Großstadt, über den Dächern
Die Nacht war irgendwo zwischen lau und kühl, ein leichter Wind wehte oben auf der Dachterrasse, und aus den Lautsprechern tönte Musik in den Himmel.
Ich glaube, ich habe an dem Abend eine Sternschnuppe gesehen, ein schneller Streifen Feuer am Himmel. Es war Vollmond, vom Mondlicht leuchtende Wolken schwebten am dunklen Himmel vorbei. Unten vor uns ausgebreitet die Stadt, Hochhäuser neben Hochhäusern, glitzernde Fenster, am Horizont die blinkende Skyline, zwischendrin dunkle Flecken, wo kein Licht brannte, wo die alten Viertel lagen.
Wir lehnten uns über das Geländer, der Wind fuhr uns ins Gesicht, und wir waren plötzlich ganz still. Die Musik tobte in meinem Blut, ich fühlte mich, als würde sich mein Herz zusammenziehen, weil wir hier waren, genau in diesem Moment, genau an dieser Stelle, und die Stimmung war so einmalig, so ungewöhnlich, ein wenig wie in einem Film. Ich spürte ihn dicht neben mir, wir waren zu zweit, die anderen waren schon gegangen. Ich konnte ihn riechen, er roch so gut, ich mochte seinen Körper, wie er sich bewegte, lachte, manchmal lispelte, wenn er sprach. Mich anstrahlte, wenn ich etwas Bescheuertes sagte. Wir haben viel Bescheuertes gesagt, schnell, ironisch, so ging es hin und her, ein blitzschneller Austausch von klugen, witzigen Gedanken. Für mich war es ein Genuss, mit ihm hier beisammen zu sein, an diesem fremden Ort mit jemandem reden zu können, der ein wenig so dachte und redete wie ich.
Ich hätte ihn gern berührt in diesem Moment. Ich hatte das Gefühl, er wartete darauf, wartete auf ein Zeichen von meiner Seite aus, auf einen längeren Blick, auf ruhige Worte, auf Nähe, die ich herstellen würde.
Ich hätte ihn gerne berührt, seine Stirn, seine Haare, seine Wange. Meine Arme unter seine geschoben, mich auffangen und aufnehmen lassen, warm in seinen Armen. Ich hätte meine Nase in sein T-Shirt gedrückt, seinen Geruch eingesogen, ich hätte seinen Herzschlag gehört, seine Aufregung gespürt, vielleicht auch Arme, die sich um mich gelegt hätten. Und dann hätten wir da so gestanden, oben über der Stadt, direkt unter den Sternen, nur die Musik in den Ohren und ein wenig das Brummen des Verkehrs. Über uns Flugzeuge, die als leuchtende Punkte in den Himmel stiegen.
Wir hatten diese Vertrautheit, als würden wir uns schon so lange kennen. Mir tat es weh, der Gedanke, ihn nicht zu berühren, ihn nicht zu halten. Die Möglichkeit rauschte an mir vorbei, und ich nur sah zu, ich griff nicht zu. Ich sah mich dastehen, über das Geländer gebeugt, hinunter schauend, und er neben mir, warm und lebendig. Zwei Köpfe dicht nebeneinander, zwei Seelen auf einem Dach, über der Stadt, an diesem Ort, so weit weg von daheim.
Verzichten tut weh, die Möglichkeiten des Lebens überwältigen mich, machen mach traurig, machen mich glücklich, machen mich so frei, viel zu frei, mich immer wieder entscheiden zu müssen, für etwas, gegen etwas, immer wieder. Wo will ich hin, wohin gehöre ich, und dies nicht zu vergessen, auch dann nicht, wenn da jemand kommt wie er, und wenn da eine Nacht kommt wie diese, und wir zwei Menschen auf dem Dach unter den Sternen. Mich zerreißt es, aber ich werde gehen, die Dachterrasse verlassen, sollen doch die Sterne leuchten, soll er mich doch lieben wollen. Oder ich werde wieder etwas Bescheuertes sagen, und wir werden lachen, dann werde ich ganz viel reden und der stille Moment zwischen uns würde verfliegen und wäre damit endgültig verpasst, denn ich werde nie wieder hierher kommen, denn morgen fliegt er heim, und wir werden uns sicher nicht noch einmal wieder sehen, und wenn, dann nicht so, sondern anders. Zu Hause würde der Zauber auch verflogen sein, wir wären halt zwei Menschen, die sich gut verstehen. Aber weit weg von zu Hause in dieser fremden, großen Stadt, da ist so eine Zuneigung zwischen zwei Menschen etwas ganz Wertvolles, und ich würde sie sehr gerne festhalten, auch wenn ihn dazu umarmen und küssen und nahe bei mir haben müsste.
Jetzt sitze ich hier und denke dran, wie das wäre, hätten wir wirklich da oben auf der Dachterrasse gestanden, zu zweit allein. Doch in Wirklichkeit waren wir zu mehreren, und es war laut und ausgelassen, und da war kein stiller Moment zwischen ihm und mir. Nur manchmal dachte ich, es hätte ihn geben könnten, genau diesen Moment.






Kommentare
Stimmt, das ist genau das, was ich damit sagen wollte.
11.09.2006, 13:44 von Lisa_Zhao"Mich zerreißt es, aber ich werde gehen, die Dachterrasse verlassen, sollen doch die Sterne leuchten, soll er mich doch lieben wollen. Oder ich werde wieder etwas Bescheuertes sagen, und wir werden lachen, dann werde ich ganz viel reden und der stille Moment zwischen uns würde verfliegen und wäre damit endgültig verpasst, ..."
10.09.2006, 15:32 von liebe_mueh_dann_maehWer sich verläßt, will aufgehalten werden.
Wer Angst hat, etwas zu sagen, der redet zuviel...
PS
Schönes Nick-Pic...
Von wem?