B.tina 30.11.-0001, 00:00 Uhr 30 29

Gefühltes Wechselbad.

Doofe Silvesterbegebenheiten, die gerne Schlussstriche im März mit sich ziehen.

Kaum eine Party-Latte hängt so hoch wie die zwischen den Jahren. Der Neustart wird gefeiert, gute Vorsätze werden in die Welt gesetzt, das Rauchen aufgegeben, Korken knallen gelassen. Das Martinshorn tütert schon durch die Gegend, bevor das erste Feuerwerk entzündet ist. Alle lieben sich und liegen sich schaumweindurchtränkt im Konfettiregen in den Armen.

Ich muss gestehen, dass ich mittlerweile froh bin, wenn ein Silvesterabend unaufgeregt über die Bühne geht.

Silvester mit 15
Ich besuche mit meinem Freund eine Party, von der ich mir viel verspreche. Leider trinke ich viel mehr als ich vertrage und lande noch vor Mitternacht mit ein paar weiteren Schnapsleichen in einer Art Ausnüchterungs-Ecke, einem Matratzenlager unweit des Partyraums. Dort schlafe ich meinen Rausch aus, während mein Freund mit meiner besten Freundin knutscht. Geschmacklos, ohne Frage, die Zwei sind trotzdem daraufhin ein Paar und mir bleibt der Kater. So fängt kein gutes Jahr an. Meine Freundin ist mit meinem Freund übrigens lange Jahre liiert. Ich vergebe ihr Anfang Februar. Echte Freundschaft unter Frauen geht vor.

Silvester mit 16
Meine neue Liaison und ich sind bei einer Klassenkameradin eingeladen. Gefeiert wird im weitläufigen Jugendzimmer. Die Bar ist gut bestückt und ich zwitschere munter durcheinander: Gin-Tonic, Campari-Orange, Wodka-Lemon, Blue Curacao ... Alko-Popps sind noch nicht erfunden, ich muss mir meine Alkoholvergiftung also selber zusammen brauen. Mitternachts knallen die Korken der durchgeschüttelten Sektpullen und der Schampus spritzt durchs adrette Mädchenzimmer. Das gefällt den Gastgeber-Eltern gar nicht. Diese setzen uns Gäste eiskalt an die ebenso temperierte Luft. Ich bin der Jahreszeit unentsprechend gekleidet und sofort schockgefroren. Mein Freund packt mich zunächst in seine warme Jacke, dann hinten auf den Gepäckträger seines Klapprads, chauffiert mich so nach Hause, verspricht sich wohl noch etwas mehr von diesem Abend ... Leider entfalten die alkoholhaltigen Mischgetränke während der Heimreise ihre volle Wirkung und als wir vor der Tür meines Elternhauses ankommen, kann ich nicht mehr selbst und ständig stehen. Dumm gelaufen. Vor allem für meinen verhinderten Lover. Neujahr fühle ich mich wie ausgekotzt. Nüchtern lasse ich ihn auch nicht ran. Mitte März ist Schluss.

Silvester mit 19
Ich begehe den Jahreswechsel mit ein paar Leuten in Holland. Mein Freund kifft schon während der Hinreise, die ich fahrenderweise hinter dem Steuer meines Käfers verbringe. Später kippt er noch ordentlich Bier nach, was dazu führt, dass nicht ich – wie sonst – desolat in den Seilen hänge. Ich finde das wenig berauschend. Zwei Tage später werden wir eine gemeinsame Wohnung beziehen. In dem Moment weiß ich, dass die Sache 100%-ig schief gehen wird. Kann aber nichts mehr dagegen unternehmen. Das Schicksal nimmt seinen Lauf. Anfang März mache ich Schluss.

Silvester mit 26
Mein langjähriger Freund und ich sind auf einer Silvesterfeier in Südfrankreich eingeladen. Leider bin ich grippig, habe im Fieberwahn die Vorstellung, dass mein Liebster in einen Autounfall verwickelt wird. Will ihn nicht alleine fahren lassen und trete die Reise mit an. Döse auf dem Beifahrersitz, bemerke, dass die Autobahn voll ist und alle verspannt auffahren, was ich anprangere. Werde wach durch den Scheiße-Aufschrei meines Freundes. Wir schleudern auf der linken Spur neben einem LKW herum. Die BILD-Schlagzeile: „Massenkarambolage auf der A5 bei Karlsruhe“ ploppt vor meinem geistig-verfieberten Auge und der Grund für die Massenvollbremsung vor unserem Fahrzeug auf: ein unbemanntes Sofa steht mitten auf der gestrichelten Linie zwischen den Spuren. Wir kommen auch zum Stehen, der Wagen hinter uns nicht. Bums. Wirtschaftlicher Totalschaden. Zwischen den Jahren liege ich neben der Spur mit Schleudertrauma im eigenen Bett. Ende März verlässt mich der Fahrer des Unfallwagens.

Silvester mit 27
Ich fahre in freudiger Erwartung und in meinem Panda zu einer Party in einer Fabrikhalle. Leider verreckt die alte Schleuder auf dem Weg dorthin. Direkt vor einer vollbesetzten Straßenbahn-Haltestelle. Ich orgele im kleinen Schwarzen vor großem Publikum bis die Karre qualmt. Natürlich bekomme ich die Gurke wieder ans Laufen. Der Start ist trotzdem verdächtig ungut. Auf der Party steppt neben dem Papst leider auch der Fahrer des Unfallwagens mit neuer Schnepfe. Ich habe fälschlicherweise gedacht, über die Trennung hinweg zu sein und versuche das Beste aus dem Abend zu machen, indem ich mir willkürlich einen Freund vom Ex schnappe, ordinär tanze und knutsche, was mein Verflossener – im Gegensatz zum Rest vom Fest – noch nicht einmal ansatzweise bemerkt. Warnungen vor dem Herrn, der angeblich Frauenverschlinger ist, schlage ich in den Wind. Ich will nur nicht sehen, dass mein Ehemaliger glücklich ist.

Das Schlimmste aber passiert um Mitternacht: Ich trage meine Lieblings-Ohrringe, goldene Clips mit Schnörkelrosen und Türkisen. Familien-Erbstücke. Leider nimmt mich jemand und zwölf Uhr in den Arm, wobei einer der Clips von meinem Ohrläppchen abrutscht und im kniehohen Konfetti verschwindet. Panikattackiert starte ich eine sofortige Suche, die erfolglos bleibt. Ich könnte heulen. Dieser Verlust ist eindeutig schlimmer als der des Freundes. Für mich steht fest: Wenn ich beim Silvester-Fest einen Lieblings-Ohrring verliere, dann kann das kommende Jahr nur eine Katastrophe werden. Mein Silvester-Flirt darf die Nacht bei mir verbringen. Ihn sehe ich Jahre später im Fernsehen wieder. Er ist jetzt großer TV-Produzent, dicker Freund von JBK. Meinen Ohrring sehe ich dagegen leider nie wieder...


In diesem Sinne wünsche ich einen geruhsamen Rutsch. Und bin gespannt auf den März.

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30 Antworten

Kommentare

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    ...es rutscht ja bald wieder. ^^

    23.11.2012, 13:46 von derHalbstarke
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    ...es rutscht ja bald wieder. ^^

    23.11.2012, 13:46 von derHalbstarke
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    toller text. hoffe bei mir wird das ganze besser als bei dir und auch besser als bisher:
    silvester 0-15: brav daheim mit der familie.
    silvester mit 16: von einer freundin auf eine party mitgeschleppt worden, dort alle jünger als ich, allgemeines sich-cool-fühlen aufgrund von 18 flaschen becks für etwa 10 personen und kurz vor mitternacht springt mir eine katze ins gesicht.
    also prost neujahr. (;

    03.01.2011, 23:39 von Nellii
    • 0

      @Nellii hehe^^
      da bin ich mal auf den märz gespannt=)
      viel glück!

      04.01.2011, 00:53 von jippie
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    Gibts eigentlich ein Update zu dem Text hier?
    Oder erst im März?

    02.01.2011, 18:08 von EliasRafael
    • 0

      @EliasRafael Naja, das Silvesterfest 2010/11 war nicht spektakulär genug um erwähnt zu werden. Warten wir auf den März ...

      02.01.2011, 18:30 von B.tina
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    Silvester mit 15 und 16 habe ich genauso gefeiert, toller Text!

    31.12.2010, 12:31 von sosehrdabei
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