LudwigMartin 28.08.2008, 04:37 Uhr 9 7

Geht es dir gut?

Eine mit später Kraft wärmende Herbstsonne streichelte durch die Vorhänge und ein kleiner Wind versuchte, den Schweiß der letzten Stunde wegzutauen.

_Sieben lange Monate sind es gewesen, in denen sie weg war. Ein Auslandssemester mit einer abschließenden Projektarbeit, die sich immer wieder verzögerte. Klar, Elli und Eric kannten dieses Feilschen um die letztlich gute Lösung und die Bereitschaft der Professoren, mit Hoffnung auf ein noch besseres Ergebnis immer wieder eine Nachbearbeitungsfrist einzuräumen - man hat eben Zeit, an der Universität. Aber als Gast in dieser quirligen Mittelmeerstadt machte selbst die Sonne es irgendwann nicht mehr wett, daß er ihr fehlte. Und so manches Mal verfluchte sie heimlich die Italiener, die nach drei verpaßten Arbeitstreffen plötzlich völlig begeistert mit einer neuen Idee aufkreuzten. Die selbstverständlich wieder Arbeit nach sich zog. Und die selbstverständlich gut war, zu gut meistens.

In sieben langen Monaten lag er manches Mal wach und dachte an sie. Weniger gequält, sondern meistens kamen ihm die letzten vier Wochen vor ihrer Abreise in den Sinn und er schwelgte dann in Tagträumen. Nach vier Jahren Fernbeziehung waren sie endlich zusammengezogen. Eric hatte als frischer Absolvent in Leipzig Arbeit gefunden und dann war alles Hals über Kopf gegangen. Plötzlich saß er allein in einer gemeinsamen Altbauwohnung, deren kleinste Ecke Ellis Gestaltungswillen atmete. Er fühlte sich auf eine gewisse Weise in ihr und schmunzelte bei sich selbst über diesen frivolen Vergleich. Nein, die Gedanken an sie haben ihn nicht gequält, aber im letzten Unruhemonat bemerkte er, daß die Bilder verschwammen und die betäubende Tiefe des Erinnerungsgefühls nachgelassen hatte. Seine Sehnsucht hatte etwas Pflichtgemäßes angenommen.

Aber das war nun egal. Eine mit später Kraft wärmende Herbstsonne streichelte durch die Vorhänge und ein kleiner Wind versuchte, den Schweiß der letzten halben Stunde wegzutauen. Wie schon die unbestimmten Stunden zuvor und noch davor, wie es nun einmal so ist, wenn zwei den Tag zur Nacht machen. Nun lagen sie aneinander, erschöpft und tagträumend, nicht mehr als ein gelegentliches Blätterrauschen als Kulisse, und dufteten sich an.

Er spielte gerade mit ihren Haaren, als sie, in seinen Hals vergraben, etwas unverständlich herumdruckste. Doch dann machte sie sich frei und und sagte mit versucht fester Stimme: Du mußt etwas wissen. Ich bekomme ein Kind. Und während Eric ungläubig in seiner Erinnerung nach Nachlässigkeiten forschte, kam die Auflösung seiner gedachten Frage indirekt: Es ist nicht deins.

Die Sonne schien immer noch mütterlich gut auf ihre nackten Häute und seine Hand spielte weiter mit den Haaren, vielleicht ein wenig automatischer. Plötzlich lag nicht die Frau vor ihm, die selbstbewußt ihn oft aus seiner Lethargie gerissen und mit der ihr eigenen Lebensfreude immer wieder angespornt hat. Ihre Fragen nach seinem Elan waren stets als resolute Aufforderung gemeint, mit denen sie ihn aus der Reserve locken wollte. Dieses mal aber lag hier ein Häufchen Elend. So plötzlich, daß die Bewegungen seines Körpers erst einmal auf Autopilot schalten mußten, um dem Denken alle jetzt nötigen Ressourcen zu lassen. Denn dort am inneren Auge zogen jetzt Szenarien vorbei, die vor allem auf ihre Vollständigkeit geprüft werden mußten, damit das schlimmste denkbare nicht zusammen mit Ellis Leben unter den Tisch fiele. Und dieses pickte er sich heraus, als seine streichelnde Hand wieder fester, mit Beschützerwillen zufaßte.

Hat dir jemand was angetan? Geknickt quittierte Elli diese Frage mit einem kräftigen Schütteln, den Kopf wieder vergraben. Er spürte ihr Zittern, als er sie in den Arm nahm und tief ausatmete.

Eine Weile passierte nichts.

Was wird jetzt mit uns?, fragte Elli. Nichts, was Du nicht willst, antwortete er und versuchte, ihren Blick zu treffen. Habe ich jetzt eine Freundin mit Kind? Geknickt quittierte Elli diese Frage mit einem ungläubigen Nicken, scheu hielt sie seinem Blick mehrmals nur kurz stand. Doch langsam eroberte ein sanftes Leuchten ihr tränenfeuchtes Gesicht.

Geht es Dir gut?

Ungläubig schaute sie ihm nun direkt ins Gesicht und versuchte zu ergründen, aus welcher seiner Seelenfacette diese Frage kam.

Das war keine Frage, sagte Eric lächelnd.

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9 Antworten

Kommentare

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    Will. Lesen.

    16.07.2009, 16:28 von girlcalledm
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    Der Teaser war der schönste Satz im Text, hab gehofft, dass es so weitergeht, zum Ende aber wieder sehr schön. Liest sich gut.
    Und ich kann dieses Verständnis nur unterstützen.

    30.06.2009, 22:29 von mia_aimless
    • 0

      @mia_aimless Das fand ich auch - deswegen steht er im Teaser... ;-)

      Schön, wenn andere auch so denken.

      01.07.2009, 10:31 von LudwigMartin
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    "und dufteten sich an."
    und
    "und seine Hand spielte weiter mit den Haaren, vielleicht ein wenig automatischer"

    Auch der gesamte Text - ganz groß! Ein dickes Kompliment, ich verneige mich :-)

    18.06.2009, 10:11 von Plutarch
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    das war schoen zu lesen.
    gut gefaellt mir, dass du akribisch beobachten und das beobachtete so dezidiert wiedergeben kannst. "So plötzlich, daß die Bewegungen seines Körpers erst einmal auf Autopilot schalten mußten, um dem Denken alle jetzt nötigen Ressourcen zu lassen.//... Denn dort am inneren Auge zogen jetzt Szenarien vorbei, die vor allem auf ihre Vollständigkeit geprüft werden mußten"
    angenehm unaufdringlich und verklausuliert: "Und während Eric ungläubig in seiner Erinnerung nach Nachlässigkeiten forschte, kam die Auflösung seiner gedachten Frage indirekt"

    hofknicks und dankeschoen
    neongolden.

    23.10.2008, 20:49 von neongolden
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      @neongolden
      und im Hintergrund der Szene läuft neongolden von the notwist... ;-)

      Dankeschön! :-)

      24.10.2008, 10:15 von LudwigMartin
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      @[Benutzer gelöscht] In unterschiedlicher Radikalität...

      21.10.2008, 23:35 von LudwigMartin
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    Ungläubiges Staunen...
    muß zugeben, diesen Text nochmal lesen zu müssen, damit ich ihn besser verstehe...

    Oder das, was Eric da tut.

    20.10.2008, 10:39 von Tanea
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      @Tanea ;-)

      20.10.2008, 10:54 von LudwigMartin
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      @[Benutzer gelöscht]
      Ja, es geht um Freunde, die sich wirklich füreinander interessieren und mit denen man wirklich alles bequatschen kann.

      Auch - so man will, partnerschaftliche Dinge.

      Aber Partnerschaft ist für mich etwas tiefer als Freundschaft, weswegen ich jeden Rat eines Freundes da relativieren würde, wenn dieser die Sicht des Partners nicht kennt.

      Manchmal möchte man sich einfach ausheulen und danach sieht man klarer und seine eigenen Fehler auf einmal. Und ein Freund sollte da zurückheltend sein und solche Stimmungen nicht verstärken.

      Ich hasse es beispielsweise, wenn es Allianzen gibt in Dingen, wo Partner es miteinander klären müssen. Denn der Partner ist der kompetentere Konfliktpartner, meistens.

      Und es gibt gesellschaftlich einseitige Vorstellungen - nicht nur auf neon. Du mußt sehen, daß ich Freunde in liberalen Studentenkreisen habe, aber auch Christen, die ich manchmal als zu einseitig und moralisch empfinde (es sind trotzdem Freunde).

      Jedenfalls höre ich aus Ratschlägen und Kommentaren manchmal zu stark ein abstraktes Weltbild heraus. Und das entspricht nicht meiner Vorstellung von eigenständigem Leben, daß man die Moral einer Situation von außen überhilft (da treffen wir uns?).

      Manchmal ist die Moral nicht offensichtlich. In der Geschichte oben gibt es keine Moral von außen. Deswegen der Verweis.

      Und was gefällt Dir am Text nicht?
      Inhalt oder Sprache?

      10.09.2008, 12:26 von LudwigMartin
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    Wenn es keine Frage ist, könnte es auch eine Anklage sein und es hat kein Happy End.

    28.08.2008, 08:52 von zett
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      @zett
      Habe es etwas überarbeitet. Ich hatte schon das Gefühl, daß das Ende ein wenig schwierig ist.

      28.08.2008, 09:34 von LudwigMartin
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    Wow ...

    ich weiß nicht, ob ich ihn für seine konsequenz bewundern oder für seine naivität bemitleiden soll ... aber auf jeden fall eine schöne geschichte.

    28.08.2008, 07:36 von Don-negro
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