LudwigMartin 07.12.2007, 02:24 Uhr 23 18

Go to him

Ein Song. Ein Lebensinhalt. Go to him and set us free.

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Es war 1963 und ich war noch nicht auf der Welt. Es war die erste Beatles-Platte und es waren harmlose, naja, aus heutiger Sicht harmlose Songs darauf, die wahrscheinlich bei vielen den Qualitätsvergleich mit späteren Kompositionen nicht antreten konnten. Wieviel tiefer vermochte später John Lennon eine Utopie a la Imagine auszuformulieren, welches Drama steckte in McCartneys Yesterday, diesem immerhin noch recht unschuldigem Lied.

Nein, heute sind wir abgebrüht. Wir kennen nicht die Grenzen von Sex und Gewalt, die das Leben der 60er eingeengt haben. Sie haben es eingeengt, oder? Aber sie haben es auch spannend gemacht. Der Erfolg von einigen musikalischen Highlights ist darauf zurückzuführen, daß junge Menschen der 60er und 70er träumten und aufbegehrten - von Freiheit, von Liebe, von Mitbestimmung und von vollkommener Weltgemeinschaft.

So ging es mir nicht. Ich würde mich - obgleich ich 1989 schon 12 war - als Kind der 90er begreifen, bis dahin von einer dicken Betonmauer gut geschützt vor dem, was in der weiten Welt vor sich ging, von einer Backsteinmauer, naja wohl eher von Strukturen, geschützt vor dem, was in dem Land, in das ich geboren ward, die Menschen paßkonform machte. Ein relatives Sonderschicksal – und sollte ich Menschen treffen, denen es ähnlich ging, dann fände ich mich ihnen vom Prinzip her schon irgendwie tief verbunden. Verbunden - aber nicht verbündet, denn genau dieses Trauma würden wir teilen: die Skepsis gegenüber Bündnissen.

Nein, mir ging es nicht so. The Beatles waren eine kleine Entdeckung von mir, so evt. im Jahr 1987 oder so, ich bekam die 63er Scheibe von einer Familienfreundin geschenkt und verfiel in meine eigene Spät-Beatlemanie. Ein großer Stolz bestand unter anderem darin, daß auf dem Poster "Ludwig" auf dem Schlagzeug stand. Aber auch sonst war die Musik einfach mal schön und eine Alternative zu allem Sonstigen, was sich so durch den Haushalt schlängelte.

In einer späteren Rezension las ich, daß Lennons Stimme gerade in "Go to him" (er singt stets "go at him") schon deutlich seine stimmliche Begabung zeigte. Ich gab dem recht, denn wirklich: die ersten Beatles-Lieder klangen recht helltönig und nur weniges der frühen Stücke war wirklich so ausdrucksstark wie "Love me do" oder eben "Go to him". Aber unabhängig vom musikalischen Ausdruck war es doch ein Inhalt gewesen, den ich mir - so nach und nach übersetzt - angeeignet habe. "Geh zu ihm" war die Botschaft an eine Frau, die sich in einen anderen Mann verliebt hatte. Mit all den Fragen, die einen in der Situation bewegen: Hat sie es wirklich so gut bei ihm? Daß das Original nicht von den Beatles selbst stammte, focht mich in meiner Nachdenklichkeit gegenüber einer solchen Situation nicht an und hatte damit letztendlich ja auch nichts zu tun.

Mich hat dieses Thema ein Leben lang begleitet. Lange aus meiner Sicht: ich wünschte, ich hätte ein Mädchen, das ich glücklich machen könnte. Nicht, um es festzuhalten. Schon vor jedem Gedanken an eine Freundin war es mir bedeutend, daß ich einst für ein Mädchen da sein könnte. Und - inspiriert vom Lied - wenn sie gehen wollte, sollte sie dürfen. Ich denke sogar, daß mich dieses Lied immer noch nachhaltig prägt und dieses Zugeständnis an Freiheit in mir etabliert hat - ist doch Freiheit generell ein wichtiges Thema für mich geblieben.

Geh zu ihm!

Wer kann das einfach so sagen, ohne daß es zu stark weh tut, ohne, daß er einen Menschen aus seinem Leben verabschieden muß? Ich find es nicht richtig, Menschen aus seinem Leben zu verabschieden. Und ich arbeite, seit ich dieses Lied kenne, an meiner Willenskraft, generellen Abschieden entgegenwirken zu können. Ich habe auch meine Grenzen kennengelernt – sie lauern dort, wo die Tragik nicht lohnenswert scheint: die Konflikte, bei denen es um weniger als eine gemeinsame Zukunft geht, ringen um ein Mindestmaß an Kollateralschäden. Nein, meine Bereitschaft zum "Ich gebe dich frei" war nicht angefochten - außer vielleicht durch eine allzu leichtfertige Bereitschaft zum Freigeben?

Irgendwann kam die Krise. Ich hatte mein Mädchen gefunden. Und ich war glücklich und gleichzeitig offen gegenüber einer Zukunft. Irgendwie hatten wir es sogar ausgemacht: WIR KLAMMERN NICHT. Wir schwebten zwischen Beispielen, die letztlich unannehmbare Bedingungen beinhalteten. Da gab es die Beziehung eines Freundes, der alle wichtigen Freundschaften und seine Familie gering achtete, um eine intime Zweierbeziehung zu pflegen. Da waren Ehen, die auseinandergingen oder unter unmöglichen Bedingungen fortzubestehen gedachten. Da waren Nichtbeziehungen und Beziehungslosigkeiten. Wer gibt einem wirklich ein Vorbild, ein gutes Vorbild? Nicht nach einem Muß, sondern nach einem "So kann es sein"?

In dieser Beziehung der ausgemachten Beziehungsfreiheit (oder auch Beziehungslosigkeit) bestritten wir unser Teilzeit-Single-Leben, ein jeder für sich. Bis zur Situation, wo ich nicht mehr wußte, was eigentlich mein Gefühl und meine Zukunft sein sollte. Zu viele Eventualitäten hatten sich breitgemacht und dann war dort ein Funken, der mir Zukunft verhieß, Funken nur in meinem Inneren, aber stark genug, um in die falsche Richtung nach außen zu strahlen. Es kippte: Freiheit - Beziehungsfreiheit - Beziehungslosigkeit.

Und dann bekam ich ein starkes Signal. Sie meinte später, daß sie sehr gewachsen ist an dieser Krise und ich glaub es ihr im Nachhinein. Was mich aber in dem Moment erreichte, war ein Signal: Ich lieb Dich und wenn Du glücklich mit ihr wirst, dann geh!

Moment mal!

War das nicht meine Rolle?
Ich wollte "mein Mädchen" gehen lassen, wenn sie (ich) das wollte, oder wie oder was? Ich hab mir mein gönnerhaftes Wenn-dann-Paket so schön ordentlich verschnürt und mit klassischem Label versehen beiseite gelegt, nach und nach mit Argumenten gefüttert, die eine allseits befriedigende Lösung ergeben, damit kein schales Schuldgefühl bleibt. Und dann: das. Ich bekam mit, was nicht berechnet und ausgerechnet war. Nur ein entweder-oder, welches mein eigenes Glück zum hauptsächlichen Inhalt hatte.

Ich kam mir nie so wichtig vor wie in diesem Moment. Natürlich steh ich gern in jedem möglichen Mittelpunkt, mit dem dezenten Vorbehalt: Jungs, ihr schafft’s ohne mich auch. Im Notfall. Wenn’s sein muß. "Zur Not" bin ich da, bezahle, bereinige, richte auf... Um mich geht’s nicht. Mein Glück hängt am Gemeinwohl. Und nun war mein Glück gefragt wie noch nie. Mein Glück. Mein Gott, das war doch noch nie mein Thema. Es ging darum, was ich will. Was ich wirklich will.

Und dann diese Opferbereitschaft. Das ist doch das, was ich aus dem Lied kenne: go to her! Und nein, es ist nämlich überhaupt keine Opferbereitschaft. Es ist ein Realismus, der zur Verzweiflung bereit ist: Ohne Glücksaussicht schmeißen wir beide unser Leben nicht weg. Seit wir zusammen sind, hatten wir nicht ein derartig ehrliches Gespräch miteinander. Das eine Glück hängt am anderen, mit ehernen Ketten gefügt, aber vor dem Bewußtsein, daß das Glück nicht durch die Ketten, sondern durch das Leben, durch gemeinsames Erleben eingelöst wird. Jedes Ego wird sich beugen müssen vor der Erkenntnis, daß das eine Glück nicht unteilbar an ein anderes gekoppelt ist. Nicht per Vorentscheid, nicht per Himmelsbotschaft. Wer durch Enttäuschungen gegangen ist, hat wieder neue Chancen auf ehrliche Liebe.

Aber wenn man einmal zu zweit diesen Stand erreicht hat - und damit merkt, wie verbunden man sich eigentlich ist, dann dreht sich eine ganz neue Welt vor das Angesicht. Jeder spürt des anderen Bereitschaft, "go to him" zu sagen, und jeder spürt des Anderen Schmerz, den diese Worte ausmachen würden, aber es wäre ein unvermeidlicher Schmerz, denn ein Bleiben ohne Glück wäre unannehmbar. Unannehmbarer, als den Trennungsschmerz irgendwann zu überwinden. Und zwar für beide. Die Bereitschaft zur Freiheit des Anderen ist die einzige Chance, die Liebe des Anderen wirklich spüren zu können.

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23 Antworten

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    "In the end, what matters most is
    how well did you live
    how well did you love
    how well did you learn to let go"

    Wenn man sich der Entscheidung, loszulassen, schon gegenübergestellt sieht, ist es meist zu spät um das Loslassen im eigentlichen Sinne zuzulassen.

    03.01.2010, 18:44 von Urmeltier
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    Ich sehe mich ja auch immer gern in der Rolle der Nobel-Entsagenden und denke mir oft, bei der Trennung, da wird mein Licht dann erst richtig scheinen - nie wieder wird der eine treffe, die das Verlassen-Werden so vernünftig und erwachsen und undramatisch über die Bühne bringt.

    Aber es kommt gar nie so weit, weil ich schon vorher den Leuten so wenig nachrenne, dass gar nicht so enge Bindungen entstehen, die man in großen Gesten trennen müsste.

    Ich rede mir ein, dass liege daran, dass ich ja selbst so viel Freiräume brauche und anderen lieber auch sehr viel Freiräume lasse, und dass man Reisende nicht aufhalten darf und sich nicht gegen Dinge im Fluss stellen soll. Und ich schreibe doch auch nie jemanden endgültig ab und denke mir, man treibt voneinander weg, man treibt auch wieder aufeinander zu. Manchmal klappt das.

    Und das stimmt ja wohl auch. Man darf in dieser Welt gar nicht erst anfangen, Dinge gering zu schätzen, nur weil ihnen keine Dauer beschieden ist.

    Aber ziemlich viel Stolz ist es auch. Ich weiß nicht, warum er mich grade da so reinreißt.

    Ich glaube, ich habe schon oft Menschen verletzt, weil ich mich immer gar so schnell abfinde.

    01.01.2010, 23:49 von sohalt
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      @sohalt
      Ich glaube, du bist die erste, die dem Charakter des Protagonisten nahe kommt. Die Achtung vor dem Anderen gebietet die Achtung vor der Freiheit des Anderen. Was aber - wenn Liebe im Spiel ist?

      Was bedeutet dann - Freiheit?

      Gerät man in einen Selbstschutz, der sich in Richtung Beliebigkeit manövriert?

      Ich kann das Ganze für mich persönlich nicht auflösen. Aber sensibel in beide Richtungen zu bleiben, ist ein Anfang. Liebe braucht Freiheit und Beziehung braucht feste Zusagen. Eine Liebesbeziehung braucht logischerweise, aber auch erfahrungsgemäß also beides.

      03.01.2010, 01:51 von LudwigMartin
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    der letzte satz des textes ist meine persönliche quintessenz bzgl. meiner beziehung. so hab ich mir das immer gewünscht.
    aber auch ansonsten - eine gute geschichte, die ich gern gelesen hab!

    31.12.2009, 12:57 von lavish
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      @lavish aber einmal hätte auch gelangt...

      31.12.2009, 13:03 von lavish
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    der letzte satz des textes ist meine persönliche quintessenz bzgl. meiner beziehung. so hab ich mir das immer gewünscht.
    aber auch ansonsten - eine gute geschichte, die ich gern gelesen hab!

    31.12.2009, 12:56 von lavish
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      @oceaneyes
      Sprachlich bin ich recht reaktionär. Dafür kann ich aber noch die alte deutsche Schrift lesen...

      31.12.2009, 16:50 von LudwigMartin
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      @LudwigMartin Ich kanns auch kaum glauben, dass du nur fünf Jahre älter bist als ich. Deinen Texten und Kommentaren nach hab ich immer gedacht, du wärst ein Sozialpädagoge von Mitte 40. ^^

      Die alte Schrift kann ich aber auch lesen, das hat nüscht zu sagen. :-D

      31.12.2009, 18:27 von Lenulitschka
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    "Wer durch Enttäuschungen gegangen ist, hat wieder neue Chancen auf ehrliche Liebe."

    Ehrliche Liebe? Liebe ist immer ehrlich. Nur die Menschen sind es meistens dabei nicht.

    Gut, sprachlich platziert sich der Text ansonsten irgendwo in den Top 5, inhaltlich lässt er mich mit einem Schulterzucken zurück.

    31.12.2009, 09:54 von frl_smilla
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      @frl_smilla
      Na, das ist ja wenigstens was. Dir etwas von Liebe zu erzählen, das Dich überzeugt und gleichzeitig bereichert, is ne Hammer-Aufgabe, der ich wohl nicht gewachsen bin.
      ;-)

      "auf eine neue Liebe" wäre wohl treffender gewesen, das stimmt. Weiß nicht mehr, wie ich auf "ehrliche Liebe" kam. Aber da der Text für mich einen individualhistorischen Wert hat, möchte ich daran nicht mehr herumkorrigieren, sondern mit den Ecken und Kanten, die er hat, einfach stehenlassen.

      31.12.2009, 16:29 von LudwigMartin
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    Der Gorilla prügelt alle Rivalen beharrlich von seinem Harem weg, die jeder-mit-jedem-Bonobos müssen sich da eher auf die kriegerischen Fähigkeiten ihres (flinken oder faulen) Erbmaterials der Spermienarmee verlassen.
    Das biologische Prinzip vom intravaginalen und extravaginalen Konkurrenzkampf in der Natur vollzieht sich natürlich auch beim Menschen. Die Mehrzahl aller höher entwickelten Arten pflegt polygame oder serielle Monogamien und die auch häufig unter Einschränkungen, Ausnahmen, Seitensprüngen. Nur das das eben im Angesicht unserer komplizierten Kultur unüberschaubare soziale Folgen nach sich zieht, die im übrigen Tierreich unbekannt sind. Das Triebprinzip vom Fortpflanzungserfolg bleibt sich überall gleich. Wer es liebesverblödet verrafft oder an die „Nächstenliebe“ abtritt, stirbt halt aus und der Nächste freut sich.


    Nachtrag am 31.12.2009 - 04:46 Uhr:
    ... pflegen Polygamie oder serielle Monogamie und auch die ...

    31.12.2009, 04:15 von mex.viviD.
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      @mex.viviD.
      Traurig.

      Biologismus macht unglücklicher als Idealismus. Denn "Glück" ist im Kopf angesiedelt und nicht in den Genen.

      Wer von denen, die ihre Gene weitergeben, ist deswegen glücklicher?

      ps: von Nächstenliebe ist in diesem Text nicht die Rede.

      03.01.2010, 01:44 von LudwigMartin
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