schriftstehler 30.11.-0001, 00:00 Uhr 79 79

Genau genommen niemand

Genau genommen machen wir gar nichts und wundern uns, dass nichts passiert.

Genau genommen wusstest du es vorher. Ich auch. Deswegen sitzen wir jetzt ja auch hier und schweigen, weil es genau genommen gar nichts mehr zu sagen gibt. Es ist eine diese widerwärtig zerfahrenen Situationen, die in Filmen schon qualvoll sind, weil jeder denkt: »Mensch, nun macht doch mal irgendwas, das Leben geht doch weiter.« Aber wir machen nichts, das Leben geht auch nicht weiter. Nicht hier zumindest, während wir hier sitzen und jeder sein eigenes Loch in den Boden stiert, in das er sich irgendwann stürzen will.

Wo ist der Gewinner, frage ich mich, wer von uns beiden wird weniger leiden und früher wieder aufstehen, dem anderen auf die Schulter klopfen und sagen, dass doch alles gut sei? Ich bin immer fest davon überzeugt, dass ich es bin, das muss ich sein, ich bin ein depressiver Optimist. Eine ungewöhnliche Mischung, natürlich, aber deswegen klappt es auch nicht mit mir. Und mit anderen. Und mit den Verbindungen dazwischen. Ich weiß, dass nichts gut und glücklich endet, aber ich hoffe, dass ich mich irre. Depressiver Optimismus. Deswegen war mir vorher klar, dass das mit uns nichts wird. Und ich frage mich, wie es bei dir ist.

Genau genommen kenne ich dich nach all den Tagen des Zusammenlebens viel zu wenig, um mir bei dir in irgendeiner Form sicher zu sein. Deine gute Laune, die war prägend, ja, sie war allgegenwärtig, ebenso wie deine Naivität. Ich mochte und mag das alles, weil es für mich fremd und zugleich wundervoll war und ist. Ich mochte jeden Quadratmillimeter deiner Äußerungen über Politik, die doch mit dem Thema nie etwas zu tun hatten, wohl aber mit den Menschen. Ich mochte die Unterschiede und ich war mir sicher, dass sie uns entzweien würden, wenn die Reibung nicht mehr genug Feuer produzieren konnte. Was ich an dir nicht mochte, kann ich nicht sagen. Vielleicht, weil du mich nie wirklich interessiert hast, sondern nur die Ablenkung, die du botest.

Ablenkung. Ich soll dich nur benutzt haben. Das denke ich? Ein unschöner Gedankengang, ich verwerfe ihn nicht weit genug, treffe Sekunden später wieder auf ihn. Genau genommen bin ich an allem Schuld, aber das kannst du nicht wissen. Ich wusste es vorher, deswegen sitzen wir hier und schweigen. Ich, weil ich mich schütze, du, weil du gar nicht weißt, was hier los ist. Genau genommen hattest du nie einen Schimmer von dem, wer und was ich bin, aber du fandest mich geheimnisvoll und das hat dir gereicht. Und dir gefiel, was ich machte und mache, weil es dir fremd und zugleich wundervoll erschien.

So hat jeder seine Visionen von etwas gehabt, das es niemals gab, aber hätte geben können. Genau genommen kann unter diesen Voraussetzungen jeder Traum Wirklichkeit werden. Mein Traum von Ruhe und Frieden erfüllt sich zum Beispiel in diesen Minuten, in denen wir hier schweigen und auf das Mitleid des anderen warten oder darauf hoffen, dass es vielleicht nicht so schlimm ist, wie wir dachten. Genau genommen machen wir gar nichts und wundern uns, dass nichts passiert. Und wir tun es seit Tagen, weil es ganz normal ist, wenn es so ist und weil Gewohnheit genau das Nest ist, das wir wollten. Nur eben ganz anders, als es jetzt der Fall ist. Genau genommen wissen wir das, aber wer will schon wissen, was wir tun könnten, wenn wir Löcher haben, in die wir uns stürzen können.

Ich werde dir den Vortritt lassen, ich habe keine Lust, zu gehen, während das Leben stillsteht. Irgendwann wirst du wissen, worum es hier geht, es mir erklären und sagen, ich solle mal darüber nachdenken. Genau genommen mache ich das gerade und bin dir zumindest in diesem Punkt voraus, aber wen interessiert das schon. Nicht mal uns beide.  

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Kommentare

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  • 1

    Astrein!

    16.12.2014, 18:00 von BMBRKLRTXT
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    "Ich weiß, dass nichts gut und glücklich endet, aber ich hoffe, dass ich mich irre. Depressiver Optimismus. Deswegen war mir vorher klar, dass das mit uns nichts wird. "


    "Gedanken schaffen Realität" (Dieter Broers)

    15.12.2014, 12:43 von Insomnia291986
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  • 3

    "Genau genommen mach ich das gerade."

    Im letzten Absatz gefunden. Manch einer liest darin eine Arroganz. Ich lese eine innere Auseinandersetzung, die sich in Zeiten von großer Äußerlichkeit rar macht.
    Auch wenn im Individuum ein DU herausklaubbar ist, so geht es im Zusammenleben doch primär um das Erfüllende. Fühlt man sich durch den Anderen nicht mehr erfüllt, sondern in-Arbeit, sollte man das ändern.
    Und nicht durchstehen, hinnehmen oder gar nur noch "verzeihungs-sexen".

    01.12.2014, 18:38 von Filousoph
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      ... oder man landet, denn runter kommt ja bekanntlich jeder. 

      01.12.2014, 11:36 von schriftstehler
    • 0

      außerdem lesen sich die Flügel wie die Bedürftigkeit eines Zusatzes beim Wodka... ;-)

      Also lieber mal auf dem Boden der Realität bleiben denn auf den rosa Hängebrücken dem Unbekannten entgegen wanken...

      01.12.2014, 20:21 von Filousoph
  • 2

    Depressiver Optimist-geniale Kombi:-)

    30.11.2014, 20:37 von violett84
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  • 1

    das kenne ich.

    30.11.2014, 20:12 von FrauFraeuleinWunder
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  • 1

    Ich mag deine Texte sehr. Der hier ist nicht ganz so stilsischer wie sonst, aber das ist egal, weil die Thematik mich packt. Beschreibt sehr gut meine letzte Beziehung... schockierend genau sogar.

    30.11.2014, 15:12 von Pusteblumenwiese
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  • 5

    "Ich weiß, dass nichts gut und glücklich
    endet, aber ich hoffe, dass ich mich irre. Depressiver Optimismus."
    -
    sehr treffend!

    30.11.2014, 13:35 von HNA_H
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  • 1

    Traurig, aber wahr

    30.11.2014, 00:00 von kittyisonneon
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  • 5

    Soviel Egodrama, so wenig außer... Egodrama.

    29.11.2014, 20:02 von Boahmaschine
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