Sarah.tanzt 31.12.2012, 23:26 Uhr 0 1

Gemeinsam schaukeln

Beide lächelten.

Vor genau einem Jahr saßen sie auf der Schaukel vor dem Plattenbau. Überall war Schnee. Und es fühlte sich nicht nach Arbeiterviertel an, nicht trist. Nicht anonym. Wäre einer der beiden alleine hier gewesen – es hätte sich wohl leicht beklemmend angefühlt. Ein Hauch von einsamer Trostlosigkeit hätte sie kurz gestreift, fast bedeutungslos wäre der Moment vorbeigegangen.

Es fühlte sich an wie zu Hause.
Wie die einzige Zuflucht auf dieser Welt. 

Sie rauchten den Joint, den er mit den männlichsten aller Hände gedreht hatte. Er hatte sie damit beeindruckt. Nach all den Jahren.

Sie schaukelten dabei. Ihre Hände wurden sehr kalt. Er gab ihr seine Handschuhe. Sie waren abgenutzt und mit kleinen Stoffknübbelchen besetzt.
Sie bemerkte das nicht. Ihre Hände wurden direkt so warm wie früher, als ihr Vater nach Ausflügen mit ihr ins Badezimmer ging um sie unter heißem Wasser zu wärmen. So heiß, dass es zunächst weh tat.

Sie schaukelten und lachten. Sie schaukelten immer höher und bliesen den Rauch in die kalte Dezemberluft. Mit ihm alle Zweifel und alle Ängste. Immer höher, ohne Angst vor dem Fall.
Sie würden nicht mit wackeligen Beinen aufstehen. Sie standen auf dem festen Boden der Hoffnung. Beide lächelten.

Jetzt steht er vielleicht an seinem Küchenfenster. Er hat die Schaukeln nur wenige Meter entfernt direkt im Blick. Außer ihnen gibt es nur eine kleine Rasenfläche, graue Zäune, den Plattenbau. Sie stellt sich vor, wie er den Blick nicht abwenden kann von diesen Schaukeln. Wie er sich an diese Nacht vor einem Jahr erinnert, an ihr Lachen. An die Wärme der Zuversicht.
Sie stellt sich vor, wie er bei dem Gedanken daran lächelt. Es zieht sehr tief in ihrem Bauch.

Er steht an seinem Küchenfenster. Er sieht den Plattenbau, die Zäune, die Rasenfläche und dann die Schaukeln. Der Anblick der Schaukeln bedrückt ihn.
Er erinnert sich nicht an die Nacht vor einem Jahr, an ihr Lachen. Er spürt nur, dass er in diesem Moment so ganz ohne Zuversicht ist. Es wird ganz kalt in seiner Küche. Dann sieht er nach oben. Und lächelt.

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