Varekes 30.11.-0001, 00:00 Uhr 134 247

Gleis 21 und das Herz in der Hand

Mein Goldfisch ist tot, du musst unbedingt kommen!

Mit losen Schnürsenkeln, hängender Zunge und fliegenden Fahnen stürme ich Gleis 21 und sehe nur noch Rückleuchten. Der letzte Zug in ihre Richtung fährt seelenruhig davon.
Verdammt, warum gibt es keine Schienentaxis?

Ich schnaufe wie ein alter Mann, mir läuft der Schweiß aus den Haaren und ich kann nicht glauben, dass ich vor weniger als zehn Minuten auf einem klapprigen Gartenstuhl saß, eine Flasche Bier in der Hand hielt und mit Tobias auf den Sieg der deutschen EM-Elf anstieß.
„Alter, willste nicht mal an dein Telefon gehen?“, fragte Henrik im Vorbeigehen.
Mein Handy lag zwischen der halbgeleerten Schüssel Schlammbowle und geplünderten Dip-Schälchen inmitten eines Erdnussflipsmassakers. Ich nahm es vorsichtig in die Hand, so, als könne es verletzt sein.
Vier Anrufe in Abwesenheit, drei davon von Anne, etwa im halbstündigen Abstand.
Anne. Ich muss den Namen nur lesen und mein Herz gerät aus dem Takt. Stolpert rückwärts und setzt dann zu einem wilden Spaßspurt Richtung Magen an.  Seit unserer ersten Begegnung ist das so, wenigstens habe ich es da zum ersten Mal ganz bewusst gemerkt.
Mögen tue ich sie schon viel länger. Sie schreibt tolle Mails, die ich auszugsweise Tobias zeige. Seine allererste Reaktion war: „Die ist viel zu krass unterwegs. Verrenn dich da mal in nix.“
Tobi ist einer meiner besten Freunde, aber hat weder von Frauen noch vom Verrennen eine Ahnung. Er steht auf Tussis, je blonder und jünger desto lieber. In die Mädchen, mit denen er Hand in Hand durch die Innenstadt spaziert, ist er nie auch nur im Ansatz verliebt. Alle drei Monate telefoniere ich mitten in der Nacht mit Sonja, Miriam oder Simone und höre seinen Verflossenen beim Schluchzen zu. Es kommt vor, dass eine von ihnen an einem verschlafenen Sonntagmittag Sturm bei mir schellt und mir die Schulter nass weint.  Jedes Mal, wenn ich Tobi davon berichte, grinst er blöd, knufft mich und fragt: „Hasste den Trost wenigstens flüssig gespendet?“
Ich knuffe dann zurück und schenke ihm einen kumpelhaften Spruch, aber mögen tue ich ihn in solchen Momenten nicht.

Dass mein Freund Anne für eine krumme Nummer hielt, war mir Bestätigung.
„Sieht die geil aus?“, wollte er wissen.  „Keine Ahnung.“, log ich und dachte dabei an Annes Gesicht, mit dem ich mich nächtelang ausgiebig beschäftigt hatte. Immer dann, wenn eine ihrer Mails viel zu früh auf „Gute Nacht“ geendet hatten und ich mich ihr so nah fühlte, dass ich mich noch nicht von ihr trennen konnte. Später, wenn ich im Bett lag und nicht einschlafen konnte, dachte ich an sie. Stellte mir vor, wie sie schlief, mit dem Gesicht zur Wand und dem Rücken zu ihrem Freund, der eine Hand auf ihrer Hüfte liegen hatte und nicht wusste, wovon sie träumte.
Mir erzählte sie davon. Zuerst wenige Male in der Woche, irgendwann jeden Tag. Wenn ich nach Hause kam, den Rechner einschaltete und keine Nachricht von ihr vorfand, fühlte ich mich ernüchtert. Einmal ließ sie mehrere Tage nichts von sich hören und machte mich damit knatschverrückt. Ich lag nachts wach, wälzte mich von Seite zu Seite und war irgendwann verzweifelt genug, in Gedanken an sie zu masturbieren, aus schierer Sehnsucht.
Am nächsten Tag schrieb ich ihr davon. Abends antwortete sie: “Bevor wir mit der Sucht anfangen, sollten wir uns sehen.“
Ich war dafür.

Tobias zog mich damit auf, dass ich zwei Tage vor unserem Treffen nichts mehr essen konnte.
„Wie du abgehst!“, flachste er und schüttelte lachend den Kopf, als er mich vor dem Hauptbahnhof aus seinem Auto ließ. Es war einer der ersten warmen Frühlingstage und ich trug Gänsehaut zu meinem T-Shirt. Ich solle nicht umfallen, witzelte er zur Verabschiedung und hatte keine Ahnung, wie knapp ich wirklich davor war.
Anne hatte mich gebeten, sie nicht vom Gleis abzuholen. Sie brauche immer ein paar Minuten, um sich zu sammeln, hatte sie geschrieben und dann wissen wollen, ob es auf dem Bahnhofsgelände eine Frittenbude - oder so - gäbe, vor der ich stehen und so tun könne, als wartete ich auf niemanden.
Genau dort stand ich, als Anne auf mich zugelaufen kam. Sie anzusehen traute ich mich erst, als sie vor mir stand, den Kopf leicht schief legte, umständlich Atem holte und dann kein Wort sagte. Es war ein Kussmoment und uns beiden war das bewusst. Ich wollte nicht zu forsch sein und sie ließ ihn verstreichen. Gefühlte Minuten vergingen, bevor ich endlich meine Sprache wiederfand. „Ich zittere am ganzen Körper.“ Sie sagte nichts, strich mir stattdessen kurz und verstohlen über den Unterarm, auf dem sich alle Härchen aufgestellt hatten.
„Lass uns schnell irgendwo hingehen, wo man sitzen kann und es Bier gibt“, sagte sie, „ich bin so aufgeregt, ich kann kaum sprechen.“
Wir setzten uns in Bewegung und ich musste mich darauf konzentrieren, einen Fuß vor den anderen zu tun und dabei das Atmen nicht zu vergessen. Wir überquerten drei Ampeln und alles, was mir durch den Kopf ging, war: Bei Rot stehenbleiben, bei Grün laufen.
So schlug ich mich tapfer etwa dreihundert Meter durch, dann hielt ich es nicht mehr aus, blieb jegliche Romantik missachtend vor einem überfüllten Mülleimer stehen und sagte so ruhig und tief wie möglich: „Anne?“
„Alex?“ „Ich glaub, ich muss dich unbedingt küssen.“
Sie wich drei Schritte zurück, lachte, lachte schief und noch mehr, schüttelte sich das Haar auf den Rücken und sagte: „Ich dich auch. Später. Unbedingt.“

Später, wir saßen draußen in einem Bistro, das abgelegen unter damals fast blühenden Kastanien liegt, erzählte sie mir dann beim zweiten von vielen Bieren, die wir an diesem Abend tranken, sie liebe Kussmomente.  Nur wäre ihr Mund dann gern mal eine Wüste und ihre Zunge Schmirgelpapier.
Ich war mutig genug, näher an sie heran zu rücken, ihr das Glas aus den kalten Händen zu nehmen und das zu tun, was unabwendbar war.
„Jetzt?“  Es war keine Frage, es klang nur so und ich wartete keine Antwort ab.
Der Kuss war eine Sensation. Er war einer dieser Art Küsse, die einem durch und durch gehen, bei denen man alles um sich herum vergisst. Einer von der Sorte, die man zwischendrin ganz kurz unterbricht, weil man lachen muss vor lauter Glück und Erleichterung und wieder Glück.
Wir lösten uns voneinander, um einen Schluck zu trinken, um einander anzusehen, ungläubig, verschmitzt und mit eindeutigen Absichten. Uns fehlten die Worte, aber das machte nichts. Wir hatten Besseres, leichter Verständliches.
So verging der Abend. Sie erzählte, ich küsste sie. Ich erzählte, sie küsste mich.
Irgendwann verließen wir das Bistro und schlenderten Hand in Hand durch meine Stadt. Alles war neu. Und alles Neue war plötzlich undenkbar ohne Anne.

Am Sonntagmittag ging das Telefon schon morgens.
„Und?“ Es war Tobi. Ich sprang aus dem Bett und lief leise in Richtung Küche.
„Was und?“
„Scheiße.“
„Scheiße was?“
„Sie war scheiße.“
Ich sagte nichts, wechselte das Telefon aufs andere Ohr.
„Oh, nein. Ist sie bei dir?“
„Ja.“
„Kann sie dich hören?“
„Nein.“
„Hast du sie geknallt?“ Schweigen.
„Oh, nein, Alex. Sag mir nicht, du bist verknallt. Du solltest doch ordentlich vögeln, bevor du dich verknallst.“
In diesem Moment kam Anne in die Küche. Völlig zerknautscht, aber wunderschön. Sie trug eins meiner alten T-Shirts, es ging ihr bis knapp über die Oberschenkel. Sie kratzte sich verschlafen am Hinterkopf und entblößte dabei zwei herrliche Zentimeter Haut.
„Alex?“
„Ja.“
„Mach keinen Scheiß.“
Ich unterbrach die Verbindung und hatte nur noch Augen für Anne. Sie beugte sich küssend über mich.
„Wer war das? Deine Freundin?“
Wir lachten, aber komisch war nichts.

Anne. Ich bin verliebt in ihren Namen, ich bin verliebt in sie.
Sie hat die schönsten Waden, die ich jemals gesehen habe. Sie ist so klug wie zehn andere Menschen zusammen. Sie sieht mich an und ich weiß nicht, wie mir geschieht. Sie könnte mit ihren Augen Städte entzünden. Ihr Mund ist so weich wie irgendwas.
Ich möchte die Welt mit ihr aus den Angeln heben. Wirklich. Ich möchte ihr alles erzählen, was ich weiß. Ich möchte ihr zuhören, bis ich grau bin. Die ganze romantische Kacke. Ich muss nicht mehr über sie wissen, als in diesem Moment. Sie ist, wie sie ist und genau so will ich sie.
Ich erzähle ihr von Tobias und seiner Oberflächlichkeit. Sie hört zu und sagt lange Zeit nichts. Wir liegen im Bett und sie streichelt meine Arme, küsst ab und zu meine Brust.
Anne. Anne ist freundlich. Und boshaft. Manchmal verstehe ich ihren Humor nicht. Sie zupft an meinen Brusthaaren, es tut weh und trotzdem möchte ich nicht, dass sie aufhört.
Wir schlafen nicht miteinander, obwohl wir beide eigentlich nichts anderes wollen. Sie erzählt von einem Leben, das schon viel länger dauert als meines. Sie erzählt von ihren Kindern, von Einschulungen und Konfetti, von Urlauben am Meer und dem Tod ihrer Mutter. Sie redet und redet und schaut mich ab und an mit fragenden Augen an. Wir trinken Kaffee, literweise, und gegen Nachmittag schläft sie trotzdem. Ich decke sie bis zum Hals zu, obwohl es gar nicht kalt ist, küsse ihre Stirn und sage ja.

Annes Freund. Sie hat mir ein Foto von ihm geschickt. Er sieht nett aus, wie einer, mit dem man um die Häuser ziehen kann. Ich kann nicht umhin, ihr das zu sagen. Sie ist hundertfünfzig Kilometer entfernt und weint leise ins Telefon.  Ich warte, bis sie wieder bei Stimme ist.
„Es gibt Menschen“, sagt sie, „die verpassen sich knapp. Das ändert aber nichts.“
Ich würde das nicht zulassen, denke ich. Gestern vielleicht, aber nicht heute. Und in hundert Jahren nicht.
„Warum sagst du nichts?“
„Weil es nichts zu sagen gibt.“

Es vergingen Wochen, ohne dass wir uns trafen oder telefonierten. Wir schrieben nur.
Sie wolle mich so gern lieben, schrieb sie. Darauf erwiderte ich nichts. Ich schrieb, es verginge keine Minute, in der ich nicht an sie dächte.  Darauf schwieg sie. Tage. Wochen.
Tobias machte mich auf jeden Rock aufmerksam, unter dem zwei Beine gingen.
„Deine olle Schnepfe ist alt und verbraucht“, meinte er, „mach die Augen auf und heul der nicht hinterher.“
Ich sagte nichts, knuffte ihn nur.
Es wurde Mai, es wurde Juni. Es kam eine Angela, die sich für mich interessierte. Tobi gab ihr meine Handynummer und es verging kaum ein Abend, an dem sie mich nicht behelligte.
HDG. HDL. HDSL. Ich konnte nicht mal darüber lachen. Anne hätte das gekonnt.

Erdnussflipsmassaker. Anne! Ich hätte vor Freude am liebsten laut geschrien.
Ich ging vom Trubel weg und wählte ihre Nummer.
„Hi.“
„Hi.“
Anne: „Mein Goldfisch ist tot. Du musst unbedingt kommen!“
„Du hast gar keinen Goldfisch.“
„Aber wenn ich einen hätte, wäre er tot.“
„Gibt es an deinem Bahnhof eine Frittenbude?“
„Nimm den nächsten Zug.“

Manchmal verpassen Menschen Menschen. Manchmal verpassen Menschen Züge oder Züge verpassen Menschen. Manchmal gibt es keine Taxis. Manchmal muss man einfach nur geduldig sein, Schnürsenkel offen, Lunge tot.
Gleis 21 und das Herz in der Hand.

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134 Antworten

Kommentare

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  • 0

    ... Herz in der Hand. Geschichten aus dem Leben sind die unglaublichsten und schönsten. Danke für einen weiteren Beweis :)

    17.06.2014, 23:21 von MS_Robinson
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  • 0

    Dein Text hat mir diesen miesen Tag versüßt. Vielen Dank! :)

    15.06.2014, 21:56 von xerox
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  • 0

    Geschichten, die das Leben prägen.
    Danke dafür!

    16.02.2014, 21:13 von Kompass_des_Herzens
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Tak!!! <3
    Durch so einen Text wird die Hoffnung glücklich.

    15.11.2013, 19:52 von Miss_Lilli
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  • 1

    Boah, haut mich um. Nicht nur aber auch, weil ich mich gerade in so einer Situation befinde.

    „Es gibt Menschen“, sagt sie, „die verpassen sich knapp. Das ändert aber nichts.“

    28.06.2013, 22:23 von Gluecklich_meistens
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  • 0

    Unglaublich gut, wirklich. Finde gar keine Worte, aber der Text berührt mich verdammt doll!

    19.06.2013, 21:24 von Urmeli
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  • 0

    krass. dein text hat mich zum heulen gebracht. das heißt, deine worte haben irgendwas in mir verdammt genau getroffen. ich bin fasziniert. schön, sowas zu lesen! der letzte absatz gefällt mir am allerbesten. 

    19.06.2013, 21:02 von zuckernase
    • 0

      Mir auch! =)

      15.11.2013, 19:50 von Miss_Lilli
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  • 0

    ! ...... keine Worte.

    13.04.2013, 20:03 von salamandarinchen
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  • 0

    Ich hab selten etwas besseres gelesen

    03.04.2013, 21:17 von wortverliebt.a
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