juli_meerweh 30.11.-0001, 00:00 Uhr 16 40

Gegen die Wand

oder wie ich erneut Anlauf nehme.

Es war vergangenen Sommer, als meine Oma sagte, ich sehe schmal aus, sie schaute mich an und wusste sofort, das etwas nicht stimmt. Ich sagte, das liege am Stress, an der Arbeit, an allem, was jetzt so auf mich zukäme. Und dann sagte ich einfach, dass ich Liebeskummer habe. Als sie sagte, dass ihr das in der Seele wehtue, da wusste ich, dass sie diesen Schmerz kennt, wie sich mein Herz gerade anfühlt. Aber warum müssen wir eigentlich unsere Traurigkeit vor anderen legitimieren?

Drei Monate habe ich dich nicht gesehen. Drei Monate musste ich nicht auf jeden beschissenen VW Bus schauen, ob er dein Kennzeichnen trägt und du ihn fährst. Denn das Beste hier, in der neuen Stadt ist, zu wissen, dass ich dir wohl niemals über den Weg laufen werde. Ich vertiefe mich in meinen Unikram und glaube, dass ich mich dem ganz und gar hingeben muss, um dich aus meinem Kopf zu verbannen. 

Als die Weihnachtszeit näher rückt, rückst auch du wieder näher. Die ganze Zeit warst du da, aber nur in meinem Hinterkopf, wenn irgendwelche Gedanken einen ganz komischen Umweg nahmen, da warst du irgendwie präsent. Jetzt bist du aber da, ohne, dass ich auch nur einen kleinen Weg finde, an dem Gedanken an dich, vorbei zu kommen. Du bist sogar in meinen Träumen wieder aufgetaucht und ich kann nicht verstehen, was das bedeutet. 3 Wochen später weiß ich es. Als ich am 23.12. einen Anruf erhalte und erfahre, das meine Oma wieder im Krankenhaus liegt, weiß ich, dass es wohl ein beschissenes Weihnachten für mich werden wird. Ich klammere mich an den Gedanken, dir vielleicht doch nicht begegnen zu müssen und stattdessen auf andere Gedanken zu hoffen... 

Aber als ich an Heiligabend das Krankenhaus verließ, gingen mir tausende Gedanken nicht aus dem Kopf. Und diese tausend Gedanken wollten eigentlich nur, dass du da bist. Du bist so hundert Prozent präsent, ohne, dass ich auch nur irgendwas gemacht habe. Ich wünsche mir in diesem Moment, dass du mich auffängst aus dem freien Fall nach unten, indessen ich mich nach diesem Besuch befinde. Aber du bist nicht da.

Einen Tag später halte ich es nicht aus. Ich muss diese Mauer, auf der dein Name steht, überwinden. Dazu muss ich dich sehen. Irgendwie habe ich geglaubt, ich könnte es alles schön dabei belassen und nach dem Kaffee mit dir feststellen, dass du nicht mehr der bist, der du mal für mich warst. Dass du für mich nichts mehr bist. Aber die Gefühle erschlagen mich, als ich Anlauf nehme, um über deine Mauer zu springen. Du nimmst mich in den Arm, bist da und fängst mich auf. Ich scheitere. Zum gefühlten hundertsten Male scheitere ich.

Und wieder bin ich an dem Punkt, an dem ich genau vor 3 Monaten war, als ich hier ankam. In einer anderen Stadt. In der ich dachte, dass du viel weniger hier bist, viel weniger präsent und aus meinem Kopf irgendwann verschwinden wirst.  Aber du bist da, sowas von und immer noch. Wie ein böser Dämon, der die ganze Zeit in der Ecke meines Zimmers sitzt und mich beobachtet. Jetzt nehme ich wieder Anlauf, viel Anlauf und ich weiß nicht, wie viel ich diesmal brauchen werde, um einen neuen Versuch zu wagen, deine Mauer überwinden zu können. Und so renne ich los...

 


Tags: liebe, wand
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16 Antworten

Kommentare

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    • 0

      was genau soll das heißen?

      17.01.2016, 13:07 von juli_meerweh
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  • 0

    Durchhalten und am besten neuverlieben :)

    15.01.2016, 17:34 von Baramba
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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  • 1

    same here

    13.01.2016, 22:43 von overdoseofaddiction
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  • 1

    Ich habe deinen Text gelesen und weiß exakt wie du dich fühlst! Mir ging es vor 2 Jahren genauso wie dir jetzt. Es hat lange gedauert aber ich kann nun sagen, dass ich vollkommen darüber hinweg bin. Ich kann dir nur raten, den Kontakt zu vermeiden, auch wenn es schwer fällt. Wird dich nur wieder unnötig in ein Loch zurückfallen lassen. Sei stark, es geht vorbei :)!

    12.01.2016, 22:04 von Juri93
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  • 1

    Ich kenne so jemanden, auch das mit dem VW Bus und diese Traurigkeit und es ist schön zu wissen, mit diesen Gefühlen nicht allein zu sein!

    11.01.2016, 21:23 von LaLeLuisa
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  • 0

    Gut geschrieben. Nur die Protagonistin *hust* (obacht klugscheiss) sollte nicht ihren "Ex" aufsuchen, wenn sie sowieso in einer recht schrägen, instabilen emotionalen Verfassung ist. Aber gerade diese Naivität machts dann doch wieder...verständlich.
    An die Oma: gute Besserung.

    07.01.2016, 16:09 von LifeInANick
    • 0

      Wie beschrieben, das Gefühl in mir wollte seine Nähe...

      Und danke ;)

      07.01.2016, 19:03 von juli_meerweh
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  • 0

    Gefällt mir sehr gut und ich kann es gut nachvollziehen. Irgendwann wirst du diese Mauer überwinden ;)

    06.01.2016, 22:14 von Rosalie7
    • 0

      danke, das hoffe ich auch :)

      06.01.2016, 22:43 von juli_meerweh
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  • 1

    Deine Mauer überwinden zu können...eine sehr gelungene Metapher. Der gesamte Schluss!

    06.01.2016, 21:05 von Medusa_20
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  • 1

    <3

    06.01.2016, 13:23 von feinesuesse_xo
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  • 2

    Ich habe das genau so erlebt.

    Fühle mit dir. Ich hatte einen dicken Kloß im Hals beim Lesen. Ich kann jedes deiner Worte ganz genau nachempfinden.

    06.01.2016, 13:23 von feinesuesse_xo
    • 0

      danke <3

      06.01.2016, 21:41 von juli_meerweh
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