Gebrannte Kinder
Aus früheren Beziehungen schleppt fast jeder Altlasten mit sich herum. Doch wer in seinem LIEBESGEDÄCHTNIS zu lesen lernt, kann Katastrophen vermeiden.
Alles neu macht der Kai, denkst du und genießt das große Gefühl der unbeschwerten ersten Wochen mit ihm. Egal, was draußen vor dem Fenster los ist, ab jetzt ist Frühling. Tagelang liegt ihr im Bett herum, schreibt zärtliche Dinge auf zärtliche Postkarten, immerzu schwankend zwischen emotionalem Aneinander heran tasten und sexuellem Übereinanderherfallen. Großartiges, perfektes Verliebtsein. Gerade wart ihr spazieren, habt euch Dinge von früher anvertraut, jetzt ist da auf einmal dieses Unbehagen. Kais Bemerkung, einfach so da hin gesagt: In allen Beziehungen seiner Vergangenheit sei ja immer er derjenige gewesen, der nach einer Weile das Weite gesucht habe. Er lachte kurz auf, wollte eigentlich sagen, dass jetzt mit dir alles anders ist, aber dir stockte der Atem. Da liegt es mal wieder. Wie ein alter Lappen, zusammengeknüllt, vor sich hin miefend: das Beziehungsgedächtnis. Über Jahre hat es alles aufgesogen, all die anfänglichen Hoffnungen und verkorksten Geschichten, jedes Verlassenwerden, die Traurigkeit danach, die Verachtung und Wut. Es liegt da, nervt und stinkt das nigelnagelneue Beziehungshaus voll, das doch gerade erst frisch hochgezogen wurde. In dem Freude herrschen soll und Liebe und Vertrau en – verdammt noch mal! – und nicht die Vergangenheit mit ihrem Muff. Was ist, wenn er geht, wie seine Vorgänger? ist der Angstgeruch, stechend wie Ammoniak. Warum will er mich heute abend nicht treffen? der Mief des Misstrauens. Oder die schwere Luft der Verallgemeinerung: Wieso kapiert keiner von meinen Freunden, dass ich sie einfach so viel wie möglich sehen möchte, wenn ich verliebt bin? Ein altes Trauma, hineingetragen in eine neue Beziehung. Mit Mitte zwanzig, Anfang dreißig trifft man kaum noch jemanden, der nicht von einer Verletzung berichten kann – und ihren jeweiligen Folgen: Der Exfreund hatte ein Suchtproblem – schon fängt man an, den neuen Partner argwöhnisch zu kontrollieren. Die Exfreundin hat einen schlimm betrogen – schon engt man die Neue ein, klettet und ist eifersüchtig. Mit dem Exfreund hat es im Bett nicht so richtig geklappt – schon ist da die Angst, dass die Lust auch mit dem neuen Freund bald wieder abflaut.
All das dünstet er aus, dieser Lappen, den wir alle ab einem bestimmten Alter und Erfahrungsschatz mit uns herumtragen. Er ist das Speichermedium vergangener Liebschaften, von denen jeder, bis er dreißig ist, laut Statistik vier durchlebt hat. Wohin damit? Entsorgen lässt er sich nicht: Er hängt wie ein Schatten an einem. Kann man ihn waschen? Den tiefen Schmutz lösen, bei hoher Drehzahl in der Bewusstseinswaschmaschine schleudern? Und das Beziehungsgedächtnis dann aus der Maschine nehmen: fleckenlos, unschuldig, strahlend weiß? Wie wäre es, wenn wir in jede neue Liebe so hineingingen, als wären wir unbeschriebene Blätter, unverkorkst und ungebrochen? Im Film »Vergiß mein nicht – Eternal Sunshine Of The Spotless Mind« wird genau dieses Gedankenexperiment durchgespielt: Jim Carrey und Kate Winslet lassen mit Medikamenten und einer Apparatur die schmerzhaften Erinnerungen an ihre gescheiterte Liebe löschen. Bar jeder Erinnerung an den jeweils anderen treffen sie sich wieder – und verlieben sich noch einmal ineinander. Es ist hoffnungslos. Keine Apparatur der Welt kann einen davor schützen, wieder und wieder in das (Un-)Glück zu rennen, das sich Liebe nennt. Zum Glück, kann man sagen. Im besten Fall sind wir so unvernünftig, es erneut zu versuchen. Und im schlechten Fall hat der letzte Liebeskummer Spuren hinterlassen: »Indem sich negative Erinnerungen eingraben, will uns unser emotionales Gedächtnis davor schützen, wieder in dieselbe Falle zu tappen«, sagt Professor Wolfgang Maier, Neurobiologe und Psychiater an der Universität Bonn. Er beschäftigt sich tagtäglich mit der Frage, welche Folgen es hätte, wenn man verhindern würde, dass sich schlimme seelische Verletzungen im Gedächtnis festsetzen. Möglich (und ethisch nicht unumstritten) ist das heute schon, etwa bei Traumapatienten nach schweren Unfällen.
Was aber passiert nach einer schlimmen Beziehungserfahrung? Das emotionale Gedächtnis lernt für die Zukunft. Es baut Schutzmechanismen ein, damit negative Liebeserfahrungen sich nicht wiederholen. »Menschen, die viele Verletzungen erlebt haben und etliche Liebeskummer durchlitten haben, sind tatsächlich vorsichtiger bei ihrer Partnerwahl,« sagt Wolfgang Maier. Und selbst als gebrannte Kinder müssen wir doch eingestehen, dass die Glückshormone der Verliebtheit einer neuen Beziehung uns aufs Beste entschädigen für den Mist, den man in der Vergangenheit durchleiden musste. Sie vernebeln das Hirn so, dass man den Lappen eine Zeit lang erfolgreich aus dem Gesichtsfeld verbannen kann. Doch dann: eine dahingesagte Bemerkung (»Zusammenziehen? Da hab ich schlechte Erfahrungen gemacht, nie wieder!«) oder beobachtetes Verhalten (»Schreib mir doch eine SMS, wenn du zu Hause angekommen bist …«), und über kurz oder lang stolpert man dann wieder über die alten Probleme: Bindungsangst, Eifersucht, Kontrollwahn. Schwierig ist das vor allem für den Partner: Der kann schließlich für die alten Traumata des anderen nichts. Erzählt man ihm nicht davon, wird er sie vielleicht nicht einmal bemerken. Er wird sich nur wundern, im schlimmsten Fall ärgern, über die Empfindlichkeit, mit der die neue Freundin auf vermeintliche Kleinigkeiten reagiert: das harmlose Treffen mit einer alten Freundin zum Beispiel. Woher soll er wissen, dass sie ihren vorigen Partner an dessen beste Freundin verloren hat und wochenlang nicht merkte, wie sich die beiden nicht nur zum Kaffee trinken trafen? Er kann nicht wissen, dass sie vor nichts mehr Angst hat, als noch einmal auf dieselbe Weise verraten zu werden.
Jeder fürchtet sich davor, eine erlebte Verletzung ein zweites Mal durchleiden zu müssen. Und tatsächlich: Wer immer wieder die gleichen negativen Erfahrungen macht, sollte sich einen Ruck geben, sich bücken und den Lappen aufheben, ihn gut durchlüften und sich die Flecken darin einmal genauer ansehen. Die haben nämlich einen Sinn: Wir können sie benutzen, um unsere eingespielten Verhaltensweisen verstehen zu lernen, um »Muster zu entdecken und neue Enttäuschungen zu vermeiden«, wie der Familienpsychologe Wolfgang Hantel-Quitmann sagt. Das ist not- wendig, denn: »Können die Reifungskonflikte nicht gelöst werden, weil alte Ängste im Weg stehen, bleibt der Mensch auf einer Entwicklungsstufe stehen.« Er hängt in einer Spurrille fest wie die Nadel auf einer Schallplatte, die einen Kratzer hat. Sieht man genauer hin, lässt sich in dem Muster des Beziehungsgedächtnisses lesen wie in einem Buch. Es handelt immer von einem selbst. Oft reicht die Geschichte sehr weit zurück. Sie fängt mit einem kleinen Kind an. Es hat vielleicht irgendwann einen Mangel erfahren, an Liebe oder Aufmerksamkeit. Oder bekam Zuneigung nur, wenn es Leistung brachte. Oder das Kind wurde geschlagen. Oder zu sehr bemuttert. Oder bevormundet. Oder war so frei, dass es diese Freiheit für Desinteresse der Eltern an sich interpretierte. Unzähligen Erschütterungen ist ein Kind bei seiner Entwicklung ausgesetzt. Manche verkraften diese gut, gehen unbeschadet aus der Jugend heraus und führen bald gute, gesunde Beziehungen. Andere verarbeiten Erschütterungen weniger gut oder gar nicht, verstauen sie in tiefen Schichten ihres Unterbewusstseins, wo sie leise vor sich hin grummeln – und fortan jede Beziehung beeinflussen.
»Jede innere Angst, jede Abwehrhaltung – mag sie auch noch so tief in der eigenen Seele verborgen sein – wird sich in der Partnerschaft manifestieren«, schreibt die Paartherapeutin Eva-Maria Zurhorst in ihrem lesenswerten Buch mit dem nicht ganz so lesenswerten Titel »Liebe dich selbst, und es ist egal, wen du heiratest«. Das erwachsene Kind sucht sich oft einen Partner, der genau das verkörpert, was dem Kind gefehlt hat. Oder es wählt den Partner immer so, dass ihm genau das fehlt, was auch dem Kind gefehlt hat. Auf jeden Fall spiegeln sich Prägungen in späteren Beziehungen. Aber es müssen nicht nur Schatten der bis in die Kindheit zurückreichenden Vergangenheit sein, die einem das Leben schwer machen. Meistens sind es die Wunden aus der vorherigen Beziehung, die noch schmerzen: Da war die Exfreundin, die einen für ein paar Stufen auf der Karriereleiter zurückließ. Da war die so groß geglaubte Liebe, die in Routine und Abgeklärtheit versank. Und da war der Freund, bei dem die Scherben seiner früheren Beziehung so unaufgeräumt im Weg lagen, dass die neue Liebe auf zu wackligem Terrain stand. Egal, woher die Altlasten kommen, entscheidend ist, sich bei der Auflösung der Muster weniger den Fehlern des Partners zu widmen, sondern sich auf die eigenen zu konzentrieren. Denn: »Der andere ist immer nur die Lein- wand, auf der man die eigenen unerfüllten Bedürfnisse, die eigene Fähigkeit zu lieben, die eigene Lebendigkeit, vor allem aber die eigene tiefe innere Spaltung zwischen Sehnsüchten und Ängsten betrachten kann,« sagt Eva-Maria Zurhorst.
Und es stimmt: Kein Partner wird einem zur Glückseligkeit verhelfen und keiner kann die eigene Selbstachtung gewährleisten. Egal, wen man trifft – man begegnet am Ende sich selbst. »Gerade da, wo sich etwas besonders festgefahren, kalt, wutgeladen, hasserfüllt oder abstoßend anfühlt, gibt es eine Menge zu tun«, sagt Zurhorst. »Und zwar im eigenen Selbst.« Wer bei genauerer Untersuchung des alten Lappens entdeckt, dass er immer derjenige war, der eine Beziehung beendet hat, sollte überlegen, warum. Weil er Angst vor einer zu tiefen Bindung hat? Weil die Sehnsucht nach einer ganz tiefen Beziehung – und sei es die zur Mutter oder zum Vater – einmal tief enttäuscht worden ist? Bei Daniel war das so: Er ist das jüngste von drei Kindern; als seine Mutter wieder voll anfängt zu arbeiten, ist er erst zwei. Und kann sich noch daran erinnern, wie verzweifelt er seiner Mutter hinterhergeweint hat, wenn sie ihn in den Kindergarten brachte. Wie verängstigt und fremd er sich dort gefühlt hat, wie sehr er in den ersten Monaten die anderen Kinder auf Abstand hielt. Er hat schon die vierte Beziehung beendet, ohne einen Grund da für nennen zu können. Bei allen vieren war aber immer die Frage nach dem Zusammenziehen aufgekommen – die Daniel verneinte. Oder Simone, die alle Männer, die sie liebevoll behandeln, schnellstens an die Luft setzt. Und sich mit traumwandlerischer Sicherheit in Katastrophenbeziehungen manövriert, in denen sie Opfer ist.
Wer feststellt, dass er wiederholt vom Freund oder der Freundin schlecht behandelt wird, muss genau hinsehen und sich fragen, warum dies geschehen kann. Ist da, tief im Inneren, zu wenig Selbstrespekt? Zu wenig Bewusstsein für den eigenen Wert? Zu wenig Liebe für das eigene Ich, sodass man den Partner fast dazu einlädt, sich missbräuchlich zu verhalten? »Alles ist eine Widerspiegelung unserer inneren Seelenlandschaft. Die Menschen um uns herum agieren genau die Persönlichkeitsteile aus, die wir in uns tragen«, sagt Zurhorst. Und: »Niemand tut uns etwas zuleide, das wir uns nicht selbst antun.« Wir tragen fast alles in uns – deswegen ist bei krisenhaften Beziehungsmustern das Verhalten des Partners nicht Ursache, sondern Spiegel eines ungelösten Konflikts. Die Ursache selbst liegt in uns. Das sind gute Neuigkeiten, denn damit hat man es auch in der Hand, Veränderung herbeizuführen. Ändern kann man ja meistens nur sich selbst. Dem anderen sollte man aber zumindest von den eigenen Altlasten erzählen, »taktvoll, ohne ihn zu über fordern «, rät auch Paarpsychologe Wolfgang Schmidbauer (siehe Interview Seite 68). Nur wenn der Partner weiß, worauf der andere empfindlich reagiert, kann er helfen, die Wunden zu heilen. Ein Partner, der es ernst meint, wird das tun und die wunden Punkte nicht erneut reizen. Schonungslos, intensiv und ehrlich sollten wir aber vor allem bei uns selbst auf die Suche nach den Altlasten gehen – um aus der Spurrille herauszuhüpfen, die uns immer wieder auf dieselben Fehler zusteuern lässt. Uns mit Geduld und Verständnis über den alten Lappen beugen, ihn als Karte lesen für unsere innere Landschaft. Ihn glatt streichen, mit den Fingern die Ränder der Flecken nachzeichnen. Die jetzt gar nicht mehr wie Flecken wirken. Sondern wie ein besonderes, einzigartiges Ornament.
Tags: Trennung, Eifersucht, Zusammenziehen




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