Geschmack der Vernunft
"Der beste Weg über eine Frau hinwegzukommen, ist über sie zu schreiben", sagte ein Schriftsteller. Ein Versuch.
Ein IKEA-Bett in einem Einfamilienhaus. Weiße, frische Bettwäsche, zwei Decken. Ein Junge und ein Mädchen. Ruhig lag sie in seinem Arm, die Augen geschlossen, ein leichtes Lächeln auf den Lippen. Tiefe, regelmäßige Atemzüge. Er genoss ihre Nähe und die Wärme, beobachtete ihre feinen Züge, spürte und wertschätzte die Berührung ihrer Hände auf seiner Seite. Er hatte ihre Hände immer gemocht, und sie war sehr schön. Sie schwiegen gemeinsam, bis sie sich schließlich regte. Die Bewegung war wie ein Donnerknall in dieser Atmosphäre. Eine belegte Stimme: "Ich bin müde, ich möchte schlafen... Gute Nacht." Sie gab ihm einen Kuss und drehte sich auf die Seite, ihm abgewandt. Er lag da, mit pochendem Herzen, noch mit dem Eindruck ihrer Berührung auf der Haut, und er hatte es schon wieder nicht übers Herz gebracht, und er wusste, dass er es tun musste. Noch heute Abend. Was war so schwer daran? War es, weil er keine schlafenden Hunde wecken wollte, Angst hatte vor der Antwort? Der innere Kampf setzte sich fort. Herzklopfen. Sie musste es auch spüren. "Was wird eigentlich aus uns, wenn du... wenn du gehst? Also, bleiben wir zusammen? Oder willst du frei sein? Wie machen wir das?"
Stille, für einen Moment. Dann, eine Regung. Sie drehte sich langsam wieder zu ihm. "Ich denke, dass es sehr schwer wird, über diese Entfernung auf Dauer zusammenzubleiben." - "Ja, das denke ich auch." - "Lass uns einfach schauen, wie es sich entwickelt. So wie es wird, wird es eben. Kann man nichts machen." Wir sind nicht dafür geschaffen, uns zu belügen. Noch ein Kuss, wieder in die Seitenlage. Ihr Geschmack lag auf seinen Lippen, ein Geschmack, den er von Anfang an geliebt hatte. Er schmiegte sich an sie, solange er sie noch hatte. Jetzt wusste er, was es war. Es waren nicht die schlafenden Hunde. Ihre Antwort war vernünftig, und er war durchaus ein rationaler Mensch, der verstand, was sie meinte. Aber das, was ihn so traurig machte, war nicht die Antwort an sich - es war die Leichtigkeit, ja fast Gleichgültigkeit, mit der sie sie vortrug. Keine Spur von pochendem Herzen oder sorgenvollen Blicken, nur diese unerträglich vernünftige Antwort, der Kuss und das Wegdrehen. Ja, so würde auch der Abschied vonstatten gehen. Die Vernunft, der Kuss, und das Wegdrehen. Und sie würde nichts bedauern, denn sie will es genau so, das ist keine Entscheidung, bei der sie sich nicht im klaren ist, was sie tut. Es stand von Anfang an fest, dass es so kommen würde, aber zuerst war es nur ein "irgendwann", und dann ein "in ein paar Monaten". Jetzt war mit der Wucht eines Vierzigtonners ein "bald" daraus geworden, und mit ihm ein "kann man nichts machen", vielen Dank, der nächste bitte.
Als er erwachte, war sie bereits im Begriff zu gehen. "Oh, du bist wach. Ich wollte dich nicht wecken." Sie hatte immer viel zu tun. Eine Verabschiedung, ein Kuss, das Geräusch einer Tür. Ja, vielleicht war er endlich wach, aber vermutlich schlief er noch immer und wartete darauf, von ihr aus seinen Träumereien geweckt zu werden. Sie war soweit er das beurteilen konnte nie besonders verrückt nach ihm gewesen - vielleicht war er auch nur illusioniert durch amerikanische Serien, aber er war immer etwas im Zweifel, ob es "normal" war, wie sie sich verhielt, auch wenn er das nie zugeben würde. Die kleinen Dinge des Lebens, wie das Menschen nennen, die beschlossen haben, jetzt endlich glücklich sein zu müssen. Das Wegdrehen, die Vernunft, die Tür, die zwei Decken. Er dachte nach. Schlief ein.
Wachte auf. Gedanken drehen sich im Kreis, die Schlange beißt sich in den Schwanz. Er roch an seinen Händen. Er befeuchtete seine Lippen. Der Geschmack war immer noch da. Er vermisste sie. Ihm kam ein Gedanke. Vielleicht war dieser Geschmack, oder auch Geruch, denn auch seine Hände rochen nach dem "Geschmack", vielleicht war es ja gar nicht ihr Geschmack. Vielleicht war es ja nur sein eigener, den er so zu schätzen gelernt hatte. Machen wir uns nichts vor, es ist gut, vernünftig zu sein. Sie wird gehen, und er wird bleiben.



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Kommentare
Bei der Stelle mit der Schlange und dem Schwanz hab ich ja noch gehofft.
08.05.2010, 20:33 von quatzatDieses Er und Sie Gegurke, wenn doch eigentlich ICH ICH ICH und die blöde Schlampe gemeint ist, nervt einfach nur.
Spreu drosch den Weizen kaputt.
08.05.2010, 19:50 von frl_smillaMit Phrasen.
Klingt wie das Gefühl, vor dem ich immer Angst hatte und haben werde. Das Gefühl, einfach so stehen gelassen zu werden, ganz egal ob eine Person nun geht, oder bleibt wo sie ist. Gleichgültigkeit zu erfahren, tut wahrscheinlich noch mehr weh, als sich einzugestehen, dass man selbst, wenn man rational denkend ist, früher oder später an den Punkt kommt, an dem das Herz als Retter in der Not eingreifen will, aber vom Kopf einfach von der Klippe gestoßen wird.
08.05.2010, 18:54 von kalter_sommerEs sollte immernoch strickt bedacht werden, dass der Mensch ein so famoses und nicht ganz zu erklärendes Wesen ist, dass es sich einfach nicht mehr lohnt in seiner Rationalität zu versauern, dass es sich immer einmal mehr lohnt aus vollen Herzen zu Trauern, Schmerzen zu erleiden oder seiner Liebe freien Lauf zu lassen. Dass es sich einmal mehr lohnt, auch über das Morgen nachzudenken und nicht immer nur im Hier und Jetzt zu leben, wenn man fühlt und nicht denkt - schließlich sollte man die Gefühle möglicherweise solange erhalten, wie es funktioniert und dann den Herzschalter auf Trauern umstellen.
Ich mag deinen Text, aber sein Thema nicht, vor dem ich mich schon immer gefürchtet habe.
<3.
@kalter_sommer dass es sich immer einmal mehr lohnt aus vollen Herzen zu Trauern, Schmerzen zu erleiden oder seiner Liebe freien Lauf zu lassen.
08.05.2010, 19:36 von ilikeloudcoloursGanz groß.