Freulein_Locke 29.05.2012, 19:02 Uhr 0 0

Gefährlich ist anders

Kein Wunder, dass man sich so oft in den Menschen irrt, wenn selbst die Gangster-Rapper heutzutage nicht mehr wirklich gefährlich sind.

Mehr Sein als Schein. Klingt nicht richtig, ist aber so. Im Endeffekt weniger Schwein also. Da steht er, grinst mich an und ist ganz gentlemanlike. Fast schüchtern irgendwie.

Selten treffe ich jemanden, bei dem ich im ersten Moment weiß: „Hey, das passt“. Doch am Samstag passt fast alles. Neue Bar, klasse Bar. Ein bisschen Retro, viel Rock’n’Roll. Ein Motorrad an der Wand, BHs über der Theke. Nur die Musik ist ein kleines bisschen zu leise, wegen der Nachbarn. Ein allgegenwärtiges Problem in den Straßen des großstädtischen Dorfes München.

„Heute lernst Du mal den Soundso kennen!“ Aha, Soundso also. Im Gegensatz zu seiner riesigen Fangemeinde sagt mir der Name am Anfang nicht viel. Und interessieren tut er mich genauso wenig, wie eine Schüssel Rhabarberkompott. Na gut, denk ich mir, ein bisschen Gelaber, aber flott. Ok, das mit den Rhymes kann der Herr um einiges besser als ich. Wär‘ auch irgendwie unvorteilhaft wenn nicht – so als einer der Vorreiter des deutschen Gangster-Raps. Als er seinen Ruf, der ihm durch ganz Deutschland vorauseilt, endlich einholt, steht er da, inmitten der Rockabilly-Gemeinde und reicht mir brav die Hand.  

Das soll er sein? Derjenige, der es mit seinen Texten auf den Index geschafft hat, ein ganz Harter ist, mit Silberketten, die so tief hängen, dass sie ihm beim Laufen die Kniescheiben raushauen könnten. Verkehrte Welt. Vor mir steht eher der Typ Schwiegersohn, der sich aus Zufall in diese Rocker-Kaschemme verirrt hat und aus Versehen mit einem Edding Bilder auf seine Hände, Arme und seinen Hals gemalt hat. Die Brille und die Frisur sitzen akkurat, die braunen Augen leuchten einladend. Das einzig kriminelle an ihm sind seine Grübchen. Unverschämt.

Es passt, alles passt irgendwie. Der Abend, die Getränke, nur das Klischee nicht. Kein Bier, kein Wein, keine Zigaretten. „Gangsta“ ist doch irgendwie anders, oder? Nur Jägermeister geht, ganz nach meinem Geschmack, der (eigentlich nicht so) nette Herr von nebenan. Wieder einmal bestätigt sich, dass der Schein dem Sein überliegt. Zumindest in der Wahrnehmung der anderen. Irgendwann sangen Die Prinzen einmal „Du musst ein Schwein sein in dieser Welt“, ein Credo, das dieser Junge lebt – solange die Kameras an sind.

Wir quatschen, um es in seiner Berliner Schnauze zu sagen, lachen, Blicke treffen sich und dann, boom, die Info aller Infos. Der Ring und der tätowierte Name ließen es vermuten, doch nun kommt die Vergewisserung. Verheiratet mit Kindern. Wirklich ziemlich Extrem-Gangsta dieser Goldjunge, der für Frauen in seinen Texten sonst mehr Hassparolen als geseufzte Treueschwüre übrig hat.

Der Schein trügt also. Kein Wunder, dass man sich so oft vertut, wenn selbst die Gangster-Rapper heutzutage nicht mehr wirklich gefährlich sind und es anstatt „Gangster“ dann „Gang? Nee!“ heißt. Eigentlich ist er sogar unverschämt nett. Doch irgendwie passt das ja auch wieder in dieses Zeitalter der kriminellen Bänker, der pädophilen Priester und der korrupten Polizisten und Politiker. Upside down, die Welt steht Kopf.

Mit steigendem Alkoholpegel steht mein Kopf auch irgendwie upside down, zumindest dreht sie sich, meine kleine heile Welt. Frische Luft tut gut, die Idee zu zweit spazieren zu gehen wird allerdings schnell verworfen. Zum Besten aller Beteiligten, denn nett sind wir ja beide. Dann steht er da, schaut mich mit seinen großen Augen an und sagt mir, ich sei „gefährlich“.   


Tags: Rapper, Gangster, Klischees, erster Eindruck
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