Bluelove 27.06.2008, 16:54 Uhr 4 4

Gefühle im Kalender

Gefühle kann man aufschreiben. Davon bin ich überzeugt und auch davon, dass man die aufgeschriebenen Gefühle zurückholen kann, wenn man es will.

Darum habe ich in all den vergangenen Jahren zum Beispiel jedes erdenkliche und mir seinerzeit wichtig erscheinende Date voller Vorfreude und mit Schmetterlingen im Bauch mit vielen Herzchen verziert in meinen Kalender eingetragen. Ein kleiner Taschenkalender, so einer, in den man Termine noch per Hand mit einem Stift rein schreibt. Obwohl ich ohne mein Mobiltelefon nicht überlebensfähig bin, benutze ich einen Kalender, eine Tatsache, die meine Freunde stets auf’s Neue überrascht.

Meinen heiß geliebten und entsprechend spätestens zum April reichlich zerfledderten kleinen Taschenkalender benutze nicht zuletzt genau deswegen, weil ich dort meine Gefühle ausbreiten kann. Ich kann Blitze und Totenköpfe hinter Zahnarzt-Termine malen, ich kann eine lachende Sonne neben den Namen meiner Freundin zeichnen, wenn unser Stammcafé auf dem Programm steht, ich kann die ganze Woche „Urlaub“ vollkritzeln mit Flip Flops, Cocktailgläsern, lachenden Gesichtern und so weiter.
Und ich male an jedem Tag, an dem ich mit meinem Liebsten etwas geplant habe, Herzchen rein.
Immer noch. Mit 29 Jahren.
Ein Psychologe könnte garantiert alle meine seelischen Abgründe aus meinen Taschenkalendern herauslesen. Sämtliche Stimmungsschwankungen der letzten 15 Jahre sind graphisch dokumentiert und im Laufe der Zeit zum Großteil in der Versenkung verschwunden. Nur der jeweils aktuelle Kalender hat seine Daseinsberechtigung in meiner frauentypischen überdimensionalen Krusch-Handtasche, in der man ihn nie findet, wenn man ihn dringend braucht.

Bei dem schon längst dringend nötigen Großputz fielen mir am Wochenende meine alten Kalender in die Hände. Es muss ein Bild für Götter gewesen sein: ich inmitten eines Bergs aus Schachteln, Schuhen, Klamotten, alten Zeitungen und sonstigem Papier hockend in meinen bis dato vergessenen geliebten alten Kalendern schmökernd. Im Juni 2003 angelangt, setzte mein Herz für einen kurzen Moment aus und schlug dann doppelt so schnell. 18. Juni. Der Geburtstag meines Bruders. Der hätte mich nicht so sehr aus der Bahn geworfen. Aber die Tatsache, dass der Tag vollgeschmiert war mit einem bestimmten Namen, mit Herzchen, mit Smilies, mit Gekritzel, aus dem mir das pure Glück entgegen sprang. Mein Verstand setzte einfach aus und machte sich selbstständig. Er lief im Schweinsgalopp zurück in den Sommer 2003, in dem ich ihn kennenlernte. Ihn, mit dem ich mir eine Zukunft aufbauen wollte. Ihn, bei dem ich mir so sicher war, wie nie zuvor. Ihn, wegen dem ich zum ersten Mal die Zeitschrift „die Braut“ für ich glaube um die fünf Euro gekauft habe. Ihn, der so anders war, als alle seine Vorgänger. Ihn, bei dem ich zuhause war, bis mein Kalender 2006 begann, langsam zu zerfleddern. Ich weiß nicht, wie lange es tatsächlich gedauert hat, die Kalender bis zu eben diesem Datum vor zwei Jahren durch zu blättern. Es waren gefühlte drei Jahre. Inmitten meiner kleinen Müllhalde hatte ich plötzlich wieder Sex mit ihm, kraxelte ich mit ihm auf unseren Berg, schwamm mit ihm in unserem See, lachte mit ihm, weinte mit ihm, stritt mit ihm… Doch irgendwann war ich eben drei Kalender älter und wollte gerne wieder in mein gegenwärtiges Leben zurück. In das Leben ohne ihn, weil er nun eben seit zwei Jahren der Vergangenheit angehörte. Ich wollte zurückkehren in mein Chaos, mit einem Lächeln auf den Lippen aufräumen, die Kalender schön säuberlich in einer der Aufbewahrungsboxen verstauen und meinem Freund eine Kurzmitteilung schreiben, dass er sich für abends was schönes einfallen lassen soll.

Ich wollte, aber mein Herz und mein Verstand wollten irgendwie nicht. Die beiden blieben im Jahr 2003 und zwangen meinen rechten Daumen dazu, eine vor Herzschmerz triefende SMS an den Verflossenen zu verfassen. Und damit nicht genug. Mein Daumen klickte auch noch auf „senden“. Konnte es denn wahr sein, dass ich wegen ein paar Gefühlen im Kalender wie ferngesteuert meine Bude auf Vordermann brachte und dabei auf seine Antwort wartete? Kurzzeitig schien der letzte Rest Vernunft durch zu brechen und mir eine gedankliche Ohrfeige zu verpassen, wurde aber schnell von meinem Herzen ausgeknockt, als mein Handy fiepte. Wir flirteten per SMS, war das denn zu fassen! Er und ich! Was war noch mal der Grund, warum wir uns getrennt hatten? Ich wusste es einfach nicht mehr. Und ich wusste es lange nicht. Ich hatte meine Kalender wohl nicht aufmerksam genug gelesen. Vor allen Dingen aber hatte ich eine Beziehung und war doch glücklich darin! Welcher Teufel ritt mich nur, nach zwei Jahren plötzlich wieder mit meinem Exfreund zu flirten, wegen Kritzeleien in 5 Jahre alten Kalendern!
Ich war das restliche Wochenende abwesend, nicht wirklich ansprechbar und hatte keine Lust auf Sex. Kurzum, ich war nicht mehr normal.

Ich wollte ihn sehen, wollte ihn plötzlich noch einmal in den Arm nehmen, wollte wissen, ob da wirklich noch was war, ich war plötzlich so sicher, dass wir uns nie hätten trennen dürfen. In meinem Übermut log ich meinen Freund an, was ich noch nie, wirklich nie gemacht hatte bis dahin, doch ich hatte ein Date mit meiner damals doch so großen Liebe, wie sollte ich ihm das beibringen. Anschließend kontaktierte ich den Kumpel meines Exfreundes, berichtete ihm voller Begeisterung, dass wir uns treffen wollten, und – erhielt eine ernüchternde Antwort: „Mach keinen Unsinn! Ihr habt Euch getrennt, denk mal nach warum!“ Ja, das hatte ich schon, und ich wusste die Antwort darauf nicht mehr. Warum eigentlich? Und wollte ich das überhaupt noch wissen? Ich wollte mich einfach nur auf dieses Date freuen. Und das tat ich wie ein pubertierender Teenager! Bis es soweit war. Ich sah ihn und wusste plötzlich wieder, weshalb wir Schluss gemacht hatten. Er stand vor mir wie ein Adonis, er sah besser aus denn je, er roch so wunderbar – und doch war ich plötzlich nicht mehr empfänglich dafür. So wie sich vor wenigen Tagen mein Daumen bei der ersten SMS an ihn selbstständig gemacht hatte, so machte sich nun mein Mund selbstständig, der irgendetwas stotterte von wegen wenig Zeit, nur einen schnellen Kaffee, schön, dass wir es mal wieder geschafft haben uns zu sehen. Mein Mund sprach unverbindliches Zeug, mein Daumen tippte unter dem Tisch eine SMS an seinen Kumpel, um ihm zu sagen, dass ich die Antwort auf die Frage nach der Trennung plötzlich wieder wusste, mein Herz und mein Verstand dachten an meinen Freund und nach einer knappen Stunde fuhr ich mit einem Affenzahn und dem definitiven Wissen, wo ich eigentlich hingehöre, zu ihm um ihm zu sagen, wie sehr ich ihn liebe. Höchste Eisenbahn war das! Das Treffen verschwieg ich ihm trotzdem. Die letzten Tage waren von genügend Aufruhr geprägt…

… und das alles wegen ein paar verjährten Gefühlen im Kalender.

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4 Antworten

Kommentare

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    bekannt !

    27.01.2010, 19:23 von Kapuzenwetter
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    Vielleicht sollte ich auch anfangen, meinen Kalender besser zu pflegen...

    26.01.2010, 11:10 von Pittili
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    Kann ich irgendwie nachvollziehen...

    Bei mir gibts ein Tagebuch und einen Kalender, der aber nicht so viel vollgeschmiert wird^^

    Und was es für Effekte hat, wenn ich gewisse Menschen dort wiederfinde werd ich wohl auch irgendwann rausfinden...

    Ich mag deinen Schreibstil... Nicht irgendwie ausgefallen oder furchtbar ausgefeilt, aber authentisch und angenehm zu lesen =)

    23.01.2009, 22:14 von Zoltanina
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    Hallo,
    nach langer Zeit, mal wieder schön, von Dir zu lesen.
    lg :-)

    16.07.2008, 22:02 von el_viento
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