derHalbstarke 30.11.-0001, 00:00 Uhr 4 5

Gestatten, Dicki Doof

Dies und sowieso, niemand liebt mich. Niemand!

Doch, doch das ist so. Das kann nur so sein, so gemein und niederträchtig man in letzter Zeit mit mir umgeht und ich möchte mit Nachdruck betonen, dass ich solch geballte Unliebe nicht verdient habe, aber dennoch dieser bitteren Tatsache ausgesetzt bin, nicht mehr geliebt zu werden. Das macht mich mehr als traurig. Ach, traurig ist noch verhalten gesagt. Das stürzt mich geradezu und derzeit besonders schmerzlich in schwerste Depressionen und wenn ich depressiv bin, brauche ich Seelenfutter und esse, was unser Kühlschrank hergibt und davon reichlich.

Nun würde mein Herzensmensch an dieser Stelle anmerken, dass ich dann wohl dauerdepressiv bin, so oft, wie ich unsere Lebensmittelvorräte scanne und ständig an etwas nuckele oder kaue. Mir persönlich ist das ganz ehrlich noch nie so aufgefallen und ich fände es auch ziemlich übertrieben, wenn man mir eine gewisse Verfressenheit unterstellen würde, ich meine, ein Mensch muss doch etwas essen und da ich auch zu dieser Spezies gehöre, esse ich also auch. Naja, ich erwähnte ja bereits, dass mich niemand mehr liebt. Und dieser mein Mensch des Herzens ganz sicher schon mal gar nicht mehr. Das muss, das kann nur so sein – auch wenn er mir erst vor ein paar Tagen mehr oder weniger das Leben rettete. Allerdings besteht hier meinerseits der betrübliche Verdacht, dass er eher seines retten wollte, so, wie er über mich gelacht hat, und so schlecht, wie er weder kochen, noch sich überhaupt selbst versorgen kann, also ohne mich verhungern würde. Die Sau.

Es ist offenbar so, dass ich nicht nur gerne allerlei Gutes zu verspeisen vermag, nein, seit einiger Zeit scheint es auch so, dass – natürlich nur, wenn genau hingeschaut würde – man dies inzwischen auch sieht. Also rein körperlich, also in Bezug der Linie und so. Meiner Linie, die oben bereits erwähnter Mensch in einem Anfall von ach so origineller Witzigkeit seinerseits mit einem Feixen namentlich als „Don Tonno“ zu betiteln pflegte – und jene Bezeichnung für mich seitdem gerne mal in die Runde wirft, also mich zärtlich und immer öfter so zu nennen, und das selbst im Beisein völlig fremder Menschen. Das ist nicht schön, wenn man, also ich, dann blöde grinsend von der Seite angegrinst wird, während man, also immer noch ich, bemüht ist, den keck verräterischen Bauch einzuziehen – und dabei teilnahmslos erhaben versucht, fragend erstaunt in die fremde Runde zu gucken, wer denn damit wohl gemeint sein könnte – und seinen charmanten Allerliebsten parallel in Gedanken filetiert. Schön langsam, versteht sich.

Nun ja, Herzensmensch und angebliche Liebe zu mir hin und „Don Tonno“ her – selbst in solchen angeblich nicht so gemeinten Gemeinheiten könnte ja doch das ein oder andere Körnchen Wahrheit stecken, dachte ich so bei mir – und da mein gelegentlicher Blick in den Spiegel eher verklärt angesichts meiner unglaublichen Attraktivität, also subjektiv, zu sein scheint – mach ich mal die Probe am Körper selbst, dachte ich so bei mir – griff in die hinterste Ecke meines Kleiderschrankes und lupfte meine Lieblingsjeans Marke Levis 501 hervor und sprang freudig hinein in das gut erhaltene Stück Stoff meiner Sturm und Drangzeit.

Ich sprang, und blieb auf halber Strecke stecken.

Das war jetzt etwas unangenehm. Für mich und die Hose. Leichtgläubig sprich doof, aber ebenso tapfer und ehrgeizig wie ich sein kann, gab ich nicht auf – und zupfte und zerrte an jener Jeans, keuchte und ächzte mit hochroter Birne nebst Schweißperlen auf selbiger – und schaffte es tatsächlich, den Hosenbund bis in unmittelbare Schrittnähe und äußerster Gewaltbereitschaft meinerseits zu positionieren. Dann ging gar nix mehr. Auch nicht „Kommando zurück“. Ich starrte fassungslos und wimmernd in den Spiegel – da stand ich völlig hilflos und x-beinig mit Jeans auf Halbmast, die mir das Blut aus den Beinen und zielgerade in den Kopf presste. Das war mein Ende. Ich dickes Ferkel sollte, falls ich die Nummer jetzt überlebe, künftig weniger verklärt in den Spiegel schauen, bevor ich jemals wieder auch nur auf den absurden Gedanken kommen sollte, Aktionen wie diese starten zu wollen.

Weiter nach Luft japsend, und langsam ob der besonderen Umstände kreislaufschwächelnd, wimmerte ich kläglich nach jenem, der sich bei jeder Gelegenheit so fies ungehörig über meine Körperfülle lustig zu machen gedachte – in der Hoffnung, auf seine Hilfe und ohne meine arge Situation lustig zu finden. Nun, dies alles ist wie erwähnt bereits ein paar Tage her, sein schallendes Lachen schmerzt allerdings immer noch in meinen zart-sensiblen Ohren. Da stand ich also immer noch einer Presswurst gleich vor ihm, und er hatte erstmal nichts besseres zu tun, als mich auszulachen und das nicht zu knapp. Und als ob dies nun wirklich nicht schändlichst genug für einer meiner war, eingepresst und verzweifelt – meinte mein ach so goldig herziges Liebelein nicht mehr laut lachend aber um so feixender, den „Don Tonno“ gegen ein lapidares Etwas einzutauschen, was mir den letzten japsenden Rest Luft aus der Buxe entpfeifen ließ oder so:

„Dicki Doof“?

Sagte ich schon, dass mich keiner liebt? Gut, um das ohne weitere Peinlichkeit abzuschließen verhielt es sich dann letztlich so, dass er mit der Schere ran musste und ich meine ehemals so geliebte 501 ohne eines weiteren Blickes aber mit tiefster Abscheu in die Tonne kloppte.

Gerade von dieser schmachigen Schande ein wenig erholt, und mit dem Gedanken anzufreunden beginnend, doch wieder etwas für/gegen? meine offenbar aus der Contenance geratenen „Linie“ zu tun, kam vergangenen Sonntag meine über alles geliebte Schwester kurz auf einen Kaffee plus selbstgebackenem Schokocremetörtchen vorbei – um mich beim Öffnen der Tür mit einem taxierenden Blick von unten nach oben und zurück nebst einer wörtlich trockenen Feststellung ihrerseits zu begrüßen, die mir, gepaart mit einem erneuten und schon weiter oben angemerkten schallenden Lachen meines „Partners“, endgültig die Gewissheit verschaffte, völlig ungeliebt zu sein:

„Na, Bruderherz, du hast deinen Pipiwutz aber auch schon länger nicht mehr gesehen, woll?!“

„Pipiwutz!?“

„Dicki Doof?!?“

Herzensmensch? Schwester? Ich sag’s ja, niemand, aber auch niemand liebt mich mehr.

Niemand!


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4 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Herrlich... und mit so vielen wahren Worten ;) Damals, in jungen Jahren, konnte ich essen und naschen, so viel ich wollte, und blieb ein Strich in der Landschaft. Kaum schaut man über die 30, setzt sich alles beinhart (oder mehr schwabbelig wellig) fest und verweigert jeglichen Abzug. Nix mehr mit Schoki und Salamistullen, sondern low-carb  und Bauch-Beine-Po Gymnastik ;(. *seufz* 

    Aber...ich bin damit nicht allein, ein kleiner Trost ;)

    24.11.2012, 12:44 von seiduselbst
    • 0

      Gut, dass man nicht alleine leiden muss! ;-)))

      24.11.2012, 13:29 von derHalbstarke
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  • 1

    Tschuldigung, aber ich musste herzhaft lachen.


    gez. BMI 19 

    22.11.2012, 21:58 von jetsam
    • 1

      Frechheit! ^^

      22.11.2012, 21:59 von derHalbstarke
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