Gelegenheit macht Liebe
»Never fuck the office« – Finger weg von den Kollegen – ist eine prima Regel, die in der Praxis leider noch nie funktioniert hat.
Philip hat sich blöd verliebt, muss man sagen, aber schlau verlieben geht ja nicht. Da zumindest sind sich die Forscher einig: Ein paar Gehirnteile legt die Liebe einfach lahm, zum Beispiel solche, die zum Lösen komplizierter Aufgaben nötig wären. Was auch immer das ist, das Verlieben, es ist nie klug. Irgendwie wissen das alle. »Wo die Liebe hinfällt«, sagt man dann und zieht die Schultern hoch als Zeichen, dass man es niemandem übelnehmen darf, in wen er sich verliebt. Mit einer Ausnahme. »Never fuck the office«, nie im Büro, heißt das bei An gestellten, und »never screw your own crew« bei Chefs. Es ist der einzige Ort, wo nach Ansicht der meisten die Liebe nicht hinfallen darf: auf den Schreibtisch. Die Liebe ist niemals schlecht, außer da, wo wir den größten Teil unserer wachen Zeit verbringen – bei der Arbeit. Philip hat sich in Nele verliebt, die er feuern könnte, denn Philip ist ihr Chef. Er könnte sie natürlich auch befördern, zumindest hätte er Einfluss darauf, aber das wird wohl noch eine Weile warten müssen, denn sie hat sich auch in ihn verliebt. Und nun sähe es so aus, als würde er Nele bevorzugen, weil er mit ihr im Bett war. Und wer kann schon wissen, ob das nicht auch stimmt? Philip ist, sagt er selbst, hoffentlich immer noch Profi, aber nicht mehr objektiv. Er hat irgendwie ein schlechtes Gewissen deswegen, das schon, aber nüchtern betrachtet hat er nichts falsch gemacht, findet er. Und natürlich ist er sehr verliebt. Das heißt auch: Philip hat lange nichts mehr nüchtern betrachtet.
Wenn es eines Tages alle in der Firma wissen, dann wird jeder sagen, er hat das gleich gespürt, dass da was ist zwischen den beiden. Aber noch wissen es die anderen nicht. Deshalb nennen wir sie hier auch Philip und Nele. Egal, wie die beiden in Wirklichkeit heißen: Sie arbeiten zusammen in einer Abteilung einer Plattenfirma, seiner Abteilung, und so groß ist der Laden nicht. Sie arbeiten nicht so nah beieinander, dass sie sich sehen könnten. An den meisten Arbeitstagen müssen sie beruflich kein Wort wechseln und sie sind beide so cool, dass sie nicht alle zehn Minuten aus erfundenen Gründen zum anderen ins Büro rennen müssen, um sich zu sehen. Aber irgendwann kommt es raus, weil alles rauskommt. Philip hat Angst vor dem Tag, nur ein bisschen, aber Angst. »Das Komische ist, dass wir hier eine gute Gemeinschaft haben, in der alle viel voneinander mit kriegen. Es sind nicht alle Freunde, aber von der Stimmung her eine Mannschaft. Wenn ich in jemand anderen verliebt wäre, jemand von draußen, dann würden sich wahrscheinlich alle für mich freuen.« Für Nele ist es noch ein bisschen schwieriger: »Philip ist zum Glück ganz beliebt, aber natürlich wird hier auch gelästert. Ich finde das nicht schlimm, aber ich stelle mir vor: Irgendwann wissen es alle, und dann denken sie pa nisch: Scheiße, was hab ich der alles erzählt?«
Rund vierzig Prozent aller Ehen finden sich über die Arbeit, sagen Statistiken, und wenn man die Arbeit als alles fasst, was mit dem Job zu tun hat, also Kunden, Kollegen aus anderen Firmen und ähnliches, dann sind es mehr als die Hälfte. In Wahrheit hat »never fuck the of - fice« nie funktioniert, und es bezog sich so wieso vor allem auf Chefs, die ihre Finger von ihren Sekretärinnen lassen sollten. Aber trotzdem sind die Zahlen auf den ersten Blick irrwitzig hoch. Gibt es in der Freizeitgesellschaft wirklich keinen besseren Ort, um die Liebe zu finden als ausgerechnet den am wenigsten sinnlichen – das Büro?
»Es war überhaupt keine Liebe auf den ersten Blick«, sagt Sandra. Sie hat sich in einen Kollegen verliebt, in der Kantine eigentlich und auf dem Weihnachtsfest tatsächlich. Oder so. Oder eigentlich noch viel früher, aber man kann es auch vielleicht so genau gar nicht sagen, und das ist wahrscheinlich auch schon der größte Teil des Geheimnisses, denn was der Arbeitsplatz jedem anderen Treffpunkt voraus hat, ist Zeit. Man trifft sich hier jeden Tag ausführlich und, wie die Arbeitspsychologin Karin Ammann feststellt, die zu dem Thema das Buch »Gelegenheit macht Liebe« geschrieben hat, rasiert.« Für Liebe auf den zweiten Blick muss es den zweiten Blick ja erst mal geben.
Für Sandra und ihren Freund ist das kein Problem: Sie arbeiten in unterschiedlichen Abteilungen eines großen Verlages, niemand war eifersüchtig, als ihre Liebschaft herauskam, und »nützen tun wir uns beruflich eh nichts.« Aber die Fallen waren ihnen schon bewusst. Sie haben erst mal auch niemandem etwas gesagt, bis sie sich sicher waren, dass es das Risiko wert ist. Und dazu raten auch alle Personalberater.
»Es geht auch eigentlich niemanden etwas an«, sagt Philip. Jedenfalls nicht, so lange seine Entscheidungen nicht davon gefärbt werden, obwohl Entscheidungen von Chefs natürlich auch davon beeinflusst werden, ob ihr Hund gerade gestorben ist, und das geht auch niemanden etwas an. Im Grunde ist man ja dafür Chef, um Entscheidungen zu treffen, die man nicht begründen kann, denn sonst bräuchte man die Autorität gar nicht, um sie durchzusetzen. Wie auch immer: Es ist vertrackt, wenn Privates und Berufliches vermischt werden. Wobei: Gibt es diese Trennung heute überhaupt noch? Wohnen wir nicht alle halb im Büro/der Agentur/der Firma? Sind nicht unsere Kollegen eigentlich auch das, was früher mal die Clique war?
»Das Problem«, sagt Sandra, »ist eigentlich nicht, dass wir zusammen sind. Es gibt nur einige Kollegen, die mit uns beiden befreundet sind, die sagen: Ihr dürft euch nie wieder trennen!« Ein Rosenkrieg über Kopierer und Hauspostkisten hinweg macht ein Büro zur Hölle für alle, die in Reichweite sind. Und führt oft dazu, dass mindestens einer von beiden gehen muss, wenn nicht freiwillig, dann findet sich ein Grund. Niemand kann sich so eine Stimmung lange leisten, keine Firma, kein Chef.
»Ich weiß nicht, ob einer von uns beiden gehen muss«, sagt Philip, »vielleicht irgendwann. Aber so weit sind wir noch lange nicht. Das geht doch erst ein paar Wochen«. Es wird geduzt hier, und alle sind Kumpel, da war es nicht außergewöhnlich, dass eine ganze Gruppe von ihnen zusammen Fußball geguckt hat. Und dann gefeiert. Und dann war es plötzlich keine Gruppe mehr. »Ich fand sie immer schon gut«, sagt er, »aber ich hätte ewig gebraucht, das zu zugeben«. Es war auch wenig Druck da. »Es war ja nicht so, dass ich sie jetzt ansprechen musste, oder sie ist weg. Ich habe sie ja jeden Tag gesehen und das auch genossen.« Wenn er sie»angenehm herausgeputzt: geduscht, gekämmt, nicht gekannt und in einem Club gesehen hätte?
»Dann hätte ich sie nicht angesprochen. Weil ich nie Mädchen in Clubs anspreche.« Aufgefallen wäre sie ihm schon. Sie fällt auf. Und sie flirtet. »Das hat sie im Büro immer gemacht.« Wenn morgen rauskommt, dass sie vergeben ist, dann werden sich ein paar Jungs zurückgesetzt fühlen. »Es wäre sicher einfacher, wenn wir nicht zusammenarbeiten würden. Abgesehen von der Tatsache, dass wir uns wahr scheinlich nie kennen gelernt hätten.« Für Nele grenzt das Ganze sowieso an ein Wunder: »Wie unsexy ist denn das eigentlich, mit seinem Chef ins Bett zu gehen! Total bescheuert. Aber da müssen wir jetzt durch.«
Es gibt tausende goldene Regeln. Die vielleicht wichtigste ist, dass man keine Kollegen einspannen darf: keine Botengänge, um Streit zu klären, keine Spionage, auch nicht Riesenüberraschungen zum Geburtstag, zu denen das ganze Büro genötigt wird. Den Ball schön flach halten, niemand will an fremden Liebesgeschichten teilhaben, während er selbst arbeiten muss. Im Büro verliebt sein kriegt ganz schnell einen Ruch von »auf Firmenkosten ficken«, und das macht alle neidisch.
Aber eigentlich sagt einem das alles der gesunde Menschenverstand, den man nur gerade nicht hat, wenn man frisch verliebt ist. »Zusammenreißen« ist deshalb noch so eine Regel, und die ist schwieriger einzuhalten, als viele meinen. Hunderte Filme im Internet beweisen, dass es viel mehr Überwachungskameras gibt, als die meisten Angestellten glauben. »Never fuck IN the office« ist sicher eine gute Selbstbeschränkung. Alles andere eigentlich nicht: Alle einschlägigen Studien belegen, dass glückliche Menschen produktiver sind, weil sie sich mehr engagieren. Mädchen, die sich in ihren Mathelehrer verlieben, können sogar besser rechnen – natürlich auch, weil sie sich plötzlich dafür interessieren. Aber der Rückhalt und die positive Grundstimmung des Verliebtseins lassen die meisten Menschen Alltagsaufgaben mit mehr Schwung angehen.
»Wir waren einmal essen«, erzählt Philip, »es sollte so etwas wie unser nachgeholtes erstes Date sein. Es war für uns beide komisch, dazusitzen, schick und fein und so, weil wir nicht genau wussten, worüber wir uns unterhalten sollen. Wir kannten uns für ein erstes Date viel zu gut. Ich glaube, wir wollten beide lieber nach Hause und eine Pizza aufbacken. Vielleicht sind wir langweilig, aber ich glaube eher, wir lassen viel Unsinn einfach weg.«
Wer zusammenarbeitet, der kennt sich in der Regel gut: unter Stress, im Umgang mit anderen Menschen, müde, abgekämpft, erfolgreich, wütend, was auch immer. Es ist nicht belegt, aber oft wahrscheinlich tatsächlich besser als ein Partner, der nur Abende und Wochenenden abkriegt. Das muss nicht zwingend gut sein für eine Beziehung, aber schlecht ist es sicher nicht, wenn sich beide füreinander entscheiden, obwohl sie sich kennen. »Und man darf bei dem ganzen Gerede um Liebe am Arbeitsplatz eines nicht vergessen«, sagt Sandra, »auf jedem blöden Bauernhof haben Paare zusammengearbeitet, über Generationen, und das ging auch irgendwie gut. Wirklich schlimm ist doch, wenn du dich nicht verliebst.«





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