MissLyra 18.05.2005, 12:20 Uhr 2 0

Gestohlenes Herz

Du warst anders, schon immer warst du so. Ich meine nicht dieses "anders sein" im Sinne von "anders als andere". Du warst anders - für mich. Wie ich.

Und dort stand ich nun. Vor mir das rauschende Meer, über mir die untergehende Sonne. Leiser Wind, das Schreien einer Möwe. Ich spürte den Sand unter meinen Füßen. Er brannte unter meinen Fußsohlen. Ich kniete mich hin und ließ ihn durch meine Hände rieseln. Als ich aufschaute, standst du neben mir. Ich fühlte mich plötzlich unwohl; da war so etwas fremdes in deinem Blick. Ich stand auf und sah in deine matt blauen Augen. Sie schimmerten leicht im warmen Licht der untergehenden Sonne. Eigentlich durfte ich nicht hier sein. Du auch nicht.
"Ich würde gerne so sein wie sie." Du sahst in den Himmel, zeigtest nach oben und hast gelächelt. "Wie die Vögel." Ich schaute dich an. Du warst anders, schon immer warst du so. Ich meine nicht dieses "anders sein" im Sinne von "anders als andere". Du warst anders - für mich. Wie ich. Wir standen lange einfach nur da, blickten zur untergehenden Sonne. Es wurde langsam dunkel. "Wir sollten zurück gehen.." Plötzlich nahmst du meine Hand und schautest mich an. Ich wich sofort zurück. Da war etwas in deinen Augen, was mir Angst machte. Sie waren so leer, so starr. Das passte nicht. Überhaupt nicht.

"Wir können ja wiederkommen.."

Ich sitze aufrecht in meinem Bett. Mein Herz pocht, als wolle es gleich aufhören zu schlagen. Meine Hände zittern und ich habe das Gefühl, als würde meine Lunge zerreißen. Wie in Trance reiße ich das Fenster auf, lasse frische Luft in das stickige Dachzimmer. Ich habe es noch nie gemocht. Besonders nicht in Nächten wie diesen. Langsam beruhigt sich mein Puls. Ich kann wieder atmen, mein Körper entspannt sich.
Ich bin wütend. So wütend, auf dich, auf mich, auf alle. Am liebsten würde ich etwas kaputt schlagen. Auf jemanden einschlagen. Aber du bist ja nicht da. Ich kann nicht wie früher aus dem Fenster klettern, zu dir rübergehen. Steine an dein Fenster werfen. In deine Arme fallen, wenn ich schlecht geträumt habe. Weil du einfach nicht mehr da bist.

Ich begegnete dir das erste mal in der Grundschule, da war ich fünf. Es ist nicht so, dass ich dich nicht mochte, ich habe dich einfach nur nicht wahrgenommen. Du warst niemand besonderes, konntest kein Rad schlagen, wolltest mir nicht die Sterne vom Himmel holen und hast mich morgens nicht begrüßt. Eigentlich hatte ich keine Ahnung wer du warst.
Nur als du irgendwann plötzlich weg warst, fehlte da etwas in meinem Herzen. Ein kleines Loch, nicht groß, es tat noch nichtmal weh. Es fühlte sich nur komisch an.

Später, da sah ich dich wieder. Du hattest dich nicht groß verändert. Dein Haar war noch genauso zottelig wie früher, und du hast immernoch dein linkes Auge so zusammengekniffen, dass sich deine Stirn gekräuselt hat. Wirklich aufgefallen bist du mir nie. Vielleicht lag es daran, dass du nichts besonderes warst. Nur anders.

"Sieh doch nur, dort vorne." Ich sprang durch die Luft und winkte ganz begeistert einem Segelflugzeug zu. Mit rudernden Armen rannte ich am Strand entlang und rief irgendwelche Worte, die er dort oben sicherlich sowieso nicht hören konnte. Du standest einfach nur da und hast mich beobachtet. Vielleicht hast du damals gedacht, ich wäre verrückt. Was ich auch bin. Anders eben.

Irgendwann fiel ich erschöpft in den Sand. Ich ließ mich nach hinten fallen und merkte erst dann, wie dunkel es schon war. Wir hätten längst zurück sein müssen. Als ich mich aufrichtete und mich umdrehte, warst du verschwunden. Ich habe dich nie wiedergesehen.

Jetzt stehe ich wiedereinmal hier, an meinem Fenster in dem viel zu stickigen Raum. Und mein Herz fühlt sich an, als würde es zerreißen. Dort ist nichts, gar nichts. Noch nichtmal das Loch in meinem Herzen. Ich fühle nichts. Noch nicht mal Wut. Ich wünschte, ich wäre tot. Damit der Schmerz aufhört, dass es nicht mehr so weh tut.
Und trotzdem kann ich dir nicht verzeihen. Dass du mich allein ließest. Mich im Stich gelassen hast. Dass du da warst.

Dabei liebte ich dich wohl, letztendlich doch.

(Für P.)

2 Antworten

Kommentare

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    Danke. Und leider ist sie wahr..

    01.06.2007, 17:07 von MissLyra
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    Deine Worte sind schön...aber die Geschichte ist traurig :(

    28.04.2007, 14:54 von Ori
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