und wundervoll. Ich lernte neue Bekannte kennen und traf mich mit Männern. Aber du bliebst in meinem Kopf.

Und so stand ich wenige Wochen später aufgeregt am Fenster und wartete auf deinen ersten Besuch in meiner Stadt. Aus diesem Besuch wurden fast vier Tage. Wundervolle Herbsttage in denen wir in Pfützen sprangen, die Küche in ein Schlachtfeld verwandelten, die Nacht wegtanzten, nebeneinander einschliefen um morgens im Arm des Anderen aufzuwachen.
Ich war immer noch verliebt. Und du warst es auch.
Als du gehen musstest, fragtest du mich, was das ist mit uns. Ich zucke mit den Schultern. Du schautest mich an und hast zu mir gesagt, du willst dass es etwas zwischen uns ist und dass du willst, dass wir es gemeinsam schaffen, dieses Mal.
Denn du hättest mich sehr lieb.
Wenn ich jetzt im Dunkeln von der Straßenbahnhaltestelle nach Hause gehe und weiß das du nicht rauchend auf dem Balkon stehst, sondern 300km weit weg bist, dann weine ich manchmal.

Ich weine nicht, weil mein neues Leben anders als geplant begonnen hat.
Ich weine, weil ich Sehnsucht habe, Sehnsucht nach dir.
Ich weine, weil ich weiß das du mir wieder das Herz brechen wirst. Denn du wirst dich nie ändern.
Und dennoch, ich bin verliebt. Verliebt in dich, Scheißkerl.

1 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    toller Text...ich kenne das Gefühl zu gut..

    11.11.2009, 00:09 von Crazyblu
    • Kommentar schreiben

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
10. Juni 2013

Neueste Artikel-Kommentare

NEON-Apps für iOS und Android