Fadenroth 30.11.-0001, 00:00 Uhr 42 25

Gefährlich Grau

Grau ist das neue Schwarz. Alles bleibt offen, nichts wird definiert. Wir schleichen leise weiter, damit Wahrheit und Realität uns nicht finden.

Ich presse mein Gesicht an deinen warmen Hals, du riechst so wahnsinnig gut. Mir wird schwindlig bei deinem Duft und ich sauge ihn gierig ein, mit allem was ich habe. Es ist 7 Uhr morgens und du musst gehen. Zur Uni, zur Arbeit, irgendwohin. Du sagst nichts, willst es mich nicht wissen lassen. Lieber legst du dich noch einen Moment zu mir, damit der Glanz und die Glorie der letzten Nacht noch etwas bei uns bleiben. Doch sobald meine Wohnungstür ins Schloss knallt, ist der Zauber gebrochen.


Du liegst ganz ruhig da und schaust mich an. Ich bin zum ersten Mal bei Dir und wusste bis vor 20 Minuten noch nicht mal deine genaue Adresse. Es war nicht nötig. Zu viele konkrete Informationen machen mich nervös, üben Druck aus. Alles soll seicht von allein fließen, nichts wird kontrolliert. Wir wollen entspannt bleiben, uns in der Grauzone verstecken und einnisten. Hier ist es warm und gemütlich. Keine unbequemen Fragen, keine unliebsamen Antworten, keine Enttäuschungen. Grau ist das neue Schwarz. Alles bleibt offen, nichts wird definiert. Wir schleichen leise weiter, damit Wahrheit und Realität uns nicht finden.

Meine Lunge tut weh. Es fühlt sich an, als habe sie jemand mit einem kleinen kratzigen Drahtschwamm ausgescheuert. Ich bekomme keine Luft und krümme mich, falle auf die Knie. Ich weiß nicht, wo du bist und dein Handy ist aus. Es ist bereits das zweite Mal, dass du mich ohne Vorwarnung versetzt. Ich liege am Boden, drücke meine Wange an die kalten Fließen. Mir wird schlecht und ich erbreche mich dramatisch über dem Klo. Im Radio läuft Vivaldies "Vier Jahreszeiten". Es ist der Sommer - laut und gewaltig, fordernd und einnehmend. Bis vor kurzem lief der Frühling, leise und galant. Ich habe Angst und schaue mich um. Alles ist grau.

Die Sonne geht bereits in leuchtenden Strahlen unter und taucht alles in ein herzzerreißendes Licht. Ich schaue in den Himmel, schaue in die Baumkronen und lasse meinen Blick schweifen, soweit ich kann. Dann treffen sich unsere Blicke. Du schaust mich an, ich sehe die nackte Panik im Schwarz deiner Pupillen. Du atmest seltsam, viel zu schnell und gleichzeitig scheinst du zu ersticken. Ich halte den kleinen Stab zwischen meinen Fingern und hoffe, den meisten Urin abgewaschen zu haben. Ich lege den Test zwischen uns beide und starre auf meine leeren Hände. Da ist er: unser schwarzer, knallhart definierter Status. Keine gemütliche Grauzone mehr, kein Versteck ist übrig. Er hat uns gefunden und schlägt uns mit einer solchen Wucht mitten ins Gesicht, dass wir den Verstand verlieren. Und uns.

Ein kühler Wind weht herein, ich habe die Balkontür über Nacht offen gelassen. Die hohen Decken dieser schönen Altbauwohnung lassen mir Raum zum Atmen. Ich hole Luft, tief und lang. Meine rechte Hand fährt über meinen Bauch und verharrt für einen Moment. Es ist so wie immer. Wir haben uns entschieden. Dieses eine Mal nur haben wir klar definiert, was wir sein wollen. Und was nicht. Ich drehe mich zur Seite und schaue auf den Rücken eines mir völlig fremden Mannes. Leise stehe ich auf, ziehe mich an und verschwinde. Die Sonne geht gerade auf, doch der Himmel ist noch gefährlich grau. Ich schaue hinauf und denk' an Dich.


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42 Antworten

Kommentare

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    gefällt mir gut

    05.08.2012, 23:53 von Ozelotte
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    Großartiger Text! Danke dafür!

    Lieblingsstelle
    "Da ist er: unser schwarzer, knallhart definierter Status. Keine
    gemütliche Grauzone mehr, kein Versteck ist übrig. Er hat uns gefunden
    und schlägt uns mit einer solchen Wucht mitten ins Gesicht, dass wir den
    Verstand verlieren. Und uns."

    23.07.2012, 15:56 von Graustufen_statt_schwarzweiss
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  • 1

    OMG... was habt Ihr eigentlich immer für Probleme mit Verbindlichkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen?

    22.07.2012, 20:17 von FrauElly
    • 0

      Genau darum geht es ja. Ich habe diesen Text geschrieben, weil so viele Menschen, die ich kenne, sich so sehr eine feste Bindung wünschen, aber an der eigenen Unsicherheit scheitern. Nicht jeder ist offen und ehrlich für die Liebe. Wir tragen alle etwas in uns, dass Sehnsüchte auslöst - doch nicht immer werden sie vom Gegenüber aufgefangen und befriedigt. Es geht nicht darum, dass man ein "Problem" damit hat, sondern viel mehr Angst.

      23.07.2012, 18:03 von Fadenroth
    • 0

      hmmm... Angst ist aber auch kein "unproblematisches" Gefühl ;)... wo kommt den diese Angst her? und vor allem - Angst wovor?

      24.07.2012, 16:55 von FrauElly
    • 0

      Angst vor dem Alleinsein denke ich. Angst vor dem Unwichtig werden. Angst, sich selbst im anderen zu verlieren... ich kenne da viele Varianten - zum Glück nicht alle aus eigener Erfahrung ;-) !

      26.08.2012, 20:22 von Fadenroth
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  • 0

    Das offene Ende passt perfekt, man malt sich so viele Möglichkeiten aus.. 


    Gut geschrieben!

    22.07.2012, 13:04 von redlipstick
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Hmmmm, vermutlich ist es Absicht dass der Leser nicht erfährt ob sie nun schwanger war oder nicht...ich hätte es gerne gewußt.

    20.07.2012, 09:27 von Igel75
    • 0

      Sie lässt Interpretationsspielraum. Ist doch auch mal was schönes.

      20.07.2012, 09:49 von Tanea
    • 1

      Klar, künstlerische Freiheit und so.
      Ich bin aber eine neugierige Person, ich mag Fakten ;0)

      20.07.2012, 09:51 von Igel75
    • 0

      'Fakten' ?
      Sowas gibt's?

      20.07.2012, 10:01 von sailor
    • 0

      Es ist was es ist..schwanger oder nicht.
      Halbschwanger kann man schließlich nicht sein.

      20.07.2012, 10:03 von Igel75
    • 1

      Das stimmt.
      Aber vielleicht ist das ja nicht der entscheidende Punkt...

      20.07.2012, 10:08 von sailor
    • 0

      Aber scheinschwanger^^

      20.07.2012, 10:11 von halbkindmf
    • 0

      @sailor, was denkst Du, war denn der entscheidende Punkt?


      20.07.2012, 13:26 von Igel75
    • 0

      »Zu viele konkrete Informationen machen mich nervös, üben Druck aus.«

      20.07.2012, 13:31 von sailor
    • 1

      Vielleicht, dass diese Beziehung sich im unverbindlichen eingerichtet hatte und es sicher noch länger sie weitergegangen wäre vielleicht sogar mit Hoffnung auf mehr von der einen Seite. Bis der (ich unterstelle) positive SS-Test alles unverbindliche auf einen Schlag beendet und von beiden eine klare Stellungnahme fordert. "Wollen wir dieses Kind zusammen, oder nicht ?" Und damit eine Lebensentscheidung.

      20.07.2012, 13:33 von Tanea
    • 0

      SS-Test klingt aber ein bisschen nunja...

      Aber so seh ich das auch... Positiver Test, negative Entscheidung, Turbulenzen...

      20.07.2012, 13:36 von sailor
    • 0

      @Tanea, ja soweit denke ich es mir auch zurecht.
      Aber hat sie das Baby noch (oder überhaupt) im Bauch als sie bereits getrennte Wege gehen.
      Moralische Frage :"darf Sie das?" wenn er evtl gegen das Kind war? Es womöglich abgetrieben sehen wollte?

      20.07.2012, 13:39 von Igel75
    • 1

      @Igel : Interpretationsspielraum eben. Find ich gut.
      @Sailor: Ich weiß, aber man kürzt es Tatsächlich so ab.

      20.07.2012, 13:40 von Tanea
    • 3

      »Es womöglich abgetrieben sehen wollte?«

      Hat er da was zu wollen? Ich bin ja der altmodischen Meinung, daß Männer, die die Herausforderung einer Vaterschaft nicht zu tragen bereit sind, prophylaktisch nicht vögeln sollten. Oder dafür Sorge tragen sollten, daß eine Schwangerschaft nicht zustande kommt.

      Und die Frage: »Nimmst Du die Pille?« ist da nicht aussreichend...

      ^^

      20.07.2012, 13:47 von sailor
    • 0

      Das ist Dein persönlicher moralischer Standpunkt.
      Ich frage mich aber wie hat sich da der Traumtyp dieser Geschichte aufgestellt.
      Ganz schnell katapultiert eine Stellungnahme in dieser Hinsicht einen Traumtypen in das Arschlochdasein.
      Ich wüsste gerne wie ich mich emotional zu dem zweiten HAuptdarsteller positionieren soll als Leser ;0)

      20.07.2012, 13:53 von Igel75
    • 0

      Ist er denn ein Traumtyp für sie?

      20.07.2012, 13:56 von Tanea
    • 0

      Das ist meine Meinung. Steht da ja.

      Ich weiß nicht ob das eine Frage der Moral ist. Eher eine der Verantwortung. Aber vielleicht ist das ja dasselbe...

      20.07.2012, 14:01 von sailor
    • 0

      Ja stimmt schon, "Traumtyp" war etwas hochgegriffen.
      Ich suchte nur eine Benennung für den MAnn ohne Namen.
      Er weckt halt Sehnsüchte in ihr.

      20.07.2012, 14:02 von Igel75
    • 0

      Eben @sailor, man kann auch auf Wolke sieben, oder in der Grauzone, die Verantwortung für sein Handeln nicht einfach ablegen.
      Sonst triffts einen mal voll in die F****
      Ha
      Da haben wir doch die Moral ..

      20.07.2012, 14:07 von Igel75
    • 0

      Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen wirkt darüber hinaus auch sexy...

      20.07.2012, 14:10 von sailor
    • 0

      ...und männlich.

      20.07.2012, 14:16 von Igel75
    • 1

      Was ja auch insbesondere für Frauen erstrebenswert ist...

      ^^


      20.07.2012, 14:22 von sailor
    • 0

      lach

      20.07.2012, 14:33 von Igel75
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  • 1

    Schön...

    20.07.2012, 09:18 von sailor
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  • 1

    Grau ist das neue Schwarz. Alles bleibt offen, nichts wird definiert.

    klingt irgendwie gut....und irgendwie auch nicht!!!;)

    19.07.2012, 22:14 von FinchenMagLachen
    • 0

      Diese Grauzone kenne ich zu gut. Wenn man sich freiwillig dafür entscheidet ist sie eine praktische Sache, wenn man in sie gedrängt wird, weil der andere keine Definition möchte, dann ist sie schmerzhaft. Sehr schmerzhaft.
      Der Text trifft es ziemlich gut.

      19.07.2012, 23:26 von Esmeralda_20
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  • 1

    Keine gemütliche Grauzone mehr. Davon weiß ich ein Lied zu singen.


    und btw Zauber bricht nicht. Zauber verfliegt.


    "Mir wird schwindlig bei deinem Duft und ich sauge ihn gierig ein, mit allem was ich habe. "


    Mit was bitte, außer deiner Nase, könntest du das auch tun? Fragen über Fragen.... :-//

    19.07.2012, 18:01 von Jackie_Grey
    • 1

      Danke für deine Anmerkung mit dem Zauber! Ich hatte da allerdings eher an die Illusion gedacht, an den Bann, der über uns liegt... ähnlich wie in einem Märchen. Da müssen Zauber auch gebrochen werden.

      Und ich weiß ja nicht, wie Du an den Hälsen der Menschen riechst und Düfte wahrnimmst, aber ich benutze dazu gerne auch neben der Nase den Mund und zur Abrundung die Hände zum ewigen bewahren im Gedächtnis ( auch wenn das manchmal sehr schwer ist). Danke trotzdem für die Kritik ;-)

      19.07.2012, 18:12 von Fadenroth
    • 0

      Mir wird schwindlig bei deinem Duft und ich sauge ihn gierig ein, mit allem was ich habe.

      Ich habe ein sehr feines Näschen... Vielleicht hätte es besser geklungen: Ich sauge ihn ein, mit all meinen Sinnen. (statt: mit allem was ich habe...)  :-)

      19.07.2012, 18:46 von Jackie_Grey
    • 0

      Hätte, wenn und aber ;-D haha.

      Dieser Text ist in einer Nacht in einem Stück aus meinen Finger geflossen. Und das kam mir als erstes in den Sinn, obwohl ich fast es sprachlich besser finde, wie du es beschreibst ;-)

      19.07.2012, 18:49 von Fadenroth
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 2

      Lass das bitte so :D Ich mag den Text


      Übrigens das mit dem Zauber: gebrochen und verfliegen geht beides. gebrochen ist aber abrupter und passt imho zum Türknall

      20.07.2012, 08:41 von Jingeling89
    • 0

      @topfbluemchen
      @Jingeling89

      Ja, Zauber kann auch brechen. Ihr habt mich überzeugt. Danke.

      20.07.2012, 11:11 von Jackie_Grey
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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