Girl
Es war ein Blick, den ich noch nicht kannte. Ich dachte ich kannte ihn auswendig, aber dieser Blick war neu. Fremd.
San Jose. Von allen nur Jose genannt und das wurde auch noch falsch ausgesprochen. San Jose ist die Hauptstadt von Costa Rica und die wenigsten Menschen sind Herr über die spanische Betonung oder Aussprache. Doch wirklich relevant in meiner Geschichte erscheint dies nicht.
Adam hat mir erzählt, der Mann, dem die Lounge hier gehört hat eine Tochter in Costa Rica. In San Jose. Wahrscheinlich war das seine Art sie nicht zu vergessen.
Für mich jedenfalls wurde das Jose zu einer unverzichtbaren Samstagabend-Beschäftigung. Dort begann ein neues Kapitel in dem Buch, das das Leben beschreibt und wenn ich damals gewusst hätte, dass dieses Kapitel bisher Geschriebene vollkommen in den Schatten stellt und ein vermutliches Ende in große Frage stellt, so hätte ich dem Autor nicht zugelassen dieses Kapitel in meinem Buch zu beginnen.
Aber ich war ahnungslos. Meine Euphorie an diesem Abend mit meiner Freundin, Mitstudentin und Nachbarin zu feiern, hielt sich sehr in Grenzen. Hinzu kam, dass ich wie jedes Monatsende in eine ziemlich leere Brieftasche blickte.
Und doch hatte es meine Freundin geschafft mich davon abzuhalten meinen Samstagabend vor einem miserablen Fernsehprogramm zu verbringen. Wäre dieses Mädchen in meinem Leben noch präsent, wäre ich ihr zu tiefstem Dank verpflichtet. Der Abend zeigte vorerst keinerlei Anzeichen das miserable Fernsehprogramm in den Schatten zu stellen und auch im Nachhinein kann ich mich an keine besonderen schicksalhaften Vorboten erinnern.
Wir verpassten wie immer um ein Haar die U-Bahn und fuhren wie immer schwarz ohne kontrolliert zu werden. Livia entdeckte wie immer jemanden den sie unter keine Umständen jetzt treffen wollte und wir nahmen einen Umweg in Kauf.
Doch dieser Abend war anders als immer. Ich habe ihn das allererste Mal gesehen. Adam. Und sofort stach er mir in Auge. Er war mit 3 anderen Männern hier und sie schienen eine Menge Spaß zu haben. Nach dieser ersten Entdeckung folgte direkt ein kurzes Vergessen und erst als alle mir bekannten Menschen wussten wie es mir heute geht und was ich so die letzte Woche Spannendes erlebte, kam es zum ersten Kontakt.
Ich versuchte gerade meine Wein- und Schreikrampf zu unterdrücken, da mir mein Leben zu dieser Zeit ziemlich ziellos vorkam und um meine spontane Lebensdepression nur noch zu untersteichen funktionierte nicht einmal diese Musikbox und ich musste auf meinen Song verzichten. Girl – die altbekannte und niemals zu oft gehörte Beatles Nummer.
„Sie ist kaputt.“ – „ Was?“ – „ Die Musikbox. Defekt, schon seit einer ganzen Weile. Keine Ahnung ob sie jemals funktionierte.“
Erst jetzt überblickte ich die Situation und konnte endlich, betört und perplex von meinem hübschen Gegenüber antworten. „ Danke. Habe ich nicht gewusst.“
Mehr viel mir auch gar nicht mehr ein und ich verfluchte meine Spontaneität, die mich gnadenlos im Stich lies. Wo immer sie sich auch jetzt aufhielt. Ich wollte sofort dort hin, stattdessen stand ich vor einer defekten Musikbox, die wohl nur als Assessoire diente, mit einem richtigen Froschprinzen, der mich angesprochen hatte und nun darauf wartete, dass ich den nächsten Schritt ging. Ich kann mich nicht mehr erinnern wie lange wir stumm und nervös vor der defekten Musikbox standen, nur, dass er in diesem Zeitraum ziemlich viel rauchte und Livia schließlich den tranceartigen Zustand ein Ende setzte.
„Hey da bist du ja. Können wir los? Ich bin todmüde!“ und schon wandte sie sich um zum gehen. Mein Blick fiel auf meinen versteckten Prinzen und er reagierte schneller als ich, „Na dann Gute Nacht, ich bin übrigens Adam.“ Und mit einem leicht angedeuteten Lächeln gab er mir seine Hand. „Nora. Danke, dir noch viel Spaß.“ Ohne mich noch einmal umzudrehen verließ ich die Disco und holte Livia ein. Denk ganzen Weg nach Hause dachte ich an Adam. Und daran, dass wir erhebliche Probleme hatten zu kommunizieren.
Meine Gedanken wurden teilweise von Livia unterbrochen, die mich eindringlich ihren Abend schilderte und meine Teilnahmslosigkeit, an ihrer Empörung ein halbes Jahr auf ihren Freund, der in Kanada ein Auslandssemester plante, verzichten zu müssen, schlichtweg ignorierte. „ In Kanada kann man gut Skifahren“ fiel ich ihr irgendwann ins Wort. Ein böser Fehler. „ Bitte was? Nora ? Hast du Drogen genommen? Mit diesem Typ an der Bar? Wer war das überhaupt?“ So, der Fragenkatalog war also eröffnet. „Ich habe weder Drogen genommen, noch irgendetwas mit dem Typen zu tun. Wir müssen aussteigen.“
Unsere Haltestelle rettete mich vor schwierigen fragen, da Livia nun damit beschäftigt war nicht glauben zu können, dass wir schon zuhause waren.
Es war wirklich anstrengen mit ihr allein. Ich hab sie kennen gelernt als ich vor 3 Jahren 2 Mitbewohnerinnen suchte und damit auch zwei Freundinnen fand. Livia studierte Jura und Hannah wohnte erst seit zwei Jahren bei uns, da sich die erste Mitbewohnerin als inkompetent und langweilig entpuppte. Hannah dagegen ist toll und der perfekte Ausgleich zu Livia, nur war sie gerade für 2 Wochen in Portugal.
Die nächsten Samstage brannte ich darauf ins Jose zu gehen, aber Adam lief mit nie wieder vor die Augen. Als ich schon den Gedanken in Erwägung zog, Livia hatte mit den Drogen doch nicht so Unrecht und mein Froschprinz blieb eine einmalige Erscheinung meines Nervensystems, kreuzten sich unsere Wege wieder. Es waren ungefähr fünf Wochen vergangen und ich war ganz und gar nicht darauf vorbereitet ihn zu treffen. Es war bereits Ende November und diesmal entdeckte ich ihn zuerst. Adam war die Überraschung sichtlich ins Gesicht geschrieben, ich sah ihn, rauchend mit einem Mädchen, das ziemlich jung aussah ins Gespräch vertieft. Als ich auf ihn zusteuerte, noch im Ungewissen was ich tun sollte, habe ich mein Ziel erreicht, erkannte er auch.
„ So sieht man sich wieder.“, war mein neuer und meiner Meinung nach nicht allzu schlechter Start. „Hi! Ja wir kennen uns vom Jose oder?“
Hallo? Er hatte mich angesprochen, war über eine halbe Stunde stumm nicht von meiner Seite gewichen und nach hatte nach meinem Namen gefragt – und jetzt bin ich ein kurzes Dejavue seiner langen Nächte?
Mein Lächeln verschwand schlagartig.
„Ja richtig, ist schon ein Weilchen her, da hast du mich angesprochen.“ Ich wollte das erstmal klarstellen… „Richtig, du bist Die, die dann eine Stunde ins Nichts starrte. Jetzt hab ich es wieder. Wie heißt du noch mal?“
Okay Gleichstand, aber die Lust auf Konversation verging mir. „Nora“ „Adam“ „Ich weiß“
Und mit diesen zwei Worten überließ ich ihn wieder seiner 15-jährigen Freundin und suchte meine Freunde. Paul erzählte mir einiges über Adam, er soll Sport studieren und 25 Jahre alt sein.
Wieder vergingen ein paar Wochen bevor ich Adam das nächste Mal sah.
„Vielleicht klappt es ja heute mit der Konversation. Lust an die Bar zu gehen und mit mir etwas zu trinken?“, stand er plötzlich neben mir. „Oh du erinnerst dich an mich?“
„Natürlich. Nora. Das Mädchen das die Musikbox nicht bedienen konnte.“ Entgegnete er mir mit einem Lächeln.
„Weil sie kaputt war.“ Und ich setzte an, an die Bar zu gehen. Ich weiß nicht mehr genau, wann ich in dieser Nacht nach Hause kam, ich weiß nur noch, dass ich mehr als glücklich war. Wahrscheinlich schwebte ich nach Hause.
Die nächsten Wochen lernte ich Adam richtig kennen, die nächsten Monate lernte ich ihn richtig lieben und die nächsten Jahre wuchs unsere Leidenschaft.
Er kam in mein Leben und ich blühte geradezu auf. Mein Frühling sozusagen.
Und so wurden wir ein Liebespaar. Wir reisten durch die halbe Welt, konnten zusammen lachen und weinen, schrieen uns an, liebten uns heftig, stritten uns bis zum Umfallen, rauchten Millionen von Zigaretten, träumten von einander und wussten, dass es das war von dem viele Menschen redeten, das pure Glück.
Das Blatt wendete sich schlagartig, als ich Adam bereits sechs Jahre liebte und mit ihm in einer kleinen aber wundervollen 3 Zimmerwohnung lebte.
Er kam nach Hause, alles schien wie eh und je, zog seine Jacke und Mütze aus, es war Ende November, schenkte sich die letzte Tasse Kaffee ein und während ich , aus Gewohnheit schon gar nicht mehr aufsah und darauf wartete bis er mir einen Kuss gab, setzte er sich neben mich, nahm mir mein Buch aus der Hand und sah mich an.
Es war ein Blick, den ich noch nicht kannte. Ich dachte ich kannte ihn auswendig, aber dieser Blick war neu. Fremd.
„Nora.“
Weiter kam er nicht, dann klingelte filmreif mein Handy und in der Stille des Moments zerstörte die Melodie, „Girl“ von den Beatles die Atmosphäre. Livia ruft an, las ich auf dem Display. Ich hob wie mechanisch ab. Hörte zu und legte auf, dann sah ich Adam an und sagte: „Es geht ihr nicht gut. Ich fahr zu ihr.“ Und nach einer kurzen Pause, in der ich Adam nicht in die Augen sehen konnte, fügte ich hinzu, „ Sie braucht mich.“
Keine 40 Sekunden später war ich in der Straßenbahn Richtung Livia. Ich konnte an gar nichts denken, ich wusste, dass Adam sich verändert hatte, er hatte sich im Laufe eines Tages verändert und den Adam, der mich liebte, den hatte ich verloren, dass war mir bewusst.
Was ihn veränderte oder wer werde ich wahrscheinlich nie herausfinden, denn als ich 4 Stunden später die Wohnung betrat, war er weg. Verschwunden. Er nahm alles mit was ihm gehörte, alles. Jedes einzelne Buch, jede CD, sogar seine Lieblingstasse.
Er war also jetzt verschwunden aus meinem Leben. Innerhalb 4 Stunden. Ein Fremder würde nicht erahnen, dass hier gestern noch jemand lebte.
Ich habe Adam niemals mehr gesehen und ich habe auch niemals versucht ihn zu suchen. Seine Freunde suchten mich auf, denn sie hatte er auch verlassen. Er hatte sein altes Leben verlassen. Wahrscheinlich gab es irgendwo ein Besseres.
Es dauerte sehr lange, wenn nicht sogar ewig lange, aber irgendwann wurde alles besser und ich begriff, dass auch ich bei Adams Verschwinden ein neues Leben bekam.
Dennoch erstarre ich jeden Mal innerlich wenn irgendwo das Lied „Girl“ gespielt wird und ich wage es nicht mich umzudrehen.



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Kommentare
ist das erlebtes oder ausgedachtes?
08.01.2009, 20:41 von Aloisiavielen dank!!!!!!
06.01.2009, 23:38 von Farfallinaavielleicht hat man manchmal mehr angst vor der konfrontation mit einer schmerzlichen wahrheit... die man meist ahnt... ausgesprochen wird sie jedoch erst wenn man jemanden findet.
vielleicht auch,weil man nie aufhört zu hoffen, dass man irgendwann gefunden wird.
woow!!bin gerade ein bisschen geschockt. ich weiß nicht, ob ich die geschichte schöner oder trauriger finden soll!warum hast du denn nie probiert, ihn zu suchen??
06.01.2009, 23:27 von tanz_der_molekueleweißt du denn nicht, wo adam hin ist? keine nachricht? nichts?
06.01.2009, 22:03 von sommersprosse.