Theresa_Baeuerlein 30.11.-0001, 00:00 Uhr 1 5

Geld oder Liebe?

Auch wenn es niemand wahrhaben will: Geld bringt die besten Beziehungen aus dem Gleichgewicht. Hört bei der Haushaltskasse die Romantik auf?

Der Grundkonflikt
Sie: Nein, ich habe keine Lust, dir schon wieder was zu leihen. Du schuldest mir noch 120 Euro, schon vergessen?
Er: Ich hab´s halt gerade nicht. Nächste Woche kriegst du´s, o.k.?
Sie: Aha. Das hast du letzten Freitag auch schon gesagt.
Er: Schreibst du dir das in den Terminkalender? Es kotzt mich an, wie kleinlich du sein kannst.
Sie: Und mich kotzt es an, dass du deine Versprechen nicht einhältst. Er: Weißt du was? Du kannst mich mal.


Sagen wir, das Paar, das hier streitet, macht das nicht zum ersten Mal. Wenn die beiden Krach haben, geht es immer öfter um Geld, und die Worte, die sie dabei wählen, werden nicht gerade hübscher. Dann macht einer von beiden schon bald nach dieser Szene Schluss, angelt noch schnell seine Unterhosen, die er vor langer Zeit im Rausch dahin getreten hat, unter dem Bett hervor, hält kurz inne und sagt sich betroffen: »Wahnsinn. Wir haben uns gerade wirklich wegen Geld getrennt.« Aber wem passiert das schon? Verzweifelten Hausfrauen in Fernsehserien, Menschen mit Sparfetisch? Schön wär?s. Tatsächlich ist Geld ganz weit oben auf der Liste der Themen, die Liebenden Probleme machen. Wer im Supermarkt zu teuer einkauft, wie viel der neue Fernseher kosten darf, ob man jetzt wegen der fünfzig Euro am Samstag was sagen soll oder ob die Katze wirklich dieses Edelfutter mit Blattgold fressen muss: Jedes dritte Paar in Deutschland streitet laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa über Geld. Eigentlich will man es gar nicht glauben. Aber es stimmt leider. Das verdammte Geld bringt irgendwann jede noch so innige Beziehung ins Wanken. Auch unsere.

Natürlich, wir wären gerne gelassener und würden behaupten, dass Gefühle stärker sind als Zahlen, aber ganz ehrlich: Die wenigsten Menschen sind cool oder reich genug, sich um ihre Finanzen keinerlei Gedanken zu machen. Für die Übrigen gehören Geldfragen zu den Sorgen, die einem das Leben sehr leicht zur Hölle machen können - und deswegen auch die Liebe. Das ist eine traurige Erkenntnis für Romantiker, aber gleichzeitig der erste Schritt zur Besserung: Denn wer akzeptiert, dass der Kontostand und das Gehalt natürlich die Beziehung beeinflussen können und dass Geld nicht nur ein Spießerthema ist, der wird sich beim nächsten Streit über die Stromrechnung mit dem Partner nicht so fürchterlich erschrecken und gleich die Liebe anzweifeln. Stellen wir uns also dem Problem: Dem Geld. Im besten Fall müssen wir es nur verwalten, im schlimmsten Fall bedrohen Schulden unmittelbar unsere Existenz. Klar, dass etwas, das derart gravierend auf unser Leben Einfluss nimmt, auch unsere Beziehungen berührt. Und zwar nicht erst in dreißig Jahren, wenn unsere zukünftige Tochter einen Porsche als Abiturgeschenk verlangt. Die Geldfrage begleitet uns immer, mal lauter, mal leiser. Von Anfang an.

Der erste Abend
Sie: Zahlen wir getrennt?
Er (zögernd): Lass nur, ich lad dich ein.
Sie: Danke, aber das brauchst du wirklich nicht.
Er: Ich möchte aber.
Sie: Bist du sicher? Hast du gesehen, wie teuer der Laden ist?
Er (tapfer): Das bist du mir schon wert.
Sie: Wenn das so ist...
(Er zählt die Scheine in seinem Geldbeutel, nimmt dann stirnrunzelnd seine EC-Karte heraus)
Sie (lacht): Ich hätte wohl doch die Spaghetti nehmen sollen.


Es wird Zeit, etwas richtigzustellen: Dass Geiz geil sein soll, gehört zu den dümmsten Behauptungen des letzten Jahrzehnts. Kein Mann, in dessen Adern echtes Blut fließt, atmet schwerer, weil der Mensch seiner Wahl auf dem billigsten Wein besteht. Keine Frau knöpft sich die Bluse auf, wenn ihr Gegenüber dem Kellner seine gesammelten Centstücke auf den Tisch kippt. Allein schon die Frage »Wie machen wir es mit der Rechnung?« kann die Stimmung des sonst perfekten Wochenendausflugs in die Berge empfindlich herunterkühlen. Die Logik funktioniert hier ganz einfach: In den Tag hinein leben ist sexy. Ein Taschenrechner ist es nicht. Am besten ist es, wenn einer kommentarlos die Kreditkarte hinlegt und dabei die Hymne aller verliebten Haudegen summt: »I don´t care too much for money, ´cause money can´t buy me love.« Liebe und Geld, das weiß jeder, passen einfach nicht zusammen. Zumindest nicht in unseren Köpfen.

Oder kann sich jemand Romeo und Julia beim Abrechnen der Haushaltskasse vorstellen? Eben. In unserer Kultur werden Geld und Gefühle auseinandergehalten. Wer mit Geld kleinlich ist, kann auch nicht richtig lieben, so das Klischee. Das ist ein Problem. Denn tatsächlich hat die Frage, wie einer mit Geld umgeht, überhaupt nichts mit der Größe seines Herzens zu tun. Es ist größtenteils Charaktersache. Die eine schläft mit 5000 Miesen auf dem Konto immer noch ruhig, weil sie mit Geld aus Prinzip sorglos umgeht: Das Leben soll schließlich Spaß machen. Der andere kriegt nervösen Ausschlag, wenn er beim Einkaufen versehentlich die teure Milch erwischt hat, weil seine Eltern immer Schulden hatten. Schwierig wird es für Paare, in denen beide in Sachen Finanzen ganz unterschiedlich ticken. Das sorgt früher oder später für Krach. Garantiert. Gut wäre es daher, das Thema so früh wie möglich auf den Tisch zu packen. Also nicht beim ersten Bier, aber auch nicht dann, wenn es schon darum geht, von wessen Konto die gemeinsame Miete abgebucht werden soll. Dumm nur, dass Paare es hassen, das Thema Geld anzuschneiden.

Michelle Singeltary stellt in ihrem Buch »Your Money and your man« fest, dass selbst Paare, die schon so gut wie verheiratet sind, Probleme damit haben. Sie wollen ihr Leben miteinander verbringen, aber am liebsten nie erklären müssen, wofür sie gerne Geld ausgeben. Warum nur ist es so schwer, mit einem Menschen, den wir lieben, über unsere Finanzen zu sprechen? Der Paartherapeut Klaus Heer kennt das Problem. »Es gibt da ein paar fixe Ideen im Kopf: Wenn wir uns lieben, brauchen wir nicht über Geld zu reden. Am besten ist es, wenn uns beiden alles gehört und jeder sich nimmt, was er braucht«, erklärt Heer.

Über Geld, das haben viele noch von ihren Eltern gelernt, spricht man eben nicht. Das Thema ist zu sensibel, leicht weckt es Neid und Missgunst. Etwa, weil dieser faule Sack Christoph mit seiner albernen Softwarefirma am Tag mehr verdient als man selbst in einem Monat. Freunde werden nach einem langen Abend, bei der zweiten Flasche Wein angekommen, einander deshalb locker fragen, wie es im Bett läuft - aber nicht, was auf ihrem Gehaltsscheck steht. Wir gestehen durchaus, dass wir Sex mit verbundenen Augen und im Hasenkostüm toll finden. Aber nur äußerst ungern, dass wir nach Kneipentouren jetzt nur noch Taxi fahren. In einer Beziehung kann das Stillschweigeprinzip eine Zeit lang klappen, wenn beide gleich viel Geld haben und es auch zusammen ausgeben. Komplizierter wird es spätestens, wenn eine finanzielle Schieflage entsteht. Das trifft auf fast alle Paare zu, gerade unter Berufsanfängern.

Angenommen, er studiert noch, während ihr die Firma im Monatsrhythmus vierstellige Beträge aufs Konto schaufelt. Das ist eine Konstellation, in der Geld seine ganze Sprengkraft entwickeln kann. Auf einmal ist die Beziehung asymmetrisch, und das nicht nur in materieller Hinsicht. Die Frau mit dem guten Job, die bis dahin vielleicht von einem Kellnergehalt gelebt hat, kann auf einmal Urlaube planen und teure Gadgets kaufen, mit denen ihr Freund nur in seinen Träumen spielt. Sie muss sich die Frage stellen, ob Liebe bedeutet, wirklich alles zu teilen - inklusive der Kreditkarte. Ihr ärmerer Partner hat derweil mit seinem Selbstwertgefühl zu kämpfen. Denn der Wert eines Menschen wird in unserer Gesellschaft knallhart daran gemessen, wie viel er verdient.

Der Job
Sie: Süßer, ich habe ihn!
Er: Nein!
Sie: Doch! Sie haben mir den verdammten Job gegeben!
Er: Mensch! Glückwunsch!
Sie: Das müssen wir sofort feiern, oder?
Er: Aber hallo!
Sie: Hast du denn Zeit ? ich meine, deine Diplomarbeit?
Er: Muss warten. Wo gehen wir hin? Zu Olli´s?
Sie: Nein, irgendwohin, wo sie Champagner haben.


Der Besitz von Geld ist also mit dem Respekt anderer Menschen verbunden. Und mit Macht, das verstehen wir instinktiv. »Geld steht nicht nur für wirtschaftliche Kaufkraft und Tauschnutzen, sondern kann auch Macht, Einfluss und vieles andere repräsentieren«, schreibt die Soziologin Christine Wimbauer in ihrem Buch »Geld und Liebe«. Der reichere Partner bringt mit dem Geld also auch gleich die Machtfrage in die Beziehung. Paartherapeut Klaus Heer sagt: »Wenn ich die Paare in der Praxis nach der Verteilung der Macht in ihrer Beziehung frage, zucken sie meist zusammen. Macht scheint inkompatibel mit Liebe. In Wirklichkeit ist doch Geld einer der mächtigsten Machtfaktoren der Welt. Wer das nicht wahrhaben will, lebt gefährlich.« Für sich genommen, bedeutet Geld gar nichts. Bedruckte Scheine, klimperndes Metall. Es ist ein Symbol, das wir ständig mit Bedeutungen aufladen, indem wir ihm einen Wert geben. Das kann schön sein, wenn jemand Geld ausgibt, um einem anderen eine Freude zu machen. Oder demütigend, wenn die Geste falsch ankommt.

Das Geschenk
Er: Ich bin dann mal weg.
Sie: Warte! Hier, nimm.
Er (überrascht): Was soll das denn?
Sie: Das ist schon okay.
Er: Kriege ich jetzt Taschengeld?
Sie (erschrocken): Quatsch, ich wollte nur, dass du dir einen schönen Abend machst.
Er: Besten Dank, das schaffe ich auch so.


Geld stinkt nicht? Von wegen. Wenn Geld und Liebe in Berührung kommen, riecht es nach Problemen. Ganz automatisch kratzen wir deshalb Preisschilder von Geschenken. Die Botschaft: Die Gefühle zählen, nicht das Geld. Vielleicht ist es deswegen gerade jungen Paaren oft lieber, wenn ihre Finanzen getrennt voneinander laufen. Eine repräsentative Umfrage des Deutschen Sparkasse- und Giroverbandes hat ergeben, dass junge, unverheiratete Menschen deutlich seltener ein Konto mit ihrem Partner teilen als ältere Ehepaare. Ein Gemeinschaftskonto zu eröffnen, ist offenbar ein größerer Schritt als der in das gemeinsame Bett. Wer liebt, hängt sein Herz an einen Menschen - behält aber sein Konto. Das ist nicht unbedingt ein Zeichen kalt berechnender Egomanie. Sondern ein Hinweis darauf, dass Geld nun mal ein starkes Symbol ist für vieles, das wir wichtig finden.

Das Haushaltsbuch
Sie: Ich bin dafür, dass wir ab jetzt ein Haushaltsbuch führen.
Er: Haha!
Sie: Ähm, ich meine das ernst.
Er (überrascht): Aha. Und was genau soll uns das bringen?
Sie: Na, wir wissen dann beide, wer wie viel ausgegeben hat.
Er (seufzt): Müssen wir dafür wirklich jede Packung Cornflakes aufschreiben?
Sie: Schaden würde es wohl nicht, oder? Ich habe wirklich überhaupt keinen Überblick, heute war ich schon wieder einkaufen.
Er: Hast du Angst, dass du zu viel für uns beide ausgibst?
Sie: Mit Angst hat das nichts zu tun, ich würde nur gerne wissen ?
Er: Ich glaube das einfach nicht.


Es hilft sehr, sich klarzumachen, dass Geld auch ein Kommunikationsmittel ist. Eines, mit dem man viel Blödsinn erzählen kann. Hinter ihrem scheinbaren Misstrauen steckt vielleicht die Angst, dass er sie nur als Geldgeber sieht. Hinter dem Schreikrampf, mit dem er darauf reagiert, steckt die Verletzung darüber, dass sie ihm offensichtlich nicht vertraut.

Was tun, damit Geld nicht die Liebe ruiniert? Man kann ein extremes Modell wählen und sich die Kosten für alles radikal teilen (inklusive Rasierapparat und Tampons). Oder auf zwei Stellen hinter dem Komma genau abrechnen, wem was gehört und wer wie viel gegessen hat. Zwischen diesen Extremen gibt es so viele Lösungsansätze, wie Cents in eine Kaffeetasse passen. Der Knackpunkt liegt letztlich darin zu verstehen, was Geld für einen selbst bedeutet - und für den anderen. Das geht nicht, ohne das Thema auf den Tisch zu packen. Und es zu akzeptieren, wenn beide im Finanziellen nicht synchron ticken. Es hilft nichts, seinem Partner immer wieder Spießervorwürfe zu machen, wenn er jeden Cent ins Haushaltsbuch einträgt. Der Gedanke »Das braucht er anscheinend« ist die bessere Reaktion. Die Vorprägung durch die Vergangenheit lässt sich kaum ändern. Und sofern er sein Geld nicht krankhaft an Spielautomaten verzockt, also kein echtes Problem besteht, ist das auch nicht nötig.

Noch ein Beziehungsretter sind klare Regeln. Weil das ewigen Diskussionen den Garaus macht. Was wird geteilt, was nicht, und wer bezahlt es? Gerlinde Unverzagt, Autorin des Buchs »Geld, Liebe und Partnerschaft«, hält ein Dreikontenmodell für ideal. Dabei behält jeder Partner sein eigenes Konto; zusätzlich gibt es ein Gemeinschaftskonto, auf das beide regelmäßig Geld überweisen. Das neue Sofa fürs Wohnzimmer bezahlen also beide mit Geld aus dem Gemeinschaftskonto, seine Leidenschaft für den Jamón Ibérico aus dem Feinkostgeschäft finanziert er aus eigenen Mitteln. Wer ganz sichergehen will, legt sich ein sogenanntes »Und-Konto« zu: ein Gemeinschaftskonto, das nur Geld ausspuckt, wenn beide Partner zustimmen. Sofern man seinen Partner im Verdacht hat, mit der sauer verdienten Kohle allein nach Sri Lanka durchbrennen zu wollen, ist dies sicher eine gute Lösung. Ansonsten reicht vielleicht auch das »Oder-Konto«, bei dem die Partner einzeln auf das Geld zugreifen können.

Letztlich ist eines sicher: Anders als in der gleichnamigen Fernsehshow, in der Jürgen von der Lippe bis vor ein paar Jahren noch hamsterbackig zwischen »Geld oder Liebe« wählen ließ, sind die beiden keine Gegensätze. In einer guten Beziehung wird zwar wirklich nicht über Geld gestritten. Aber nicht, weil Geld kein Thema ist - sondern weil die Regeln klar sind und sich beide darauf verlassen können. Dann kann es sogar Spaß machen, mit dem gemeinsamen Vermögen zu planen. Egal, wie groß oder klein es ist. Umgekehrt lassen sich Probleme in einer Beziehung mit einer Schubkarre voll Geld auch nicht besser lösen. Die Probleme werden dann nur teurer.

Das Happy End
Sie: Schatz, was machen wir denn jetzt mit den achtzigtausend Euro, die wir von Tante Uschi geerbt haben?
Er: Ich gebe dir erst mal die 120 Euro wieder, die ich dir noch schulde. Mit Zinsen.
Sie: Hey, lass das doch ruhig jetzt...
Er: Nein, da bestehe ich drauf. Wie viel willst du? 12 000 Euro?
120 000?
Sie: Jetzt sei nicht so dickköpfig.
Er: Ich? Dickköpfig? Wer hat mich denn wochenlang damit genervt? Sie: Weißt du was? Du kannst mich mal.

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Kommentare

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    Hallo Theresa, vielen Dank - ein wirklich toller Artikel, der sehr unterhaltsam und vor allem lebensnah das Thema Geld & Liebe beschreibt. Lebhafte Diskussionen über Geld gibt es vermutlich täglich in fast jeder Beziehung. Umso wichtiger ist es, dass man offen über das Thema Geld spricht und vor allem feste Vereinbarungen in Bezug auf eine gemeinsame Haushaltskasse trifft. Ich selbst bin ein absoluter Befürworter eines Gemeinschaftskontos, um alle anfallenden, gemeinsamem monatlichen Ausgaben wie Miete, Strom, Gas, Telefon, Internet, Einkäufe, etc. bequem von einem Girokonto aus zu begleichen. Aus diesem Grund haben ich und meine Frau die Webseite www.gemeinschaftskonto.info ins Leben gerufen, mit vielen tollen Tricks & Tipps zum gemeinsamen Umgang mit Geld. Macht weiter so liebes NEON-Team! Viele Grüße, Benjamin

    04.03.2016, 10:47 von highflyer247
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