Blumengaenschen 20.11.2017, 02:01 Uhr 1 2

Großstadtgedanken im Herbst.

Ich dachte wirklich, dass es diesmal für immer wär. (Fallende Blätter, Element Of Crime)

Es ist Herbst. Und natürlich ist alles, was passiert, viel Schlimmer, wenn es im Herbst passiert.

Die Leute sagen immer, man könne sich ja überhaupt nicht auf den ersten Blick verlieben. Und dass man vorsichtig sein soll, wenn man sein Herz für etwas öffnet, was einem neu ist. Aber bei dir war ich mir sicher, dass nichts umsonst sein würde. Und ich dir vollkommenes Vertrauen schenken könnte. Und dass, wenn ich mich dir voll hin- und alles gäbe, was ich könnte, um unsere Beziehung zu einer wirklich großen und guten Sache zu machen, du ebenfalls dein Bestes tun würdest.

Aber man kennt ja die Leute. Im Labern ganz groß und wenn es dann darum geht, sich mal auf etwas einzulassen, bloß nicht zu viel „investieren“, weil , es könnte ja immer noch was kommen, das größer und besser ist, und dann hat man den Salat.

Zwar bin ich eine dieser Personen, die lieber Bauch- als Kopfmensch wäre, doch dieses Mal blieb der war in meinem Kopf vollkommene Stille. Und auch das gab mir das Gefühl, eine richtige Entscheidung zu treffen. Da hält der Kopf einmal die Fresse und der Bauch und das Herz schreien „Ja!“ und ich soll mich dagegen entscheiden? Niemals!

Und du gefielst mir von Anfang an. Dein ruhiges Wesen, deine strahlenden Augen, dieser exotische, dunkle Teint – neben den ganzen anderen Normalos fielst du mir, obwohl du nicht gerade den modernsten Look sondern eher so der Oldschool-Typ warst, eben besonders auf.

Nach unserem ersten Treffen bist du dann noch mit zu mir gekommen, obwohl ich normalerweise nicht diese Art von Person bin. Aber auch hier hatte ich dieses gute Gefühl, dass ich das Richtige tue und du am nächsten Tag nicht einfach verschwunden sein würdest, wie ich es schon von unzähligen Freundinnen erzählt bekommen habe. Gerade in einer Großstadt wie dieser passiert einem so was. Das Angebot ist einfach zu groß und es gibt viel zu viele Idioten da draußen! Deswegen immer auf Nummer sicher gehen und sei bloß vorsichtig und jaja, blabla.

Aber nein, ich habe es riskiert und du bliebst. Und ich glücklich. Zwar warst du nicht immer ganz einfach, warst oft wegen Kleinigkeiten unzufrieden und konntest, vor allem, wenn es darum ging, mal nicht den einfachsten Weg zu wählen, sondern auch mal schwierigere, unbetretene Pfade auszuprobieren, ziemlich rumheulen. Aber auch, wenn es für mich manchmal viel schlimmer war, als für dich – wir haben diese Wege zusammen beschritten und waren am Ende zwar erschöpft und manchmal voller Blessuren. Aber glücklich.

Wenn mir alles mal wieder zu schwer wurde und ich glaubte, nicht alles allein schaffen zu können, warst du an meiner Seite und ich konnte meine Last auf deinen Schultern ablegen.

Du warst immer ein aufmerksamer Zuhörer. Meine Fluchattacken und Beschimpfungen, wenn ich mal wieder schlechte Laune hatte und eben nur du da warst um sie loszuwerden ertrugst du geduldig und wenn ich mal wieder zu viel zu schnell wollte, hast du mich meistens dazu bringen können, mal einen Gang runterzuschalten. Ich habe dann selbst gemerkt, dass vieles so leichter zu bewältigen ist.

Meine Zuversicht war grenzenlos. Wenn du mal mit Freundinnen von mir alleine unterwegs warst, machte ich mir nie Sorgen. Ich wusste ja, dass ich dir vertrauen konnte.

Du warst einfach perfekt in deiner Unperfektion. Mit all den Ecken und Kannten, die dein Wesen mit sich brachte, passtest du so gut zu mir, wie nichts auf der Welt.

Es hätte ewig so weitergehen können. Zumindest für mich. Und dann…

Ich kann mich noch genau erinnern. Es war ein kalter Oktobertag. Der Sommer war vollständig dem Herbst gewichen und du hattest mal wieder eine deiner kleinen Macken. Mittlerweile liebte ich die an dir. Und wem geht das nicht so, wenn es draußen kälter und grauer wird. Vor allem in einer so regnerischen Sadt gewöhnt man sich doch irgendwann daran. Und ist nicht mehr so wetterfühlig und macht einfach weiter wie sonst. Über all die Jahre hinweg hast du das aber anscheinend nie gekonnt.

Ich kann mich sogar noch an das Gefühl, das ich beim Aufstehen hatte, erinnern: „ Wieder ein Tag. Alles wie immer.“

War es aber nicht.

Mit den Jahren, hatten sich, kaum bemerkt, viele Sachen von dir in meiner Wohnung angesammelt und da ich immer zu faul war, sie wegzuräumen oder zu bequem – du könntest sie ja vielleicht mal gebrauchen – ließ ich sie immer, wo sie waren.

Auch jetzt, da du fort bist, kann ich mich von Vielem nicht trennen.

Die Leute sagen, ich solle doch endlich mal abschließen und Dinge fortgeben. Andere Leute könnten sie vielleicht noch gebrauchen und für mich seien sie nur Ballast.

Aber man kennt ja die Leute. Geben tausend gute Ratschläge und wenn du bei ihnen mal nachfragst, hat doch jeder seine Kiste mit alten Erinnerungen irgendwo versteckt.

Und irgendwie will ich diese Hoffnung, du könntest irgendwann noch mal auftauchen, nicht ganz aufgeben. Manchmal sehe ich dich um eine Ecke biegen. Zwar nur von hinten. Und dennoch bin ich mir so sicher, dass du es bist. Ich würde dich in tausenden von Metern Entfernung erkennen. Diese Gangart hat sonst einfach niemand. Dann merke ich aber, dass mir mein Bewusstsein einen Streich spielt und du es nicht bist. Du bist es einfach nie.

Nächste Woche habe ich ein Date. Vermittelt durch einen Freund. „Auf jeden Fall genau dein Typ!“ Was auch immer das heißen soll. Eigentlich habe ich gar keine Lust. Und irgendwie muss es doch weitergehen. Oder soll ich etwa darauf warten, dass dieses widerliche Wetter vorbeigeht, bevor ich mich wieder auf die Suche mache? Nein, es ist langsam Zeit, sich neu umzugucken. Es nützt ja nichts.

Obwohl, dieser letzte Funken, der ist immer noch da.

Und vielleicht, irgendwann, wenn ich es gar nicht erwarte, stehst du vor mir. Mit deinen strahlenden Augen funkelst du mich an und ich weiß, das Warten hat sich gelohnt. Und mein Gefühl hat mich nicht getrogen. Wir gehören einfach zusammen.

Ich vermisse dich unendlich. Und nichts kann diesen Schmerz des Verlustes wieder gut machen. Es wird vielleicht besser, mit der Zeit. Aber gut wird es nie.

Vielleicht sollte ich auf die Leute hören, aber sie wissen nicht, wie es ist. Sie werden niemals diese besondere Verbindung verstehen, die wir hatten.

Ich.

Und du.

Mein geliebtes Fahrrad.

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1 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Sehr sehr schön sogar... und ich glaube sogar, es geht vielleicht gar nicht nur um ein Fahrrad.


    20.11.2017, 13:59 von Ein.Enthusiast
    • 0

      danke! und doch, es geht "nur" um ein fahrrad. denn es war das beste, was ich je besaß :'(

      21.11.2017, 12:45 von Blumengaenschen
    • 0

      Oha! Nun gut, jetzt könnte man das natürlich zum Anlass für ein Lamento über die materialistische Fixiertheit unserer Generation nehmen oder man kann als ebenfalls radverliebter Mensch sagen: Das tut mir sehr leid. :( 

      Und ich möchte schließen mit Fontane:
      "Tröste dich, die Stunden eilen, 
       und all das was dich drücken mag, 
       auch das Schlimmste kann nicht weilen, 
       und es kommt ein and'rer Tag" ;)
        

      21.11.2017, 22:43 von Ein.Enthusiast
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  • 1

    Sehr schön...

    20.11.2017, 09:54 von sailor
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