Glas.
Draußen fällt der Regen,drinnen fallen wir.
Ich lege meine Hand an die kalte Scheibe,übe ein wenig
Druck aus. Die Regentropfen ziehen ihre Spuren am Glas. Ich sehne
mich nach der Kälte,lehne meine Stirn dagegen. Ich möchte raus aus
diesem Raum,raus aus dieser Situation,weg von dir. Dein Blick bohrt
sich in meinen Rücken,du wartest auf eine Antwort. Doch ich bleibe
stumm. Weil ich nicht weiß,was ich sagen soll. Mal wieder. Die
Stille erdrückt mich. Engt mich ein. Ich liebe die Stille. Aber
nicht diese,nicht deine. Du wartest immernoch. Ein Seufzer entweicht
mir. „Ich weiß nicht“,flüstere ich mit geschlossenen Augen. Ich
komme mir so schwach vor. Das hast du nicht verdient. Ich hebe meinen
Kopf,lasse meine Hand sinken. Dort wo sie eben noch lag,bleibt ein
Abdruck zurück. Meine Wärme,ihre Kälte. Oder vielleicht andersrum.
Ich drehe mich zu dir um. Du sitzt auf
dem Boden. Neben dir die unzähligen Flaschen. Deine Arme auf den
Knien gestützt. Du hast Schwierigkeiten den Kopf oben zu halten.
Aber genug Kraft um mich anzustarren. Unter deinen dunklen Wimpern
sehe ich diese braunen Augen,die ich so mag. Dein Blick ist
verschleiert,leer,hasserfüllt. Hilflos erwidere ich ihn. „Ich
wollte das nicht,das weißt du. Ich habe versucht alles zu geben.
Aber du kennst mich. Ich kann das nicht.“ Du schließt deine
Augen,unterbrichst den Augenkontakt. Ich atme erleichtert auf.
Plötzlich verzieht sich dein Mund zu einem Grinsen. Schonbald lachst
du. Ungehemmt. Unheimlich. „Du kannst das nicht.“,wiederholst du meine Worte lachend. Ich zittere. Am ganzen Körper. Instinktiv
schlinge ich meine Arme um mich. Ich habe Angst. Vor dir. Doch
anstatt die Augen zu schließen,beobachte ich jede deiner Regungen.
Sehe wie deine Arme zur Seite fallen,wie du die Augen wieder öffnest
und aufhörst zu lachen. Du versuchst aufzustehen. Stützt dich an
der Wand ab,weil du schon betrunken bist. Leise Panik steigt in mir
auf. Ich muss hier weg,solange ich noch kann. Solange du noch nicht
stehst. Doch es ist schon zu spät. Mit unsicheren,langsamen
Schritten kommst du auf mich zu. Ich weiche zurück,presse mich gegen
die Wand und starre dich an. „Hör auf. Hör auf damit.“,rufe ich
mit unverhohlener Panik. Du hörst nicht auf mich. Plötzlich bist du
mir ganz nah. Um nicht das Gleichgewicht zu verlieren,stemmst du
deine Hände neben meinen Kopf. Dein alkoholisierter Atem schlägt
mir ins Gesicht,mir wird übel. Dein eben noch so verschwommener
Blick ist klar. Ich sehe deine Wut,sehe deine Trauer. „Ich habe dich geliebt. Ich
habe dich begehrt. Du warst alles für mich,alles. Schon so lange
habe ich darauf gewartet,dass du es endlich siehst. Dass du endlich
mich siehst. Und es hat sich gelohnt. Du hast mich gesehen.“Du
lallst nicht. Wut verzerrt dein Gesicht. Das Gesicht,das ich so sehr
mag. „Und dann hast du mir mein Herz aus der Brust gerissen. Du
miese Schlampe. Ich habe dir alles gegeben,alles was ich war,aber es
reichte dir nicht. Du wolltest nicht mich,nein,du wolltest
jemanden,den deine Freundinnen mögen würden,du wolltest
jemanden,mit dem du vor anderen prahlen konntest. Du wolltest ein
Schoßhündchen.“ Ich kann deinem Blick nicht mehr standhalten,ich
schließe die Augen,doch die Tränen laufen unaufhaltsam meine Wangen
runter. „Hör auf“,flüstere ich. Aber das interessiert dich
nicht. Jetzt bist du an der Reihe. Jetzt ist deine Zeit. „Ich habe
dich geliebt. Du mich nie. Und du wirst auch nie lieben können.
Dafür bist du zu selbstverliebt,zu kalt,zu herzlos,zu dumm.“ Deine
Nähe bringt mich um. Ich
kriege keine Luft mehr,mein Schluchzen verwandelt sich in erstickte
Schreie,ich gleite an der Wand herunter bis ich auf dem kalten Boden
sitze. Du bist fertig mit mir. Lässt die Arme sinken,torkelst
unsicher zur Tür. Ich sehe das alles nicht,ich höre nur deine
dumpfen,schwerfälligen Schritte und das endgültige Geräusch als
die Tür zufällt. Der Raum ist kalt und verlassen. Dunkel und
bedrohlich. Das spärliche Licht,das durch das Fenster
fällt,präsentiert vorwurfsvoll das,was von mir noch übrig ist.
Schmerz beherrscht meinen Körper,da ist nichts anderes mehr. Ich bin
Glas. Dieses Glas. Kalt und gefühllos. Meine Tränen der Regen,der
Spuren zieht in meinem Gesicht. Ich bin nichts und alles zugleich.
Und doch weiß ich eines ganz genau.
Ich weiß es.
Ich liebe dich.






Kommentare
Schmerz.
12.02.2013, 20:31 von kleineMiranda