rolfradolfski 16.05.2010, 20:18 Uhr 8 9

Geschichte vom traurigen Sonntag

Ich finde sie im Morgenlicht auf dem Boden sitzend.

Zwischen ihren blassen Beinen liegt die Fernbedienung, in der Hand hält sie ein belegtes Brot. Senf quillt zwischen den Brotscheiben hervor und benetzt die Stelle über ihrem Mund. Sie sieht aus wie ein kleines Tier, das man unter einem Stein findet. Etwas, das die Dunkelheit gewohnt ist und schlagartig mit der Realität konfrontiert wird. Dieses Bild von ihr habe ich oft im Kopf. Ein Tier der Dunkelheit. Sobald man den Stein lüftet hat sie schon einen anderen gefunden unter dem sie sich verkriechen kann.
Als ich näher trete sieht sie mich nicht an, hält ihre Augen auf die flackernden Fernsehbilder gerichtet. Werbepause auf Pro7. Der Ton ist stumm geschaltet. An ihren Bewegungen erkenne ich, dass sie mich kommen hört. Jede Kontraktion ihrer Muskeln, ein vertrauter Tanz. Ihr ruhiges Atmen, der Puls der Zeit. Ihr Atmen ist wie eine alte Uhr an der Wand, deren Ticken man plötzlich wahrnimmt. Und man fürchtet, dass dieses Ticken nichts mit der eigenen Lebenszeit zu tun hat. Ein immer gleicher Rhythmus, der noch da ist, wenn man den Raum schon lange verlassen hat.
Ich setzte mich auf den Boden und halte ihre kalte Wade.
„Schalte doch den Ton ein.“
„Ich wollte dich nicht wecken. Außerdem kommt nichts.“
„Ich denke, ich mache Frühstück oder wir gehen in das kleine Cafe um die Ecke, was sagst du?“
„Ich habe schon gegessen und es regnet.“
Durch das geöffnete Fenster hört man den Straßenlärm, den die regennasse Straße verstärkt.
„Was ist dann dein Plan für den Tag“, frage ich.
„Ich weiß nicht. Der Regen macht mich fertig und ich habe so schlecht geschlafen. Vielleicht gehe ich zu mir nach hause und lege mich ein bisschen hin.
Dein Handy hat heute Nacht zwei Mal geklingelt und du bist nicht ran gegangen.“

Ihr Haar riecht nach Zigarettenrauch. An Wochentagen riecht es nach frischer Luft und Zitrone. Sie hat ihr Brot nicht fertig gegessen. Es liegt neben ihren nackten Füßen, neben der Fernbedienung. Ich sehe sie an, sehe den Senf und denke an unseren ersten Kuss; eine Entscheidung, die sie treffen konnte. Ein Weg, den sie ging ohne sich hinterher zu vergewissern, dass alle Spuren verwischt sind.
Ich wische mit einem Finger den Senf in ihrem Gesicht weg. Ihre Oberlippe bewegt sich mit dem Druck meines Fingers und die Bewegung ihrer Lippen erstarrt in mir zu einem Bild. Ein Bild, das mich traurig macht. Die Schutzlosigkeit ihrer Anteilslosigkeit, mit einem Fingerstreich zerbrochen. Eine einzige Berührung, die schmerzt.

Sie steht ruckartig auf, geht ein paar Schritte und starrt aus dem Fenster. Ihr verrutschter Slip hat einen roten Strich auf ihrer Haut hinterlassen. Ihr Haar steckt unter einem schwarzen Halstuch. Sie streicht es mit einem Schwung über ihre Schultern.
„Es regnet aber es ist so hell draußen. Warum nur ist es hier drinnen so dunkel?“
„Du könntest das Licht einschalten.“
„Ja, das könnte ich. Aber es wäre nicht echt.“"Wichtige Links zu diesem Text"
Lied vom traurigen Sonntag

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8 Antworten

Kommentare

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    eigentlich gefallen mir nur die letzten zwei zeilen. du hast alles in diese beiden gesteckt, aber sie sind nicht so wirklich vorbereitet. trotzdem, das bild mit dem licht ist wunderschön.

    21.06.2010, 14:41 von Pik.dame
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    als ich dachte, ich habe den text kapiert und verstanden, was er sagen ausdrücken will, hab ich plötzlich gar nichts mehr verstanden. -> hm.
    melancholisch, aber nicht schlecht.
    wie gesagt: ich versteh nur nicht ganz, was mir der taxt zeigen will...

    19.05.2010, 20:38 von frau_wachsmalstift
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    „Du könntest das Licht einschalten.“
    „Ja, das könnte ich. Aber es wäre nicht echt.“


    Und wie gehts dann weiter?

    19.05.2010, 01:07 von summmer
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    ich schwimme mit dem strom und sage "hmm."

    keine ahnung. die stelle mit dem brot un dem stummen fernseher find ick gut. da kann ich mich reinfühlen.

    aber es ist so, als müsste noch was kommen, als fehle etwas.

    weiß nich...

    17.05.2010, 11:16 von Icke_un_du_ooch
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    gloomy sunday?

    und dann auch noch die billie-version?

    passt null zum text, finde ich.
    aber ich hab' auch sofort den film dann im kopf.
    mismatch sozusagen.


    Viele Erzählstränge führen ins Nichts, sind aber zu konkret angelegt, um einfach nur die Stimmung zu transportieren.
    Ich weiß jetzt auch nicht. Vielleicht komme ich später nochmal vorbei...

    17.05.2010, 09:31 von frl_smilla
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      @frl_smilla Ja, Song passt nicht, ist mir aber pumpe.

      Der Text ist ok, das mit den Erzaehlstraengen versteh ich nicht, Smilli. Nur die Erwaehnung von Jasmin will mir nicht wirklich einleuchten. Falls das irgendwie eine Begruendung sein soll - ich haette es weggelassen.

      Die lethargisch-verschlossene Schwachfrau mit ihrem co-abhaengigen Protagonisten. Find ich super eingefangen.

      Nur bei der Sprache stolper ich ab und an (Anteilslosigkeit usw.).

      17.05.2010, 09:57 von quatzat
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  • 0

    Ich nich so Dein Ding, Lenu?

    Fast wie surecamp.

    17.05.2010, 00:32 von Steifschulz
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      @Steifschulz Ich weiß nich... wollte klarmachen, dass ich nich weiß, was ich sagen soll. Einfach nix drunterschreiben is ja ooch doof. ^^

      17.05.2010, 01:00 von Lenulitschka
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      @Lenulitschka Mir ist auch so nach „hmm“.
      Wenn ich mich nun in dieses Bild setze als Leser gibt es zwei Reaktionen: Erstens: Beschäftige die Protagonistin, nutze die Zeit für Gemeinsamkeit. Zweitens: Sie mag sich nicht aus ihrer Stimmung holen lassen, alles Liebesmüh vergebens ? Sie will weg ? O.k., hey und ein ganzer Tag Zeit zur Verfügung ? Fein. 1 mal lüften, dann Fenster Vorhänge zu, weg mit dem Wetter da draußen, PC an und meinem Hobby, dem Spielen, frönen. Dann wieder zu bett gehen und Montag wieder zur Arbeit, verflixt, kann es nicht mehrere Sonntage hintereinander geben ? Die vergehen immer so schnell.

      Allerdings werde ich mit meinen Reaktionen dem Text nicht gerecht, der eine Stimmung transportieren will (auf die einzugehen wäre), die ich mit meinen beschriebenen Reaktionen vertreiben würde.
      Darum ist vielleicht ein halbherziges ‚sorry’ an den Autor und ein doch ein „hmm“ als Kommentar angebracht.

      17.05.2010, 09:26 von Cyro
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    Hmm.....

    17.05.2010, 00:21 von Lenulitschka
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